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Südwest

Die Pfälzer vom Niederrhein

Von Isabel Gemperlein

Weit über die Grenzen von Pfalzdorf hinaus bekannt: die Volkstanzgruppe in historischer Tracht auf dem Fest „275 Jahre Pfälzer am Niederrhein“ im vergangenen Oktober.

Weit über die Grenzen von Pfalzdorf hinaus bekannt: die Volkstanzgruppe in historischer Tracht auf dem Fest „275 Jahre Pfälzer am Niederrhein“ im vergangenen Oktober. ( Foto: Pfälzerbund/frei)

„Wir haben noch viel Arbeit vor uns“: Jürgen Graven (links) und Jörg Blume im Jakob-Imig-Archiv.

„Wir haben noch viel Arbeit vor uns“: Jürgen Graven (links) und Jörg Blume im Jakob-Imig-Archiv. ( Foto: gpl)

Überall präsent: die Wappen der drei Pfälzer Dörfer in der alten lutherischen Kirche von Pfalzdorf.

Überall präsent: die Wappen der drei Pfälzer Dörfer in der alten lutherischen Kirche von Pfalzdorf. ( Foto: gpl)

Aufwendig restauriert: das älteste Bauernhaus in Pfalzdorf aus dem Jahr 1777.

Aufwendig restauriert: das älteste Bauernhaus in Pfalzdorf aus dem Jahr 1777. ( Foto: gpl)

Sie wollten in die Neue Welt auswandern und blieben an der holländischen Grenze stecken: 1741 bauten sich 20 Familien aus der Gegend um Bad Kreuznach in der Heide bei Kleve eine neue Heimat auf. Bis heute pflegen sie ihre Bräuche und sehen sich als „Pfälzer“ – streng genommen sind sie das aber gar nicht. Ein Besuch in Pfalzdorf.

«Goch.» Auf den ersten Blick sieht das Dorf auf dem Höhenzug zwischen den Städten Goch und Kleve wie jedes andere am Niederrhein aus: Versprenkelte Gehöfte in Klinkerbauweise mit tief sitzenden Krüppelwalmdächern säumen die Alleen; über das platte Land mit seinen weiten Feldern pfeift der Wind, gibt den Rotoren der zahlreichen Windräder kräftig Antrieb. Doch die Straßennamen verraten: Hier ist etwas anders. Pfälzer Straße steht da, Soonwald Straße und zwischen den weit verstreuten Ortsteilen leuchtet immer wieder das gelbe Ortsschild: Pfalzdorf, Stadt Goch. Von den knapp 7000 Einwohnern sollen noch gut 2000 ihre Wurzeln auf die unglückseligen Auswanderer zurückführen. Das hat der bekannteste Sohn von Pfalzdorf, der Heimatforscher und Mundartdichter Jakob Imig (1905-1994) durch Abschriften der alten Kirchenbücher herausgefunden.

Doch was trieb die Auswanderer an den Niederrhein?

Auf dieses zugige Plateau links des Rheins, bis dahin nur unwirtliches Heideland? Die Umstände der Dorfgründung vor über 275 Jahren lesen sich wie ein Abenteuerroman: Eine Gruppe Hunsrücker – damals unter kurpfälzischer Herrschaft – macht sich 1741 auf, um über Rotterdam Pennsylvania zu erreichen. Sie wollen der wirtschaftlichen Not entkommen und in der Neuen Welt ihren evangelischen Glauben frei leben.

 

Doch der Seekrieg zwischen England und Spanien macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. An der holländischen Grenze wird ihnen die Weiterfahrt verwehrt. Erst nach Monaten der Verhandlungen bieten die preußische Kriegs- und Domänenkammer in Kleve und der Magistrat der Stadt Goch den Gestrandeten die Gocher Heide zur Urbarmachung und Besiedlung an. Den ersten 20 Familien sollten bald viele weitere folgen – bis der Platz auf der Heide vergeben ist. 1820 wird die Tochterkolonie Louisendorf, 1832 Neulouisendorf gegründet.

Das Kuriose an der Geschichte:

Die evangelischen Glaubensflüchtlinge landeten ausgerechnet in einem katholisch geprägten Landstrich. So blieb man unter sich, heiratete bis weit ins 20. Jahrhundert hinein fast nur untereinander. Im Nachhinein ist das ein Glücksfall. Denn dadurch blieben Bräuche und der Dialekt der Zugezogenen, „die Pälzersch Sprooch“, über die Jahrhunderte erhalten. „Wir sind integriert, aber nicht assimiliert“, sagt Jürgen Graven, Vorsitzender des Pfälzerbundes, der sich für den Erhalt der Mundart und der Traditionen in den drei Pfälzer Dörfern am Niederrhein einsetzt.

Und heute?

Die Zeit ist auch in Pfalzdorf, seit 1969 Stadtteil von Goch, nicht stehen geblieben. Vieles hat sich verändert – nicht immer zum Guten, wie eine Dorfrundfahrt mit Jörg Blume, gebürtiger Pfalzdorfer und Hobbyhistoriker zeigt. Zwar sind viele alte Bauernhäuser aus den Anfangsjahren erhalten – das älteste von 1777 – und liebvoll restauriert. Doch ebenso viele stehen leer, wurden verkauft, werden nur noch von den Alten bewohnt, weil die Jungen den Betrieb nicht fortführen wollten. Gab es 1988 noch 63 landwirtschaftliche Betriebe in Haupterwerb, waren es 2015 gerade noch 20, hat der Pfälzerbund recherchiert. Aus dem ursprünglichen Bauerndorf wird immer mehr ein reiner Wohnort. Neubaugebiete sprießen überall aus dem Boden, bewohnt von Zugezogenen, Pendlern ins Ruhrgebiet, die „sich nicht für die Geschichte interessieren“, wie Graven und Blume bedauern.

 

An einer Straßenkreuzung steht die alte lutherische Kirche von 1779. Von außen hat sie schon bessere Zeiten erlebt, seit 2006 steht sie leer. „Da saßen sonntags nur noch zehn Leute drin“, erzählt Blume. Jetzt gibt es nur noch eine evangelische Kirche. Der Glaube, für die Pfalzdorfer über Jahrhunderte das bindende Glied, ist wie überall am Schwinden. Die Rauferein zwischen katholischen und evangelischen Kindern, die fast 250 Jahre das Dorfleben prägten, gehören längst der Vergangenheit an.

Pfälzer Dialekt im Unterricht

Unweit der Kirche liegt der Dorfplatz mit dem Gemeindezentrum, dem Pfäl-zerheim. Früher war hier die evangelische Melanchthonschule. Jürgen Graven, 54 Jahre alt, hat noch miterlebt, wie im Unterricht Pfälzer Dialekt gesprochen wurde. Mit der Kommunalreform 1969 änderte sich das, die Kinder des Dorfes gingen zunehmend in Schulen außerhalb. „Da hatte sich’s mit Pfälzisch erledigt“, sagt Graven. Das hatte Auswirkungen: Sprächen in seiner Altersgruppe noch fast alle Dialekt, tue dies unter den unter 25-Jährigen nur noch jeder Zehnte, schätzt der Vorsitzende des Pfälzerbundes. Das „Pälzersch“, die laut Graven einzig in Deutschland erhaltene Binnensprachinsel, ist heute in seinem Erhalt bedroht.

 

Doch es gibt auch viel Positives aus Pfalzdorf zu berichten: Das Vereinsleben sei rege, das Interesse an der ungewöhnlichen Geschichte des Dorfes auch unter Wissenschaftlern groß, so Graven und Blume. Der Pfälzerbund hat derzeit 300 Mitglieder und erreicht durch seine Volkstanzgruppen auch Kinder und Jugendliche. In dem 2004 eröffneten Jakob-Imig-Archiv in Louisendorf sammelt, dokumentiert und archiviert der Verein alles, was ihm zur Geschichte der Pfälzer am Niederrhein in die Hände fällt – und veröffentlicht die Ergebnisse in den Heimatblättern. „Das Interesse an Ahnenforschung ist groß und es werden immer mehr“, berichtet Graven erfreut. Mehrere tausend Interessierte kämen Jahr für Jahr in die drei Pfälzer Dörfer am Niederrhein, besuchten Vorträge und Ausstellungen, die der Pfälzerbund regelmäßig organisiert.

 

Auch der Pfälzer Dialekt hat Chancen, das 21. Jahrhundert zu überdauern. Für die 275-Jahres-Feier des Pfalzdorfes im vergangenen Oktober hat der Pfälzerbund ein Wörterbuch herausgebracht. Darin: 2000 Begriffe und 200 Redensarten „uff pälzersch“. Mundartdichter Jakob Imig hätte es gefreut. „In Frääd un Lääd zusamme stehn, uns Sproch nett losse unnergehn“, dichtete er einst.

 

 

Info

Welche Souvenirs Isabel Gemperlein aus Pfalzdorf mitgebracht hat, steht im RHEINPFALZ-Tagebuch: blog.rheinpfalz.de

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