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Donnerstag, 19. Juli 2018 Drucken

Südwest

Angegriffene Verteidiger

Von Christoph Hämmelmann

Wer vor Gericht einem Verbrecher beisteht, wird selbst leicht zur Hassfigur. Doch um der Gerechtigkeit willen braucht die Justiz auch Strafverteidiger.

Gerechtigkeit ist ein Ideal, das die Rechtsprechung nie erreichen wird. Doch um ihm wenigstens nahezukommen, hat die Justiz in alle Richtungen zu prüfen. Und mithin auch zu beachten, was für einen Angeklagten sprechen könnte. Also bekommt selbst der schlimmste Verbrecher einen Verteidiger an seine Seite gestellt, der vorbringen soll, was zugunsten seines Mandanten bedacht werden muss.

 

Gerade wenn es um besonders erschütternde Verbrechen geht – etwa im Frankenthaler Babymord-Prozess oder im Landauer Verfahren um den Fall Mia – werden solche Anwälte dann auch selbst zu Bösewichtern abgestempelt. Natürlich kommt es tatsächlich bisweilen vor, dass Verteidiger übers Ziel hinausschießen. Doch oft bricht die Wut schon allein deshalb aus, weil sie mit juristischen Feinheiten argumentieren, die für den Laien allenfalls schwer verständlich sind.

 

Ob beispielsweise die Grenze zwischen Mord und Totschlag im deutschen Recht wirklich sinnvoll gezogen ist, lässt sich mit guten Gründen bezweifeln. Doch Änderungsversuche sind bislang versandet. Also müssen die Juristen mit dem arbeiten, was – übrigens seit 1941 und beeinflusst von NS-Ideologie – im Strafgesetzbuch steht. Das allerdings könnte Ansatzpunkte liefern, um, beispielsweise, Mias mutmaßlichen Mörder doch nur als Totschläger zu strafen.

 

Ob sein Anwalt tatsächlich auf so ein Urteil hinarbeiten will, ist offen. Schließlich gibt sich der Rechtsbeistand schweigsam. Außerdem steht das Verfahren noch am Anfang, und es findet ohnehin nicht-öffentlich statt. Trotzdem kursieren im Internet längst Verteidiger-Beschimpfungen, die bis zur kaum verhohlenen Morddrohung reichen. Verfasst werden sie von Leuten, die vorschlagen: Mit dem Verteidiger und seinem afghanischen Mandanten möge man einfach so umgehen, wie es in dessen Heimatland üblich ist.

 

Ebenso gerne allerdings beklagen sie gleich darauf, dass Deutschland nicht mehr deutsch genug sei. Mit Logik hat das nichts zu tun. Mit Gerechtigkeit ohnehin nicht.

Pfalz-Ticker