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Montag, 18. November 2019 Drucken

Südwest

Archäologischer Krimi um Kelten-Kanne aus Bad Dürkheim noch immer ungelöst

Das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) in Mainz verwahrt eine keltische Schnabelkanne aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., deren Versteigerung in einem Auktionshaus in London in letzter Minute gestoppt wurde.

Das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) in Mainz verwahrt eine keltische Schnabelkanne aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., deren Versteigerung in einem Auktionshaus in London in letzter Minute gestoppt wurde. (Foto: dpa)

Als ein Bad Dürkheimer Archäologe eine 2000 Jahre alte Kelten-Kanne im Schätzwert von fast 100.000 Euro bei einer Auktion in London versilbern wollte, kam ihm das Bundeskriminalamt 2015 dazwischen. Als die Kanne später bei ihm beschlagnahmt wurde und er auf Herausgabe klagte, scheiterte er mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht in Neustadt. Wissenschaftler in Mainz suchen noch immer nach fehlenden Puzzleteilen, um den archäologischen Kriminalfall lösen zu können.

Der Mainzer Kriminalarchäologe Michael Müller-Karpe hofft dabei auf Hilfe aus der Bevölkerung. Die Schnabelkanne ist zurzeit im Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) in Mainz. „Wir wünschen uns sachdienliche Hinweise auf den Fundort und die Fundumstände“, sagt Müller-Karpe. Dann könnte die Herkunft der vermutlich bei Raubgrabungen aus einem keltischen Fürstengrab entwendeten Bronze-Kanne geklärt und das unschätzbar kostbare Stück einem für diese Region zuständigen Museum übergeben werden.

Langgestreckt mit schlankem Griff und edlen Linien, die elegant zum Schnabel führen – durch diesen Schnabel floss wohl einmal Honigwein in die Becher fürstlicher Tafelrunden. Aus einem keltischen Fürstengrab am Glauberg im hessischen Wetteraukreis sei Met in einer solchen Kanne nachgewiesen, sagt der Keltenexperte am Mainzer Museum, Martin Schönfelder. „Diese Kanne war im Besitz einer Elite und sie wurde wahrscheinlich zu besonderen Anlässen oder Zeremonien verwendet.“

„Eigentlicher Wert nicht in Euro fassbar“

So wie sie jetzt dasteht, ist die Kanne von einem Restaurator in den Niederlanden hergerichtet worden. Dieser rekonstruierte das Gefäß aus den stark korrodierten Wandungsscherben und fügte den Griff und den ebenfalls gut erhaltenen Schnabel hinzu – mit Kunstharz und viel Ölfarbe, wie Müller-Karpe anmerkt. So wurde das Objekt von dem Bad Dürkheimer, ein studierter Archäologe, für die Auktion in London eingereicht. Als Mindestschätzwert wurden damals 96.000 Euro angegeben. „Der eigentliche Wert liegt weit höher, das lässt sich in Euro gar nicht darstellen“, so Experte Schönfelder.

Der Hinweis an das BKA kam damals von einem anderen Archäologen. „Ihm war nach seinen Angaben die Kanne aufgefallen, weil in der Fachwelt nur wenige vergleichbare Funde bekannt seien und die Kanne nach Aussage verschiedener Experten keinem der bekannten Funde zugeordnet werden könne“, heißt es in dem Gerichtsurteil. „Es bestehe daher der Verdacht, dass sie aus einem durch Raubgräber geplünderten Grabhügel stammen könne.“

Dürkheimer will Kanne von einem Sammler haben

Der Pfälzer erhielt die Kanne vom Auktionshaus zunächst wieder zurück, am 2. März 2016 wurde sie bei einer Hausdurchsuchung aber von der Polizei sichergestellt. Über die Herkunft der Kanne hatte er damals offenbar verschiedene Versionen verbreitet. Dem Auktionshaus hatte der damals 55-Jährige erklärt, sie von einem Sammler erworben zu haben – eben jenem, der das gute Stück in den Niederlanden habe restaurieren lassen. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Fundunterschlagung stellte die Staatsanwaltschaft eigenen Angaben zufolge wegen Verjährung ein.

Die Polizei lehnte eine Rückgabe der Kanne unter Berufung auf das rheinland-pfälzische Polizei- und Ordnungsbehördengesetz ab: mit der Begründung, dass die Kanne aus kultureller und archäologischer Sicht sehr bedeutsam sei und erhebliche Zweifel am Eigentumsanspruch des Sammlers bestünden. Die Klage des Sammlers wies das Verwaltungsgericht Neustadt im vergangenen Jahr zurück und befand: „Ein archäologisches Fundstück kann sichergestellt werden, wenn die Eigentumsverhältnisse unklar sind.“

Als Abschreckung für Grabräuber gedacht

Müller-Karpe erhofft sich davon eine Präzedenzwirkung, denn „Raubgrabungen wird es nur solange geben, wie es sich lohnt“.

Im Röntgenbild zeigte sich, wie der Kannenkörper aus Originalscherben rekonstruiert wurde – diese sind heller, die Kunstharzrekonstruktionen dunkler. Nur etwa 50 Prozent des Kannenkörpers sind erhalten. Wenn bei einer wissenschaftlichen Nachgrabung am ursprünglichen Ort des Fürstengrabs ein Puzzle-Teil auftauchen würde, könnte die Herkunft der Kanne zweifelsfrei bestimmt werden.

Bislang sind nur sechs dieser Schnabelkannen bekannt, die nach dem Vorbild etruskischer Kannen aus Italien gefertigt wurden. „Das war ein ganz besonderer Moment, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe“, sagt der Wissenschaftler Schönfelder. „Man sinkt da schon auf die Knie und verliebt sich in die Details.“

|lrs

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