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Montag, 04. Dezember 2017 Drucken

Südwest

Eine Stunde mit ... Pia Schellhammer:

Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion im Landtag über ihr Studium und über Stilfragen in der Politik

Mit Isomatte und Tee dem Winteranflug auf der Burgruine Landskron in Oppenheim trotzen: Die Grünen-Landespolitikerin Pia Schellhammer (rechts) im Gespräch mit RHEINPFALZ-Korrespondentin Karin Dauscher.

Mit Isomatte und Tee dem Winteranflug auf der Burgruine Landskron in Oppenheim trotzen: Die Grünen-Landespolitikerin Pia Schellhammer (rechts) im Gespräch mit RHEINPFALZ-Korrespondentin Karin Dauscher. ( Foto: K. Schäfer)

Pia Schellhammer (32), Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion im Landtag, wählte die Burgruine Landskrone in ihrer Heimatstadt Oppenheim.

Es ist nicht jedermanns Sache, sich bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt ins Freie zu setzen. Aber Pia Schellhammers Vita hat einiges mit der Burgruine Landskrone hoch über Oppenheim zu tun. Deshalb wäre es schade, das Treffen in eine warme Stube zu verlegen.

 

Während wir uns einen Platz suchen, die Isomatte ausbreiten und die Sanduhr in Szene setzen, zeigt die Grünen-Politikerin über den Rhein: „Von hier aus kann man Biblis sehen – zumindest bei klarem Himmel.“ Der Atommeiler treibt sie um und hat sie schon in der Schulzeit politisch aktiv werden lassen. Mit dem Fahrrad fuhr sie zu Demos vor dem hessischen Kernkraftwerk, das inzwischen stillgelegt vor sich hin strahlt. Dann zeigt Pia Schellhammer etwas weiter rheinaufwärts. Im Dunst sind Windkraftanlagen zu erkennen. „Das ist die Zukunft.“ Auf diese energiepolitische Perspektive habe ich von hier aus nie geachtet. Wer selten auf der Landskrone ist, wendet den Blick kaum von der imposanten Katharinenkirche ab.

 

Die Oppenheimer beschäftigt aktuell ein anderes Thema als Energie: Gegen Stadtbürgermeister Marcus Held (SPD) ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Untreue, und der Landesrechnungshof prüft Unterlagen. Er soll Maklergeschäfte zu Lasten der Stadt ohne Rechtsgrundlage abgesegnet haben. Schellhammer, als Landespolitikerin Teil der rot-relb-grünen Regierungskoalition, sitzt im Verbandsgemeinderat von Rhein-Selz, wozu auch Oppenheim gehört, in der Opposition. „Wir kämpfen um eine Sondersitzung, darum, dass wir den kompletten Entwurf des Rechnungshofberichts kriegen, aber die Aufklärung wird uns erschwert“, sagt sie. Den politischen Stil der Großen Koalition, die in der Kommune das Sagen hat, bezeichnet sie als „unterirdisch und intransparent“. Im Landtag ist die Rheinhessin selten so aufgebracht, selbst wenn Provokationen aus der AfD-Fraktion kommen, bewahrt sie äußere Ruhe. Was für ein Typ ist die vegan lebende 32-Jährige mit den langen roten Haaren, den Tattoos an den Armen und dem Nasenpiercing? Bei der Vorbereitung habe ich gelesen, dass sie gerne laute Musik hört. „Rock oder Rap?“, frage ich.

 

„Eindeutig Rock. Ich höre verdammt viel Musik und da bevorzuge ich die härtere Gangart.“ Nischenmusik suche sie sich. Bands, die auf kleinen Bühnen spielen – und die Schallplatten produzieren, denn die sammelt sie. Als Schellhammer 2011 mit 26 Jahren erstmals in den Landtag einzog, titelte die „Bild“-Zeitung, sie sei die „schrillste Abgeordnete“. „Ich halte mich nicht für eine schrille Persönlichkeit“, winkt Schellhammer ab. Es war schon damals ein Klischee.

 

In Oppenheim ist die junge Politikerin Mitglied im Weinbau- und im Heimatverein, ihre Familie lebt seit Generationen in der rheinhessischen Stadt. Sie ist die erste, die Abitur machte und studierte – Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft. „Ich habe sehr hart gearbeitet, teilweise hatte ich zwei Jobs nebenher und das Ehrenamt.“ Deshalb war es ihr wichtig, das Studium abzuschließen, obwohl sie bereits Landtagsabgeordnete war. „Ich habe den Abschluss generalstabmäßig geplant“, sagt Schellhammer – wieder ein Satz, der in kein grünes Klischee passt. Tagsüber Koalitionsverhandlungen, nachts Magisterarbeit, in der sie die Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch die 68er untersuchte. Ein Thema, das die Politikerin in der Auseinandersetzung mit der sogenannten Neuen Rechten wieder bewegt.

 

Die mit „sehr gut“ bestandene Abschlussprüfung, ihr junges Alter und die Erfahrung aus den ersten fünf Jahren im Parlament verhinderten, dass sie von Zukunftsängsten gepackt wurde, als die Grünen bei der Landtagswahl 2016 miserabel abschnitten. Sie schaffte auf Listenplatz sieben zunächst nicht den Einzug. Aber von der um acht auf sechs Köpfe geschrumpften Fraktion wurde ihr signalisiert, sie werde gebraucht. Als Anne Spiegel Integrationsministerin wurde und ihr Landtagsmandat niederlegte, rückte Schellhammer nach und wurde Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion. „Politik ist meine Leidenschaft, aber ein Mandat ist immer nur auf Zeit verliehen“, sagt sie.

 

Die Sandkörner rieseln und sind fast schon an der enger werdenden Stelle angekommen. Jetzt kann es nicht mehr lange dauern. Auch unser Widerstand gegen die Kälte ist nicht unendlich. Zeit für die letzte Frage, die bekanntlich dem Gast gehört: „Was sind die Themen, die Sie auf lange Sicht bewegen?“, fragt mich Pia Schellhammer. Puuh. Schwierige Frage an eine Tageszeitungsredakteurin. Spontan fallen mir Themen ein, die von Wiedervorlage zu Wiedervorlage wandern, Themenideen, die sich um Machtpolitik und politische Kultur drehen. Schließlich sage ich: „Zum Beispiel, was aus dem Klimaschutz in Rheinland-Pfalz geworden ist, den die Grünen mit einem Gesetz und einem Konzept vorantreiben wollten. Eigentlich sollte der erste Bericht schon vorliegen.“. „Ist in Arbeit“, erwidert Schellhammer – und ist wieder ganz die Parlamentarische Geschäftsführerin, die den Überblick behält.

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