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Freitag, 29. Mai 2015 Drucken

Südwest

Büroklammer fürs Internet

195 Nachwuchstalente präsentieren diese Woche in Ludwigshafen beim Bundesfinale von „Jugend forscht“ ihre Projekte

Von Anna Warczok

 

Paul Foltin und Myrijam Stoetzer haben einen Rollstuhl entwickelt, der mit dem Auge gesteuert werden kann. ( Fotos: Kunz)

Die Karlsruher Maik Hummel (rechts) und Nico Axtmann wollen das Lernen attraktiver machen. ( Fotos: Kunz)

Rieke-Marie Hackbarth mit dem sich selbst desinfizierenden Stethoskop. ( Fotos: Kunz)

Ist mikroskopisch kleinen Plastikpartikeln auf der Spur, die Umweltgifte anziehen: Jutta Henrike Freund. ( Fotos: Kunz)

Ludwigshafen. 113 Projekte haben es in diesem Jahr in die Endrunde des Wettbewerbs „Jugend forscht“ geschafft. Ausrichter der fünftägigen Finalrunde ist diesmal die BASF in Ludwigshafen. Beim Publikumstag kann sich heute jeder selbst ein Bild vom Ideenreichtum der Jungforscher machen. Wir haben uns vorab im Projekte-Dschungel an einigen interessanten Ständen umgeschaut. Die Bundessieger werden am Samstag gekürt.

Die Projektideen der Nachwuchsforscher kommen aus vielen Bereichen – von Umwelttechnik über Softwareentwicklung bis hin zu Astrophysik ist alles mit dabei. Myrijam Stoetzer und Paul Foltin aus Duisburg wollen mit ihrer Erfindung versuchen, das Leben von Menschen mit schwerer Behinderung ein wenig zu erleichtern. Ihre Idee: ein Rollstuhl, der mit dem Auge gesteuert werden kann. Gedacht ist er für Menschen, die durch Unfall oder Erkrankungen des Nervensystems wie Multiple Sklerose oder Amyotrophe Lateralsklerose gänzlich gelähmt sind. „Diese Menschen können oft nur noch ihre Augen bewegen. Wir wollen ihnen mit unserem Projekt ein Stück ihrer Mobilität zurückgeben“, sagt Paul Foltin.

Inspiriert wurden die beiden Jungforscher vom Schicksal des US-amerikanischen Graffiti-Künstlers Tony Quan, der dank Eyetracker, einem Gerät, das die Augenbewegung aufzeichnet und verarbeitet, wieder zeichnen kann. „Wir haben uns gefragt, ob man diese Technik auch zur Steuerung eines Rollstuhls einsetzen kann“, erklärt der 15-jährige Foltin. Aus einer umgebauten Webcam und einem im 3-D-Drucker gefertigten Gehäuse bastelten die beiden ihre eigene Eyetracker-Vorrichtung. Damit kann ihr eigens umgebauter, motorisierter Rollstuhl in die gewünschte Richtung gelenkt werden.

Obwohl ihr Ansatz vielversprechend erscheint, steht der wirtschaftliche Erfolg für die zwei Jungforscher nicht im Vordergrund. Ihre Erfindung haben die beiden nicht zum Patent angemeldet. „Wir haben uns für eine Creative Commons-Lizenz entschieden. So kann jeder unsere Erfindung kostengünstig nachbauen, sie aber nicht im eigenen Namen vermarkten“, sagt die 14-jährige Stoetzer.

Aus dem medizinisch-technischen Bereich kommt auch das Projekt von Rieke-Marie Hackbarth aus Henstedt-Ulzburg in Schleswig-Holstein. Mit ihrem sich automatisch selbst desinfizierenden Stethoskop hat die 14-Jährige den Keimen den Kampf angesagt. „Studien haben gezeigt, dass Stethoskope genauso stark keimbelastet sind wie Hände“, erklärt sie die Hintergründe ihrer Idee. Insgesamt ein Jahr tüftelte die Gymnasiastin an ihrer Erfindung. Durch einen eingebauten Kleincomputer erkennt das Stethoskop, wann eine Untersuchung beendet ist, da der Hautkontakt ausbleibt. Über eine eingebaute Pumpvorrichtung wird das Untersuchungsgerät dann mit Desinfektionsmittel eingesprüht, sodass es beim nächsten Patienten wieder frei von Keimen ist. Für ihre Idee hat die junge Forscherin, die Medizin studieren will, bereits Lob aus der Fachwelt erhalten.

Ebenso wie Keime sind auch die mikroskopisch kleinen Plastikmüll-Partikel (Mikroplastik), um die sich das Projekt von Julia Henrike Freund dreht, für das menschliche Auge nahezu unsichtbar. „Mikroplastik ist ein Problem für die Umwelt, weil es sehr langlebig ist und sich in Gewässern verbreitet“, erklärt die 15-Jährige aus Niedersachsen. Die Jungforscherin suchte nach einer Methode, um den Mikromüll möglichst effektiv aus dem Abwasser zu entfernen. Dazu schaute sie sich zunächst bestehende Techniken an, die durch spezielle Filter einen großen Teil des Mikroplastiks herausfischen. Doch für Freund war das nicht genug. Sie entwickelte einen unpolaren Flüssigkeitsfilter, mit dem das ebenfalls unpolare Mikroplastik aus dem Abwasser absorbiert werden kann. Eine Kombination der beiden Filter führe zur effektivsten Reinigung des Abwassers.

Interaktiv wird es beim Projekt von Maik Hummel und Nico Axtmann. Die beiden Nachwuchsprogrammierer von der Dualen Hochschule in Karlsruhe haben nicht weniger als die Revolutionierung von elektronischen Lernplattformen im Sinn. „Bei bisherigen E-Learning-Plattformen ist der Nutzer oft in einer sehr passiven Rolle. Er bekommt den Lernstoff meist nur in Texten, Bildern oder Videos serviert. Da schaltet man schnell ab“, erklärt Hummel. In ihren Anwendungsbereichen seien die Plattformen „bestimmt ganz brauchbar“, doch schöpften sie nicht das volle Potenzial dessen aus, was das Internet zu bieten hat. Die „Electronic Common Learning and Interactive Platform“, kurz „eClip“, der beiden Studenten soll genau dort anknüpfen.

Die Nutzer sollen den Lernstoff aktiv bearbeiten können und dabei zur Unterstützung beispielsweise auf interaktive Kartendienste oder Präsentationsprogramme zurückgreifen können. „Die Plattform ist so eine Art digitale Büroklammer für das Internet“, erklärt Hummel. Und für diese Büroklammer interessiert sich bereits die Wirtschaft: „Wir sind auf richtig gute Resonanz gestoßen.“

Unter den 195 Nachwuchs-Forschertalenten sind, wie am Montag berichtet, auch zwei Pfälzer: Benedikt Wagner (Landau) ist mit einem Computermusik-Projekt im Fachbereich Mathematik/Informatik vertreten, Mara Lauer (Kaiserslautern), die sich mit der Lernfähigkeit von Eseln beschäftigt hat, tritt im Bereich Biologie an. Beide hoffen natürlich wie alle anderen, ganz vorne zu landen. Ob es geklappt hat, wissen sie am Samstag, wenn in Anwesenheit von Bundespräsident Joachim Gauck die Bundessieger bekannt gegeben werden.

 

Info

 

—Die „Jugend forscht“-Projekte des Bundesfinales sind heute von 9 bis 17 Uhr im BASF Feierabendhaus in Ludwigshafen (Leuschnerstraße 47) zu besichtigen.

—Porträts der Pfälzer Finalteilnehmer: www.rheinpfalz.de.

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