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Freitag, 03. Mai 2019 Drucken

Südwest

Biosphärenreservart im Pfälzerwald: An den Schulden scheiden sich die Geister

Von Jürgen Müller

Der Bezirksverband Pfalz ist an einem Einstieg beim Naturerlebniszentrum Biosphärenhaus in Fischbach mit seinem beliebten Baumwipfelpfad interessiert. Der Verband stellt aber Bedingungen.

Der Bezirksverband Pfalz ist an einem Einstieg beim Naturerlebniszentrum Biosphärenhaus in Fischbach mit seinem beliebten Baumwipfelpfad interessiert. Der Verband stellt aber Bedingungen. ( archivFoto: biosphärenhaus/Frei)

Die Wahl zum Bezirkstag Pfalz (2): Wenn es um die Zukunft des Pfälzerwaldes geht, hat der Bezirksverband Pfalz ein gewichtiges Wort mitzureden. Ist er doch seit fünf Jahren Träger des Biosphärenreservates. Die im Bezirkstag vertretenen Parteien haben zum Teil gegensätzliche Vorstellungen. Etwa beim Biosphärenhaus in Fischbach.

Das Biosphärenhaus im südwestpfälzischen Fischbach schreibt rote Zahlen. Damit ist die Gemeinde als Trägerin dieser Einrichtung überfordert. Der Bezirksverband ist bereit, in die Trägerschaft mit einzusteigen. Bedingung: Die aufgelaufenen Schulden werden vor Ort übernommen. Sollte an dieser Bedingung festgehalten werden?

„Ja“, sagt der Bezirkstagsvorsitzende Theo Wieder (CDU), da sonst „jedes Zukunftskonzept mit der Abdeckung von Altschulden von etwa zwei Millionen Euro belastet“ wäre. Er würde sich aber auch ein größeres Engagement des Landes wünschen. Ein Einstieg des Bezirksverbandes „wird ohne eine Lösung des Altschuldenproblems nicht funktionieren“, sagt auch Wieders Stellvertreter Klaus Weichel (SPD). Es sei richtig, „dass sich der Bezirksverband bei den Betreiberkosten beteiligt“, meint Waltraud Blarr (Grüne). Die Ministerien für Bildung und Umwelt sowie die Naturschutzverbände „sind hier ebenfalls gefordert“.

Auch Manfred Petry (FWG) und Günter Eymael (FDP) lehnen eine Übernahme der Altschulden des Biosphärenhauses ab. Denn, so Eymael: „Der Bezirksverband ist an dem Finanzdesaster völlig unschuldig.“

Dagegen meint Kurt Wolfgang Kräher (AfD), dass sich der Bezirksverband auch ohne Altschulden-Lösung beim Biosphärenhaus engagieren sollte. Denn „die AfD setzt sich für mehr Bildung ein“. Zwar hätten die verantwortlichen Lokalpolitiker „gravierende Fehler“ gemacht, sagt Frank Eschrich (Linke). Jetzt helfe aber „nur noch der Blick nach vorne“. Als Konsequenz fordert Eschrich eine Finanzierung aus Landes- und Kreismitteln sowie mit Hilfe von Zuschüssen des Bezirksverbandes.

Eine Biosphärenakademie?

Die Pfalzakademie in Lambrecht, die sich früher vor allem mit politischer Bildung beschäftigte, soll in eine Biosphärenakademie mit Schwerpunkt Bildung für nachhaltige Entwicklung umgewandelt werden. Gibt es dafür Bedarf?

Eine solche Akademie sei als „Bildungseinrichtung in einem Großschutzgebiet geradezu lebensnotwendig im besten Sinne“, sagt Theo Wieder. Dies gelte gerade in „Fridays for Future“-Zeiten: Die Schüler machten mit ihren Freitags-Kundgebungen deutlich, „dass die Sicherung der Lebensgrundlagen auf unserem Planeten nicht alleine mit den bisherigen Rezepten erreicht werden kann“. Und der stellvertretende Bezirkstagsvorsitzende Klaus Weichel betont: Die Resonanz auf das neue Akademie-Konzept sei groß, „der Bedarf ist also eindeutig da“. Die Wirtschaftlichkeit müsse aber gegeben sein.

Klimawandel und Artensterben seien nur zu meistern, wenn alle mitmachen, begrüßt Waltraud Blarr die Idee als „richtungsweisend“. Umweltbildung spiele dabei eine entscheidende Rolle. Bei Natur- und Umweltschutz sieht auch Manfred Petry „einen großen bildungspolitischen Nachholbedarf“. Das Akademie-Konzept hält Frank Eschrich für „schlüssig“. Es werde den veränderten Ansprüchen gerecht.

Eine Biosphärenakademie kann nach Überzeugung von Günter Eymael nur erfolgreich sein, „wenn es konkrete Zusagen auf vertraglicher Basis von potenziellen Kunden“ gebe. Ansonsten wäre eine Privatisierung als Hotel- und Gaststättenbetrieb „eine bessere Lösung“. Kurt Wolfgang Kräher schlägt vor, erst einmal zu überprüfen, ob die Aufgaben der Pfalzakademie nicht von anderen Einrichtungen übernommen werden können.

Gelder, Zuständigkeitsgerangel, und mangelnde Bekanntheit

Wird das Biosphärenreservat seinem Anspruch als Modellregion für ein harmonisches Miteinander von Mensch und Natur gerecht oder besteht Nachholbedarf?

Seit der Träger-Übernahme durch den Bezirksverband „ist ein regelrechter Quantensprung zu beobachten“, sagt Theo Wieder. Und: „Nachholbedarf besteht insbesondere bei der Finanzausstattung.“ Im Pfälzerwald wird der Mensch nach den Worten von Klaus Weichel nicht ausgesperrt, sondern bewusst als Teil des besonders geschützten, einzigartigen Naturraums gesehen. „Das gelingt außerordentlich gut.“

Die Trägerschaft für das Biosphärenreservat nehmen die Grünen „sehr ernst“, sagt Waltraud Blarr. In Zusammenarbeit mit dem Umweltministerium „hat sich viel getan“: Klimaschutz, Hirtenwege für die Artenvielfalt, Ausweitung der besonders geschützten Kernzone nennt sie als Beispiele. Weniger zeitaufwendiges Zuständigkeitsgerangel wie etwa bei der Kernzonenerweiterung wünscht sich Manfred Petry mit Blick auf die Landesregierung. Nachholbedarf gebe es bei der Wiederansiedlung von ehemals heimischen Wildtierarten wie dem Wisent. Langfristig sollte darauf abgezielt werden, „das Biosphärenreservat doch noch in einen Nationalpark umzuwidmen“.

Das Biosphärenreservat werde seinem Anspruch als Modellregion nicht gerecht, meint Kurt Wolfgang Kräher. Denn die hier lebenden Menschen „verarmen immer mehr“. Für die weitere Arbeit müsse der Mensch stärker im Mittelpunkt stehen. Frank Eschrich sieht ebenfalls Defizite: „Wer sich das nachhaltige Zusammenwirken von Mensch und Umwelt auf die Fahnen schreibt, muss einen Gebrauchswert auch für die im Biosphärenreservat lebenden Menschen entwickeln.“ Das Biosphärenreservat ist dagegen laut Günter Eymael „auf einem guten Weg“. Es gelte aber, durch Marketing- und Werbemaßnahmen den Bekanntheitsgrad des Biosphärenreservates deutlich zu verbessern.

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