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Dienstag, 17. Oktober 2017 Drucken

Politik

Werksleiter im Interview: „Wir lassen die Opfer nicht im Stich“

Fünf Todesopfer und 28 Verletzte: Heute vor einem Jahr kam es bei Wartungsarbeiten im BASF-Stammwerk zu der verheerenden Explosion.

Fünf Todesopfer und 28 Verletzte: Heute vor einem Jahr kam es bei Wartungsarbeiten im BASF-Stammwerk zu der verheerenden Explosion. ( Foto: dpa)

Uwe Liebelt bei einer Pressekonferenz nach dem Unglück mit Innenminister Roger Lewentz (links).

Uwe Liebelt bei einer Pressekonferenz nach dem Unglück mit Innenminister Roger Lewentz (links). ( Foto: KUNZ)

Interview: Auf Uwe Liebelt lastete enormer Druck nach dem Explosionsunglück im Ludwigshafener Nordhafen. Der Werksleiter war insbesondere in den ersten Tagen als Krisenmanager gefragt. Er musste erklären, was zunächst nicht zu erklären war – im Ludwigshafener Stadtrat, aber auch im Mainzer Landtag. Ein Gespräch mit dem BASF-Manager über die Folgen der Katastrophe, über Fehler und Schicksal.

Herr Liebelt, wie und wo hat Sie die Nachricht der Explosion erreicht?

Im Lagezentrum des BASF-Krisenstabs, welches sich im gleichen Gebäude wie eine unserer Feuerwachen und unsere Umweltzentrale befindet. Wir saßen zusammen, weil es am Morgen in Lampertheim eine Verpuffung mit zwei Verletzten gegeben hatte. Gegen 11 Uhr wollten wir den Krisenstab eigentlich auflösen. Ich weiß noch ganz genau: Ich hatte den Mantel schon in der Hand und war auf dem Weg nach draußen.

 

Und dann?

Sahen wir dieses erste, eher kleine initiale Feuer auf den Monitoren im Lagezentrum. Wir hörten die Feuerwehr ausrücken, kurze Zeit später kam es zur Explosion.

 

Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

In der ersten Sekunde sogar ein bisschen Ungläubigkeit. Ist das real? Kann das wirklich sein? Ich glaube, das ist nicht untypisch für solche Situationen. Gleichzeitig der Gedanke: Hoffentlich ist niemand verletzt. Aber auch durchaus ein optimistisches Grundgefühl, denn im Nordhafen arbeitet ein super Team – und unsere Feuerwehr war ja ausgerückt: die am besten ausgebildete Feuerwehr in der Chemiebranche. Das schoss mir durch den Kopf. Natürlich auch: Gut, dass wir schon hier im Lagezentrum sind und als Krisenstab sofort die Arbeit aufnehmen können.

 

Sie waren zu dieser Zeit noch nicht sehr lange Werksleiter. Was hat der Unfall mit Ihnen gemacht?

Ich glaube schon immer an Schicksal und daran, dass ich nicht völlig zufällig zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort bin und bestimmte Menschen treffe. Am Tag des Unglücks habe ich nicht lange gezweifelt. Mir war klar: Das ist jetzt meine Aufgabe. Die ganze Erfahrung, die ich über Jahre gesammelt habe, ist möglicherweise aufgebaut worden, um heute hier in diesem Krisenstab zu arbeiten und gemeinsam mit dem Team dieses Unglück zu bewältigen

 

Wie ging es Ihnen danach?

Ganz ehrlich: In den Tagen und Wochen danach habe ich keinen Gedanken an mein persönliches Wohlbefinden verschwendet. Die Gedanken waren bei den Verstorbenen, den Verletzten, deren Familien und bei der Frage: Was ist als nächstes zu tun? Den Verbund möglichst schnell wieder in Gang bringen und alles dafür tun, dass sich ein solches Ereignis nie mehr wiederholen kann. Das hat mich nicht fundamental als Mensch verändert, aber es war eine große Wegscheide.

 

Was meinen Sie damit?

Es gibt Punkte, an denen sich das Leben tatsächlich irreversibel verändert. Den Tag des Unglücks würde ich dazu zählen.

 

War das eine Art Bewährungsprobe für Sie?

Wenn man die Dimension dieses Unglücks betrachtet – sicher. Das hat uns alles abverlangt, uns im Krisenstab und allen Einsatzkräften, Rettern und Helfern. Wenn Sie 21 Jahre in der BASF arbeiten, müssen Sie viele Bewährungsproben bestehen, aber das war sicher eine Ausnahmesituation.

 

Es gab Gerüchte, Sie müssten Ihren Hut nehmen. Hatten Sie jemals das Gefühl, dass Sie das Unglück Ihren Job kosten könnte?

Nein, nie. Die Unterstützung intern war von der ersten Stunde an da, als Kurt Bock in den Krisenstab kam. Von mangelnder Unterstützung war intern nichts zu spüren. Die Diskussion haben wir überhaupt nicht geführt. Ich hatte volle Rückendeckung.

 

Wie sind Sie persönlich mit den Gerüchten umgegangen?

In den ersten vier Wochen nach dem Unfall haben wir rund um die Uhr gearbeitet, in der Regel zwischen 16 und 18 Stunden, auch am Wochenende. Wir hatten unheimlich viel zu tun und mussten uns gegenseitig auffordern, nach Hause zu gehen und Pause zu machen. In dieser Situation hatten wir schlichtweg weder Zeit noch Muße, uns mit diesen Gerüchten zu beschäftigen.

 

Hat Sie die Debatte verärgert?

Nein. Dass man nach einem solchen Unfall nach Schuldigen und politisch Verantwortlichen sucht, ist völlig normal. Und der Werksleiter trägt nun mal zusammen mit dem Vorstand die Verantwortung. Als die Debatte hochkam, war die Aufklärung der Unfallursache ja noch weit entfernt. Niemand wusste genau, was passiert war.

 

Sie sagen, Sie haben vier Wochen rund um die Uhr gearbeitet. Bereuen Sie im Nachhinein eine Entscheidung?

Ich habe oft darüber nachgedacht. Wir haben uns selbst sehr hart als Krisenstab analysiert. Aber es gibt keine einzige Entscheidung, die ich bereue.

 

Wie sieht es mit der Tatsache aus, dass sich Vorstandschef Bock erst zehn Tage nach dem Unglück öffentlich äußerte?

Das ist so oft diskutiert worden. Kurt Bock hat sich mittlerweile mehrfach selbst zum Thema geäußert, dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Hat das Unglück die BASF verändert?

Ja. Um die Wiederholung eines solchen Ereignisses hinreichend unwahrscheinlich zu machen, haben wir ein ganzes Paket technischer und organisatorischer Maßnahmen im Nordhafen und generell für Arbeiten an Rohrleitungen umgesetzt. Aber auch das Thema Kommunikation hat sich verändert.

 

Inwiefern?

Margret Suckale und ich haben damals einen Brief an die Nachbarn geschrieben und darin erklärt, dass wir uns Vertrauen zurück erkämpfen wollen. So etwas gelingt nur mit noch mehr Transparenz. Es gab schon immer Formate wie das Nachbarschaftsforum und das Ortsvorstehertreffen. Neu ist das Format des Bürgerdialogs, welcher nun schon zweimal stattgefunden hat. Dazu kommt, dass wir einen mehr formalisierten Austausch mit den Stadtratsfraktionen initiiert haben. Wir treffen uns jetzt zweimal im Jahr mit jeder Stadtratsfraktion. Diese Termine sind gesetzt. Mit den Landtagsfraktionen haben wir den Kontakt ebenfalls ausgebaut.

 

Was hat sich noch verändert?

Als Betreiber ist es unsere Pflicht, die Sicherheit in unseren Anlagen zu gewährleisten. Dazu gibt es eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen, die eingehalten werden müssen. Sicherheit basiert auf dem Zusammenspiel technischer und organisatorischer Maßnahmen. Deren Einhaltung und Wirksamkeit wird immer wieder von den Überwachungsbehörden überprüft, angekündigt und unangekündigt. Wir alle waren der festen Überzeugung, dass der Nordhafen sicher zu betreiben ist. Mit einem, wie vom Staatsanwalt bezeichneten fatalen menschlichen Fehler, hatte allerdings niemand gerechnet. Das hat uns zu denken gegeben.

Wie reagiert man als Konzern darauf?

Wir schauen uns gemeinsam mit unseren weltweit zuständigen Experten für Arbeits- und Anlagensicherheit nun noch genauer an, was passieren könnte, wenn einer dieser höchst unwahrscheinlichen, aber fatalen Fehler eintreten würde. Was, wenn jemand etwas tut, das niemand für möglich hält? Kann es dann trotz unserer hohen Sicherheitsstandards zu einem Unglück kommen? In Ludwigshafen haben wir als Konsequenz aus der Betrachtung an einigen Stellen die nochmalige Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen veranlasst. Das kostet Geld, wir reden hier von Millionenbeträgen, ist aber für uns der richtige Weg, um das Werk noch sicherer zu machen.

 

Was hat die Katastrophe intern bewirkt? Sind die Aniliner wieder enger zusammengerückt?

In Krisensituationen spürt jedes gute Team einen stärkeren Zusammenhalt als im Tagesgeschäft.

 

Aber?

Die Frage impliziert ja, dass wir vorher keinen engen Zusammenhalt gehabt hätten. Wir mussten gar nicht enger zusammenrücken. Der Eindruck, der in der Öffentlichkeit vor dem Unglück geschürt wurde, – die Anilin hält nicht mehr zusammen – das war nicht der Fall. Wir haben hier 35.000 Menschen, die mit ihrem Herzen an dieser Firma hängen. Das unterscheidet uns von anderen Unternehmen. Natürlich werden wichtige Entscheidungen und Entwicklungen diskutiert. Das ist auch gut so. Ich fordere diese intensive Auseinandersetzung mit Herzblut sogar.

 

Warum?

Weil es mir zeigt, dass es den Menschen wichtig ist, was hier passiert. Es wird nicht einfach hingenommen. Einige wundern sich, dass ich als Werksleiter mit allen auch kontrovers über wichtige Themen diskutiere. Aber ich will wissen, was in den Köpfen der Mitarbeiter vorgeht. Ich will ihre guten Ideen und mit ihnen gemeinsam in die Zukunft gehen.

 

Wer hat diesen falschen Eindruck geschürt, von dem Sie sprechen?

Es gab da durchaus den einen oder anderen Medienbericht. Noch mal: Eine kritische interne Diskussion bedeutet nicht, dass das Team nicht zusammenhält, sondern dass auch mal in großer Verbundenheit mit der BASF um die beste Lösung gerungen wird. Im Übrigen: Was durch eine Krise an zusätzlicher Solidarität entsteht, ist meist nur temporär. Dauerhaft hält man ein Team nur mit Wertschätzung und Einbindung zusammen.

 

Sie waren im Stadtrat in Ludwigshafen und im Mainzer Landtag. Sie sind gelobt worden, weil Sie dort klare Kante gezeigt haben. Aber im Stadtrat hieß es auch, dass nach dem Vorfall das Verhältnis zur BASF angekratzt sei. Gab es da Gesprächsbedarf?

Es war für mich absolut verständlich, dass es in einer solchen Situation eine gewisse Nervosität gab, dass kritische Fragen gestellt wurden. Ich glaube, dass wir mit der transparenten Aufarbeitung des Vorfalls und der intensiven Kommunikation dazu beigetragen haben, dass sich die Zweifel wieder gelegt haben und das Verhältnis zu den Stadtratsfraktionen heute sogar besser ist, als in den Wochen vor dem Unfall.

 

Gab es zuvor eine Entfremdung zwischen Politik und BASF?

Nein, ganz und gar nicht. Es findet seit Jahren ein intensiver Austausch zwischen BASF und Politik statt. Von Treffen mit der Landesregierung über regelmäßige Gespräche mit der Stadtspitze und den Spitzen der Stadtratsfraktionen bis hin zum Austausch mit den Ortsvorstehern. Diesen Dialog haben wir weiter ausgebaut, wir haben noch mal aufgesattelt.

 

Im Nachgang des Unglücks kritisierten ehemalige Aniliner, dass zu viele Fremdfirmen im Werk tätig seien. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Bei dem Vorfall im Nordhafen reden wir über eine Firma, die seit den 1970er Jahren am Standort eingesetzt wird. Die beiden Arbeiter waren Deutsch sprechend. Alle Anwürfe diesbezüglich stimmen einfach nicht. Was allerdings in den Vorjahren an anderer Stelle – nicht im Nordhafen – im Zusammenhang mit Fremdleistungen zugenommen hat, sind Qualitätsprobleme. Sowohl bei Maschinen und Apparaten, als auch bei Serviceleistungen. Darauf haben wir reagiert.

 

Wie?

Wir haben die Qualitätsanforderungen hochgeschraubt und überprüfen Qualifikation und Leistung noch engmaschiger.

 

Nennen Sie mal ein Beispiel.

Wir fordern etwa bei der Montage bestimmter Flansche, dass der Monteur sein Siegel in eine Plombe eindrückt, die am Flansch befestigt wird. Diese Personifizierung führt dazu, dass wir genau wissen, wer was montiert hat. Das konnten wir bislang nicht. Die Qualität ist dadurch gestiegen.

 

Arbeiten Sie noch mit der Fremdfirma zusammen, deren Arbeiter das Unglück am Hafen wohl verursacht hat?

Ja. Das ist eine exzellente Firma, ein bewährter Partner, der seit Jahrzehnten einen guten Job bei uns macht. Sollte es beim derzeitigen Erkenntnisstand der Ermittlungen bleiben, hielte ich es für falsch, die gesamte Firma für den individuellen Fehler eines Einzelnen zu bestrafen.

 

Vor Kurzem starb das fünfte Opfer des Unglücks. In welchem Umfang werden die Angehörigen noch betreut?

Wir haben von Anfang an gesagt, wir lassen die Opfer und ihre Familien nicht im Stich – und das halten wir auch so. Es gibt nach wie vor aus ganz verschiedenen Einheiten der BASF heraus stehende Kontakte zu den Familien der Verstorbenen. Das schließt unsere Mitarbeiterbetreuung, die Personalabteilung, aber auch den Standortleiter und die Kollegen der Feuerwehr mit ein. Bei den Schwerverletzten geht es um deren Gesundung und um die Wiedereingliederung. Im Einzelfall kann das auch bedeuten, einen neuen, besser geeigneten Arbeitsplatz zu finden. Wir lassen niemanden fallen, der wegen seiner Verletzungen nicht mehr im angestammten Job arbeiten könnte.

 

Wie blicken Sie dem Jahrestag des Unglücks entgegen?

Dieser Tag ist in den vergangenen zwölf Monaten nie in Vergessenheit geraten, weder emotional noch technisch, wir sind ja immer noch mit der Wiederinbetriebnahme beschäftigt. Und als kürzlich der vierte Feuerwehrmann starb, hat das nochmals lebhaft die Bilder von damals in Erinnerung gebracht. Das Unglück und seine Folgen haben uns das ganze Jahr begleitet. Das wird auch noch länger so bleiben.

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