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Donnerstag, 14. Juni 2018 Drucken

Südwest

Eine außergewöhnliche Beziehung

Ab dem Jahr 1911 war Michael Faulhaber Bischof in Speyer. 1917 wechselte er aus der Pfalz nach München. Dort wurde er zu einem der einflussreichsten Kirchenmänner des 20. Jahrhunderts und traf auf eine alleinstehende Lehrerin. Der Geistliche und die Germanistin Franziska Bösmiller standen sich zeitweise sehr nahe. Eine Spurensuche.

von Andreas Ganter

In diesem Koffer befanden sich die Tagebücher von Franziska Bösmiller. Er wurde nach ihrem Tod bei einer Verwandten im oberfränkischen Marktredwitz aufbewahrt.

In diesem Koffer befanden sich die Tagebücher von Franziska Bösmiller. Er wurde nach ihrem Tod bei einer Verwandten im oberfränkischen Marktredwitz aufbewahrt. ( Foto: Leugers)

„Du Sonntagskind“, so nannte Kardinal Faulhaber seine Freundin Franziska Bösmiller angeblich.

„Du Sonntagskind“, so nannte Kardinal Faulhaber seine Freundin Franziska Bösmiller angeblich. ( Foto: Bundesarchiv R 9361-V/14659)

Michael Faulhaber galt als sittenstreng. Diese Aufnahme zeigt ihn zu seiner Zeit als Bischof von Speyer.

Michael Faulhaber galt als sittenstreng. Diese Aufnahme zeigt ihn zu seiner Zeit als Bischof von Speyer. ( Foto: Bistumsarchiv Speyer)

„Das ist die wahre Schönheit – die Schönheit von Geist und Körper – diese Vereinigung. Dass du so bist, dass du da bist – dass du da bist in Atem deiner Seele und deines Lebens – darum liebe ich dich so – meine Franziska.“

 

Das Zitat mag für heutige Ohren kitschig klingen, stammt aber nicht aus einem Roman, sondern wurde von Franziska Bösmiller notiert. Wenn man glaubt, was die Lehrerin ihrem Tagebuch vor 80 Jahren anvertraut hat, dann hat niemand geringeres als der damalige Münchener Kardinal Michael Faulhaber diese Worte zu ihr gesagt.

 

Wie kam die Beziehung an

die Öffentlichkeit?

Die Lehrerin Bösmiller half dem Geistlichen unter anderem dabei, dessen Bibliothek zu ordnen. Das war kein Geheimnis. Wie innig jedoch ihre Beziehung war, ist noch gar nicht so lange bekannt. Nach dem Tod des ehemaligen Privatsekretärs des Kardinals 2010 tauchten in dessen Nachlass die Tagebücher Faulhabers auf. Sie werden mittlerweile in einem Forschungsprojekt untersucht (siehe: Zur Sache: Die Edition der Faulhaber-Tagebücher). Außerdem begegnete 2013 die in Erfurt forschende Theologin Antonia Leugers (62) bei einer wissenschaftlichen Tagung einer Verwandten Bösmillers. Die Stiefgroßnichte der Lehrerin berichtete davon, dass sich im Familienbesitz ein alter Koffer befinde. Darin seien die Tagebücher Bösmillers. In der Folge kam der Koffer zu Leugers. Die wertete nicht nur die darin befindlichen Unterlagen aus, sondern übergab den Nachlass Bösmillers Ende 2013 dem erzbischöflichen Archiv in München.

Leugers kannte nun nicht nur die Aufzeichnungen Bösmillers, sondern hatte sich schon zuvor bei Forschungsprojekten mit dem Nachlass des Kardinals befasst. 2015 hielt Leugers auf einer Tagung den Vortrag „Du hast alles vereint: Seele und Geist und Körper. Kardinal Faulhaber und seine Freundin“. Für diesen Aufsatz, der später veröffentlicht wurde, beschäftigte sie sich nochmals intensiver mit der Beziehung zwischen Faulhaber und Bösmiller.

Das allerdings war gar nicht so einfach. Denn sowohl der Kardinal als auch die Lehrerin hatten ihre handschriftlichen Aufzeichnungen in der sogenannten Gabelsberger Kurzschrift verfasst. „Gabelsberger ist hoch kompliziert“, sagt Antonia Leugers. Dies Kurzschrift ist nach ihrem Erfinder Franz Xaver Gabelsberger benannt. Sie war im 19. und 20. Jahrhundert weit verbreitet. Zu diesem Zeitpunkt gab es rund 20 untereinander konkurrierende Kurzschriftsysteme. 1924, als die deutsche Einheitskurzschrift eingeführt wurde, verlor Gabelsberger zunehmend an Bedeutung.

Es gibt nur wenige Personen, die sie heute noch beherrschen. Leugers hat die Schrift bei einem Münchener Verein gelernt. Bösmillers Notizen seien leichter zu entziffern gewesen, als die des Kardinals, erzählt Leugers. Sie transkribierte die beiden Tagebücher mit Blick auf ihren Vortrag und einen bestimmten Untersuchungszeitraum, beginnend bei der ersten Begegnung der Beiden (1938) bis hin zum Verlust der Wohnung Bösmillers (1944) durch einen Bombenangriff. Der methodische Ansatz Leugers war dabei, die Sicht der Frau zu schildern; die Stimme einer Frau in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen. Aus dem 20. Jahrhundert sind nämlich nur vergleichsweise wenige Tagebücher von Frauen erhalten. Umso bedeutsamer waren die Aufzeichnungen Bösmillers, weil diese Zugang zu einem Mann hatte, der kirchenpolitisch weltweit eine wichtige Rolle spielte.

Wer war Franziska Bösmiller?

Schlank, schwarzhaarig und etwa 1,78 Meter groß war Franziska Bösmiller. Die promovierte Germanistin arbeitete seit 1918 als Lehrerin in München. Sie wuchs als Protestantin auf und konvertierte später zum katholischen Glauben. Allerdings blieben ihr bestimmte Frömmigkeitsformen wohl fremd. Die Teilnahme an Prozessionen, die Beichte in einer Kirche und das Rosenkranzgebet waren nicht ihre Sache. Bekannt ist zudem, dass sie eigentlich Sängerin oder Schriftstellerin werden wollte. Allerdings meldete ihre Mutter sie in einem Lehrerinnenseminar in Aschaffenburg an. Aber auch in späterer Zeit nahm Bösmiller Gesangstunden und trat vereinzelt bei Liederabenden in München auf. Außerdem verfasste sie immer wieder Beiträge in Zeitschriften. Als ihr Hauptgebiet nannte sie „Besinnliche Plauderei, psychologisch-philosophisch-religiöse Darstellungen oder pädagogisch und religiös-philosophische Abhandlungen“.

Neben ihrer Tätigkeit als verbeamtete Lehrerin half sie dem Kardinal dabei, Predigten abzutippen oder zu stenographieren sowie eine zeitgeschichtliche Sammlung zu katholischen Persönlichkeiten in der Auseinandersetzung mit dem NS-Staat anzulegen. Sie war dafür in der Regel wöchentlich für einige Stunden im Palais des Kardinals. Antonia Leugers sagt dazu: „Es war eine besondere Vertrauensstellung, in die sie gehoben wurde.“

Wie fing alles an?

Sie habe „sein Gesicht angeschaut, es war gütig und väterlich geneigt und klar“. So erinnert sich Franziska Bösmiller an ihr erstes Aufeinandertreffen mit dem 17 Jahre älteren Kardinal Faulhaber. Das war im Dezember 1937. Bösmiller empfängt da in einem Gottesdienst in der Münchener Bürgersaalkirche die Kommunion erstmals aus Faulhabers Händen. Wenige Tage später, am 8. Januar, besucht sie den Kardinal während dessen Sprechstunde im bischöflichen Palais in der Münchener Innenstadt. Bösmiller vertraut ihrem Tagebuch im Anschluss an, dass sich Faulhaber an ein Büchlein erinnert habe, das sie verfasste, nachdem sie zur katholischen Kirche konvertierte. Der Text hatte den Kardinal offenbar beeindruckt, denn die Lektüre lag schon einige Jahre zurück.

Dieses erste Treffen vermerkten sowohl der Kardinal als auch Bösmiller in ihren Tagebücher. Es blieb bekanntermaßen nicht dabei. Bösmiller war öfter im Bischofspalais. Dabei entwickelte sich offenbar eine engere Beziehung. Der Kardinal seinerseits besuchte später auch die alleinstehende Lehrerin.

Wer war Michael Faulhaber?

Bevor der Geistliche 1917 nach München wechselte, wirkte er als Bischof in Speyer. 1911 empfing er im dortigen Dom die Bischofsweihe. Zuvor lehrte der gebürtige Schweinfurter als Professor für Alttestamentliche Exegese und biblische Theologie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Straßburg. In dieser Zeit widmete er sich alttestamentarischen Frauengestalten und setzte sich für das Frauenstudium ein. Er genoss damals den Ruf einer gewissen Modernität und Offenheit. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er stellvertretender Militärbischof der bayerischen Armee. Damals soll er den Ersten Weltkrieg als „Schulbeispiel eines gerechten Krieges“ bezeichnet haben. Genau wie Franziska Bösmiller führte Faulhaber Tagebuch. Allerdings waren die Aufzeichnungen des Kardinals zweigeteilt. Es gab eine Art Kalender und darüber hinaus Beiblätter mit weitergehenden Notizen.

In seinen Aufzeichnungen pflegte Faulhaber die Marotte, seine Gesprächspartner mit Spitznamen einzutragen. So findet sich der Name Franziska Bösmiller nicht in seinen Tagebüchern; dafür mehrfach das Kunstwort „malmol“. Dieses Wörtchen war Antonia Leugers schon bei ihren ersten Recherchen aufgefallen, sie konnte damit jedoch zunächst nichts anfangen. Erst später erschloss sich ihr, dass „malmol“ die Abkürzung zweier lateinischer Worte darstellt: „Malus“ (böse) und „Molitor“ (Müller).

Nach Leugers Ansicht war der Kardinal ein zwiespältiges Wesen. So vertrat er einerseits zwar konservative Ansichten, gab sich aber gleichfalls durchaus modern. Außerdem hatte er in seinem engsten Umfeld stets Frauen um sich. Im Vergleich zu anderen Bischöfen dieser Zeit sei das „ungewöhnlich“, sagt Leugers. Der begnadete Prediger war als Beichtvater bei weiblichen Angehörigen des Münchener Hofadels gefragt. Und er scharte zwei katholische Frauenverbände um sich, mit denen er gemeinsame Gottesdienste in seiner Hauskapelle feierte. Diese Frauen bezeichnete er teilweise als Diakoninnen – allerdings nicht in dem heutigen Sinn, demzufolge Diakoninnen geweihte Frauen wären. Das ist nach katholischem Recht nicht möglich. Faulhaber verstand unter seinen Diakoninnen eine Gruppe von Frauen, die soziale und karitative Aufgaben übernahmen.

Aber Faulhaber trat auch sittenstreng auf. So kritisierte er beispielsweise 1925, dass „einige Firmpatinnen in ausgeschnittenen Kleidern, obwohl gewarnt“ in die Kirche kamen. Er erhob seine Stimme immer wieder, gegen „Auswüchse der Kunst“, offenherzige Frauenmode oder den Aufklärungsunterricht, der seiner Auffassung nach die Schüler verderbe.

Seinen Tagebüchern vertraute er vieles davon an. In den Schriften finden sich Hinweise darauf, dass er gesundheitlich angeschlagen war. Er litt an Asthma und klagte über Herzbeschwerden. Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft findet sich in den Tagebüchern kein Hinweis darauf, dass Faulhaber damit rechnete, dass diese Notizen einmal von Fremden gelesen werden. So lässt sich etwa erklären, dass er darin recht ungeniert eine Adlige als „dumme Gans“ bezeichnet. Antonia Leugers, die viel Zeit mit Faulhabers Tagebüchern verbracht hat, sagt: „Er ist mir unsympathisch.“

Was lief zwischen Faulhaber

und Bösmiller?

Ganz anders war es wohl zwischen Bösmiller und dem Kardinal. Die Beiden tauschten sich über allerlei Fragen aus. Es ging sogar um körperliche Befindlichkeiten von Frauen – für die damalige Zeit kein alltägliches Gesprächsthema. „Das schöne an unserer Freundschaft ist, dass wir uns alles sagen können“, notiert Bösmiller am 12. Oktober 1943 in ihr Tagebuch. Aus diesen Schriften weiß man heute, dass die Beiden – mindestens einmal – gemeinsam Billard im Bischofspalais gespielt haben. Dabei blieb es aber nicht.

Bösmiller schildert diverse Berührungen: umarmen, küssen, streicheln, liebkosen. 1940 weilte der Kardinal in einem Sanatorium. Dort empfing er Bösmiller, die anschließend in ihrem Tagebuch festhielt: „Er umarmt mich und hält mich so lieb fest, küsst mich zart – immer wieder flüsternd: Du Sonntagskind.“

Gleichwohl war es für die Beiden sicher nicht einfach, ihre Beziehung zu pflegen. Im bischöflichen Palais gab es schließlich Personal und Nonnen, die ein Auge auf den Kardinal hatten. Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb besuchte der Kardinal die Lehrerin mehrmals in deren Wohnung im vierten Stock eines Hauses im Stadtteil Schwabing. Bösmiller beschreibt in ihren Tagebüchern ausführlich, welchen Aufwand sie deshalb betreiben mussten. Schließlich war Faulhaber in München bekannt wie ein bunter Hund. Unter anderem hatten die Beiden ausgemacht, dass der Kardinal dreimal klingelt, wenn er vor Bösmillers Haustür steht.

Und das geschah gar nicht so selten. Bis Kriegsende sind neun Nachmittagsbesuche des Kardinals bekannt. Entsprechende Einträge finden sich sowohl in Bösmillers Tagebuch als auch beim Kardinal. Als Faulhaber zum ersten Mal bei ihr daheim war, notiert Bösmiller im April 1941: „Wir sind ein Herz und eine Seele! Dass ich dich habe streicheln dürfen!“ Während die Lehrerin die Treffen detailliert schildert, finden sich bei Faulhaber kurze Vermerke, wie der vom 7. Januar 1943: „nachmittag besuche ich malmol“.

Der Kardinal machte seiner Freundin zudem Geschenke. In ihrem Nachlass fanden sich beispielsweise Fotos, Bildchen, die an die Priesterweihe des Kirchenmannes erinnern, aber auch ein Totenbild von dessen Mutter sowie ein Andenken an die Bischofsweihe in Speyer am 19. Februar 1911.

Die ungewöhnliche Beziehung endete offenbar abrupt, nachdem Bösmillers Wohnung im 1944 bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Der Kardinal erlaubte Bösmiller nicht, dass sie ins Palais einzieht. Im Juli 1944 vermerkt die Lehrerin eine „traurige kurze Verabschiedung“. Danach kommt sie außerhalb Münchens bei Verwandten unter.

Leugers meint: „Obgleich beide die Liebe zueinander als integrierten Teil ihres Lebens vor Gott ansahen, verheimlichten sie sie als etwas, das die anderen nicht fassen könnten.“ Eine Beziehung wie sie Bösmiller und Faulhaber pflegten, sei für einen Kleriker kirchenrechtlich nicht vorgesehen, so die katholische Theologin.

Wie glaubwürdig ist

die Geschichte?

Es gibt viele Anhaltspunkte, die dafür sprechen, dass es zwischen Bösmiller und Faulhaber eine besondere Beziehung gab. Stärkstes Argument sind sicher die Tagebücher der Beiden, in denen zu gleichen Zeiten gleiche Anlässe und Termine verzeichnet sind. Historiker nennen das eine Gegenüberlieferung. Bösmiller schildert zudem detailreich und wahrheitsgetreu Örtlichkeiten innerhalb des bischöflichen Palais, zu dem normale Besucher wohl keinen Zugang hatten.

Der in Münster lehrende Kirchenhistoriker und katholische Priester Hubert Wolf (58) beschäftigt sich ebenfalls mit den Aufzeichnungen des Kardinals. Er nennt die Tagebücher Bösmillers „eine tolle Quelle“, die aus Frauenperspektive die damalige Zeit schildere. Wolf gibt allerdings zu bedenken, dass die Lehrerin dem Kardinal in ihren Aufzeichnungen Worte in den Mund legt, die dieser möglicherweise so nie gesagt habe. Die Aussagen Faulhabers in den Tagebüchern Bösmillers seien daher nicht als Originaltöne zu verstehen. Es sei durchaus vorstellbar, dass die Zitate des Kardinals lediglich Wunschvorstellungen der Lehrerin gewesen seien. Wolf spricht mit Blick auf Faulhaber und Bösmiller von einer „sehr intensiven Freundschaft“. Gerade bei der geistigen Ebene dieser Beziehung seien jedoch noch viele Fragen offen. Er könne sich jedoch durchaus vorstellen, dass der deutlich ältere Kardinal es genossen habe, von der 17 Jahre jüngeren Frau angehimmelt zu werden.

Info

Im „Rottenburger Jahrbuch für Geschichte 2016“ ist der Artikel „Du hast alles vereint: Seele und Geist und Körper – Kardinal Faulhaber und sein Frauenbild“ von Antonia Leugers erschienen.

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