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Freitag, 02. November 2018 Drucken

Südwest

Alzey: Geheimbunker für Besucher geöffnet

von Andreas Ganter

Schwere Türen sichern den Eingang zum Regierungsbunker.

Schwere Türen sichern den Eingang zum Regierungsbunker. ( Fotos (4): K. Schäfer)

Ein Schiffsdieselmotor sorgt für Strom.

Ein Schiffsdieselmotor sorgt für Strom. ( Foto: gana)

Teile des Bunkers dienen heute als Archiv.

Teile des Bunkers dienen heute als Archiv. ( )

Von außen sieht der Bau aus wie eine normale Schulturnhalle. Unter dem Gebäude auf dem Gelände eines Gymnasiums in Alzey befindet sich jedoch ein gigantischer Bunker. Bei einem Atomwaffenangriff hätte sich die Landesregierung dorthin zurückgezogen. Heute liegt das Relikt längst vergangener Zeiten im Dornröschenschlaf. Am Wochenende wird es wachgeküsst – zumindest ein bisschen.

Etwas gewundert haben sich die Anwohner damals wahrscheinlich schon. Offiziell sollte ja nur eine Turnhalle gebaut werden – aber warum die so einen großen Keller braucht? Die Planungen für den Ausweichbunker A801 entstehen bereits in den späten 1950er-Jahren. 1979 starten dann die Bauarbeiten, 1981 sind der Bunker und die darüberliegende Turnhalle fertig.

Allerdings setzt die damalige Landesregierung unter Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) auf Geheimhaltung. Niemand soll wissen, dass sich im Ernstfall die führenden Landespolitiker, Ministerialbeamte sowie Vertreter der Landeszentralbank und der Bahn ins rheinhessische Alzey zurückziehen würden. 30 Tage, so sieht es der Plan vor, hätten sie von hier aus – größtenteils abgeschottet von der Außenwelt – Rheinland-Pfalz regieren können.

1140 Quadratmeter groß

Die Planer hatten an alles gedacht: Wasser, Strom, Nahrung, Telefonverbindungen nach außen. 1140 Quadratmeter ist der Bunker groß. Verteilt auf zwei Ebenen bietet er in 56 Räumen Platz zum Arbeiten, Essen und Schlafen.

Am Wochenende können sich Besucher nun anschauen, wie und von wo das Land im Kriegsfall regiert worden wäre. Dabei ist erstmals eine Karte von 1966 zu sehen: Sie zeigt die für Rheinland-Pfalz prognostizierten Kernwaffeneinschläge für die Eröffnungsphase eines dritten Weltkrieges. Die Darstellung war Teil des Nato-Planspiels „Fallex 66“.

Genau für 46.899 Personen standen laut der Erhebung „ziviler Bevölkerungsschutz“ zu Ende des Kalten Krieges Platz in 49 Bunkern im Land zur Verfügung. Bei einer Einwohnerzahl von 3,8 Millionen Einwohnern hätten so 1990 dort nicht einmal fünf Prozent der Bevölkerung im Ernstfall Schutz gefunden. Weitere 5000 Plätze gab es zudem in sogenannten Behördenbunkern.

Räume im Originalzustand

Das Kommando wäre ab dem „Tag X“ von Alzey aus geführt worden. Die Räume des Bunkers präsentieren sich heute noch im Originalzustand: graue Türschilder, braune Türrahmen und weiß gestrichene Wände. In Schubladen von Schreibtischen im einstigen Melde- und Lagezentrum liegen sogar noch Original-Dokumente wie etwa ein Formular, mit dem die Bunkerbewohner Essen und bei Bedarf spezielle Diätnahrung ordern konnten. Auf leicht vergilbtem Papier aus dieser Zeit steht in roten Buchstaben „Geheim“.

Die Schlafräume boten auf rund 25 Quadratmeter Platz für bis zu 16 Personen, die hier auf Etagenbetten einquartiert worden wären. Für Ministerpräsident Vogel war Zimmer „004“ im zweiten Untergeschoss reserviert. Es war 2,30 Meter breit und 3,85 Meter lang.

Die Technikräume sehen nicht nur so aus, wie sie hinterlassen wurden, sondern darin befinden sich auch noch die damaligen Maschinen, die auf Knopfdruck anspringen. Der Bunker verfügt über ein spezielles Filtersystem. Es ermöglicht, kontaminierte Außenluft so aufzubereiten, dass die Bunkerbesatzung selbst bei einem atomaren Angriff mit genügend Sauerstoff und guter Luft versorgt wird.

Schiffsdieselmotor sorgt für Strom

Für ausreichend Strom im Krisenfall ist ein 90-PS-Schiffsdieselmotor in der unterirdischen Anlage installiert. 300 Liter Treibstoff wären dafür jeden Tag notwendig gewesen. Einen sechsstündigen Notbetrieb garantiert eine spezielle Batterie im Bunker.

Der verfügt mit einer Außendecke von gerade einmal 40 Zentimeter übrigens über vergleichsweise dünne Außenwände und Decken. Jörg Diester von „Bunker-Dokumentationsstätten“ sagt dazu, dass das Land beim Bau der Alzeyer Anlage eher die Variante „Atombunker light“ gewählt habe. Schwere Druckverschlüsse fehlen nämlich ebenso wie ein Tiefbrunnen für die Eigenwasserversorgung. „Stattdessen stellte man – entgegen aller Vorschriften für solch einen Kriegssitz – einen großen Wassertank auf“, berichtet Diester.

Die unterirdischen Räume werden bis heute noch benutzt. Zumindest teilweise. Das Zimmer mit dem Türschild „Justiz/Strafvollzug – Kultus/Kulturgut“ dient beispielsweise als Aktenlager. Die Kreisverwaltung Alzey-Worms hat hier Unterlagen archiviert. In einem anderen Raum lagerten zeitweise 4,3 Millionen Jodtabletten: die Notration für den gesamten Landkreis. Heute werden die Pillen dezentral aufbewahrt. Die Theater AG des angrenzenden Landeskunstgymnasiums nutzt das Zimmer mittlerweile als Lager für ihren Kostümfundus. Die Zeiten ändern sich.

  Info

—Am Wochenende können Interessierte den Bunker auf dem Gelände des Landeskunstgymnasiums (Ernst-Ludwig-Str. 49-51, 55232 Alzey) besichtigen. Der Familientag am Samstag geht von 12 bis 18 Uhr. Kosten: Eltern 5 Euro, Kinder 3 Euro. Am Sonntag werden zwischen 10 und 18 Uhr Führungen durch den Bunker angeboten. Sie dauern etwa eine Stunde und beginnen alle 30 Minuten. Kosten: 8 Euro.

www.bunker-alzey.de

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