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Ludwigshafen

„Wie nach einem Bombenangriff“

17. Oktober 2016: Nach der Explosion im Landeshafen steht über dem Norden Ludwigshafens eine schwarze Rauchwolke.

17. Oktober 2016: Nach der Explosion im Landeshafen steht über dem Norden Ludwigshafens eine schwarze Rauchwolke. ( Foto: dpa)

Uwe Weil

Uwe Weil ( Foto: KUNZ)

Winfried Konrad

Winfried Konrad ( Foto: KUNZ)

Stefan Bruck

Stefan Bruck ( Foto: KUNZ)

Hans Klanig

Hans Klanig ( Foto: KUNZ)

Beate Maier

Beate Maier ( Foto: KUNZ)

Heute vor einem Jahr hat sich das BASF-Unglück im Nordhafen ereignet, das fünf Menschen das Leben kostete. Im Ludwigshafener Norden herrschte Ausnahmezustand. Der Verkehr brach zusammen, Anwohner sollten nicht ins Freie. Wir haben mit Augenzeugen und Einsatzkräften über ihre Erinnerungen an den Unglückstag gesprochen. Ein Protokoll von Michael Schmid

Stefan Bruck, Feuerwehrmann

Ich wollte eigentlich am Mittag mit dem Zug auf ein Fortbildungsseminar nach Duisburg fahren. Ich war noch in der Hauptfeuerwache. Um 11.30 Uhr kam die Alarmierung durch die BASF. Ich habe meine Reisetasche weggestellt, bin mit Feuerwehrchef Peter Friedrich in die Leitstelle, und wir haben Vollalarm ausgelöst. Das heißt, alles, was bei der Berufsfeuerwehr verfügbar war, fuhr in Richtung BASF. Peter Friedrich hat den Gefahrenabwehrstab in der Hauptfeuerwache geleitet und ich als sein Stellvertreter sollte raus zum Einsatzort.

Ich habe zehn Minuten zum Landeshafen gebraucht. Ich bin mit Blaulicht und Sirene mit weit über 100 Sachen durch die Stadt gerast. Die Qualmwolke habe ich schon von Weitem gesehen. Vor Ort war ein rotes Flammenmeer. Der Brand hatte eine gewaltige Energie. Man hörte ein Rauschen in der Luft, weil aus den Leitungen Produkt unter hohem Druck austrat. Es war unglaublich heiß. Und die Rauchentwicklung war enorm.

Kurz bevor wir von der Berufsfeuerwehr eintrafen, war die Pipeline explodiert und dann wie ein wildgewordener Gartenschlauch etwa 70 Meter über das Gelände gefegt – nur, dass statt Wasser ein Feuerstrahl rauskam. Die Kameraden von der BASF-Werkfeuerwehr, die den Pipelinebrand löschen wollten, hatten keine Chance.

Als ich eintraf, lagen Tote und Verletzte auf dem Boden. Die Menschenrettung aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich war gerade abgeschlossen. Meine Aufgabe als Einsatzleiter war die Brandbekämpfung und die Gefahreneinschätzung. Ich habe unsere Maßnahmen mit Gert van Bortel von der BASF-Werkfeuerwehr abgesprochen. Wir haben Werfer vorgebracht und Schläuche zum Hafenbecken gelegt, um die Wasserversorgung sicherzustellen. Dann mussten wir das Feuerlöschboot der Metropolregion einweisen. Auf einmal kam es zu einer Folgeexplosion. Wir waren nur etwa 50 Meter davon weg. Dann haben wir eine Absperrzone von 300 Metern Durchmesser festgelegt.

In solchen Situationen wird alles abgespult, was man gelernt hat. Man muss in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen. Der Körper ist voller Adrenalin. Das Zeitgefühl geht verloren. Ich habe extreme Situationen zuvor in Rotterdam bei einer Fortbildung in der Tank- und Schiffsbrandbekämpfung trainiert. Da wurde ein Tank mit 8000 Litern Benzin angezündet und dann hieß es: „Löscht das mal.“ Das hat mir beim Brand im Landeshafen geholfen.

Wir haben zwei Einsatzabschnitte im Hafen eingerichtet, es brannte an drei verschiedenen Stellen. Auch Autos und ein Schiff hatten Feuer gefangen. Und es gab die Gefahr, dass es zu weiteren Explosionen kommen könnte. Das war das große Risiko.

Als Einsatzleiter ist man die Galionsfigur. Man muss Ruhe bewahren und Sicherheit ausstrahlen, man darf nicht hektisch werden. Das überträgt sich sonst auf die Mannschaft. Man hat in dieser Situation keine Zeit, über die Opfer nachzudenken – das wird verdrängt und kommt später. Ich habe heute noch die Bilder von den Toten und Verletzten vor Augen – viele kenne ich persönlich.

Wir haben die Verletzten mit unserem Großraumrettungswagen weggebracht und veranlasst, dass die Lkw-Fahrer das Kombiterminal verlassen. Was außerhalb der Absperrzone passiert ist, davon habe ich kaum etwas mitbekommen. Wir haben uns voll auf die Brandbekämpfung konzentriert. Ich war immer in Bewegung, um ein Gefühl für die Lage zu haben. Ich habe schnell gespürt: Wir bekommen das in den Griff. Das war nur eine Frage der Zeit. Wir gehören zu den schlagkräftigsten Feuerwehren in Deutschland – das haben wir an diesem Tag unter Beweis gestellt. Bis 16 Uhr hatten wir alles im Griff. Wir haben bis zu 45.000 Liter Löschwasser pro Minute eingesetzt. Es war einer der größten Einsätze, die ich je miterlebt habe. Die Ludwigshafener Berufsfeuerwehr war mit 76 Mann und 22 Fahrzeugen im Einsatz.

Als das große Feuer aus war, es um Nachlöscharbeiten sowie die Kühlung der Pipelines ging, bin ich am frühen Abend wieder zurück in die Hauptfeuerwache in Mundenheim. Der Rest von uns ist dann in der Nacht nach 1 Uhr abgerückt. Etwa um diese Zeit bin ich nach Hause gefahren. Meine Frau hatte mir tagsüber eine SMS geschickt: „Bist du dort?“. Ich habe nur „Ja“ zurückgeschrieben. Für mehr war keine Zeit. Nach ein paar Stunden Schlaf bin ich dann noch zu meinem Seminar gefahren. Ich habe an diesem Tag viel gelernt für meine heutige Tätigkeit als Chef der Berufsfeuerwehr. Meine wichtigste Lektion? Für uns Feuerwehrleute bleibt ein Restrisiko. Die beste Technik und Einsatztaktik garantieren nicht, dass uns nicht etwas passieren kann.

Stefan Bruck (49) ist seit 1983 bei der Feuerwehr. Zum Zeitpunkt des Unglücks war er stellvertretender Leiter der Berufsfeuerwehr Ludwigshafen, die er seit März leitet. Er wohnt in Böhl-Iggelheim, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

Uwe Weil, Polizist

Den Knall habe ich gar nicht gehört. Ich saß in meinem Dienstzimmer und bekam von meinem Dienstgruppenleiter die Nachricht, dass es eine Explosion gegeben hatte. Keiner wusste zunächst, was geschehen war. Ich bin dann in mein Zimmer gerannt, habe meine Waffe und meine Jacke geholt und dann sind wir mit unseren Streifenwagen Richtung Gewerbegebiet Nachtweide gefahren.

Über Funk wurden wir auf der Fahrt verständigt, dass es sich um ein Unglück im Landeshafen handelte. Wir haben dann in der Umgebung den Verkehr gestoppt, damit die Rettungskräfte durchkamen. Ich bin ins Kombiterminal rein, um mir ein Bild zu machen. Dann kam die Feuerwehr und sagte: „Ihr seid viel zu nah dran.“ Wir haben sofort unsere Absperrung wegen der Explosionsgefahr weiter nach hinten verlegt. Die Lage war zunächst völlig unklar. Angst hatte ich nicht. Man reagiert einfach, ohne groß darüber nachzudenken.

Im Kombiterminal standen etwa 120 Lkw-Fahrer herum. Die Abfertigung war eingestellt. Das Gelände musste evakuiert werden. Die Fahrer hatten teils kurze Hosen und Badelatschen an. Ich habe dann auf Deutsch, Englisch und Französisch Durchsagen über einen Lautsprecher gemacht, dass alle hier rausmüssen. Die Leute sollten ihre Lastzüge abschließen und die Wertsachen mitnehmen. Aber die Fahrer wollten das nicht und fingen an herumzudiskutieren.

Wir waren nur etwa 200 bis 300 Meter Luftlinie vom Unglücksort weg. Es gab auf einmal einen Schlag, dann stieg eine grellweiße Feuersäule in den Himmel, und es wurde sehr heiß. Das hat nur ein paar Sekunden gedauert. Danach wollten auch die Lkw-Fahrer das Gelände räumen. Wir hatten drei Busse angefordert. Aber die steckten in der Brunckstraße fest, denn der Verkehr war binnen Minuten zusammengebrochen. Wir mussten eineinhalb Stunden auf die Busse warten. Wir sind weiter weg hinter einer Lagerhalle in Deckung gegangen und haben überlegt, die Lkw-Fahrer in einem Fußmarsch wegzubringen. Dann kamen die Busse. Wir haben die Leute ins Bürgerhaus nach Oppau gefahren.

Ich bin dann wieder raus zur Unglücksstelle. Der Geruch dort war beißend. Alle Beamten hatten das Gefühl, Halsweh zu haben. Das ging erst nach zwei Tagen wieder weg. Vier meiner Kollegen sind über Nacht im Krankenhaus behandelt worden. Zum Glück ist da nichts zurückgeblieben. Unsere Aufgabe als Polizei war es, die Unglücksstelle abzusperren: Das war auch ein Tatort, denn es sind ja Menschen ums Leben gekommen.

Am Tag nach der Explosion habe ich die Lage im Landeshafen sondiert. Wegen der Brände und Löscharbeiten konnten wir vorher nicht an den eigentlichen Unglücksort gelangen. Ich war als erster Polizist vor Ort. Das sah übel aus. Wie nach einem Bombenangriff. Und auch die Leichen waren noch da. Es gab viele Schaulustige, die versucht haben, Bilder durch den Zaun zu machen. Da ging es auch um Pietät. Wir haben die Leute ferngehalten. Die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei haben dann ihre Ermittlungen aufgenommen. Ich habe mit meinen Leuten in den folgenden fünf, sechs Tagen einige Hundert Überstunden geschoben. Neben der Absperrung hatten wir auch viel mit dem Verkehr zu tun. Dann hat sich die Lage wieder etwas beruhigt.

Ich habe in 43 Dienstjahren viel gesehen. Man darf das nicht zu nah an sich ranlassen. Aber das Gedenken der Feuerwehrleute an ihre verstorbenen Kameraden und die Trauerfeier in Oppau haben mich berührt. Als Anwohner weiß ich, die BASF ist da, und man muss damit leben. Und eines ist auch klar: Das Leben hat jede Menge Risiken. Ich sehe jeden Tag die Bilanz der Verkehrsunfälle. Die Gefahr, im Straßenverkehr verletzt zu werden, ist wesentlich größer als bei einem Industrieunglück.

Uwe Weil (58) ist seit Oktober 2016 stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion 2 in Oppau, in der 60 Beamte im Schichtdienst arbeiten. Der Erste Polizeihauptkommissar ist seit fast 43 Jahren bei der Polizei, davon rund 40 Jahre in Ludwigshafen. Er stammt aus Kaiserslautern, ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lebt in Edigheim.

 

Hans Klanig, Helfer

Ich bin morgens im Oppauer Bürgerhaus gewesen und war gerade auf dem Heimweg in die Pfingstweide. Da habe ich die Luftschutzsirenen gehört. Dann gab’s viel Tatütata. Polizei, Feuerwehr und Rettungswagen sind in Richtung BASF gefahren. Ich habe mir gleich gedacht, da ist etwas Größeres passiert. Ich habe 39 Jahre in der BASF gearbeitet, im Norden vom Werk, und kenne auch den Landeshafen. Ich wusste, was da alles liegt.

Später hat mich Ortsvorsteher Udo Scheuermann angerufen und gesagt: „Wir brauchen das Bürgerhaus.“ Also bin ich wieder nach Oppau und habe mit Udo, Gabriele Albrecht und anderen Helfern Tische und Stühle aufgestellt, um dort 100 bis 120 Leute bewirten zu können. Es ging um die Lkw-Fahrer aus dem Kombiterminal, das evakuiert wurde. Wir vom Trägerverein Bürgerhaus Oppau haben die Räume zur Verfügung gestellt. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hatte die Oberleitung. Um die Verpflegung haben sich die Malteser gekümmert. Wir waren etwa 20 Mann.

Es hat dann bis etwa 17.30 Uhr gedauert, bis die ersten Trucker kamen. Die kamen mit den Bussen nicht durch, die Straßen entlang der BASF waren ja alle dicht. Auch die Malteser, die in Geschäften und Supermärkten das Essen besorgten, blieben im Verkehr stecken. Wir konnten den Lkw-Fahrern anfangs nur Kaffee ausschenken. Dann kamen irgendwann die Malteser mit Essen und Getränken. Die Trucker waren sehr dankbar. Das war eine internationale Truppe: Engländer, Polen, Russen, Spanier, Italiener und Türken – die kamen aus aller Herren Länder. Die Verständigung lief teils mit Zeichensprache. Die Leute hatten Hunger, die konnten ja seit dem Frühstück nichts mehr essen. Die Trucker wurden später ins Schulzentrum Edigheim gebracht, weil es dort Duschgelegenheiten gab, die wir im Bürgerhaus nicht haben. Wir Helfer bekamen unsere Informationen von Udo Scheuermann. Wir wussten aber nur, dass sich ein Explosionsunglück ereignet hatte. Wir hatten alle Hände voll zu tun, haben von dem, was da in der BASF passierte, nicht viel mitbekommen. Für uns ging’s um die Leute, denen geholfen werden musste. Das war für uns kein Thema. Wenn das Bürgerhaus in so einem Fall gebraucht wird, dann wird es aufgemacht. Das Helferteam hat dann das Bürgerhaus noch aufgeräumt. Ich bin irgendwann gegen Mitternacht nach Hause gegangen.

Hans Klanig (67) hat bis zum Ruhestand bei der BASF gearbeitet. Der Rentner kümmert sich um das Management des Bürgerhauses in Oppau, übernimmt die Buchungen für Veranstaltungen. Klanig stammt aus Hauenstein und lebt seit 1972 in Ludwigshafen. Er wohnt in der Pfingstweide, ist verheiratet, hat zwei Kinder und drei Enkel.

 

Winfried Konrad, Rentner

Ich war zu Hause in Edigheim und habe zunächst nichts von der Explosion mitbekommen. Mein Sohn war mit dem Auto unterwegs, hat das Feuer gesehen und mich angerufen. Ich bin dann hoch und habe aus dem Dachfenster Richtung BASF geschaut. Da habe ich die schwarze Qualmwolke gesehen. Ich bin auf meinem Fahrrad losgefahren, um zu sehen, was da los ist. Ich bin über Feldwege Richtung Landeshafen geradelt und kam zunächst nur bis zu den Kleingärten, bin dann weiter Richtung Theodor-Heuss-Brücke gefahren. Von der Böschung der Autobahn aus konnte man das Feuer und die Löscharbeiten sehen. Näher kam man nicht heran. Die Polizei hatte alles abgesperrt. Ich habe dann mit meinem Handy Fotos gemacht und bin über Feldwege zurück bis zur Brücke an der L 523. Die liegt gegenüber vom Kombiterminal. Man sah Flammen und Rauch. Ich war nicht der Einzige, der dort war. Neben mir stand ein Mann mit einem Feldstecher, der kam aus Sandhofen.

Ich hatte zu keinem Moment Bedenken wegen Schadstoffen in der Luft. Der Qualm wurde nach Osten, rüber nach Mannheim getrieben. Und ich bin auch kein ängstlicher Typ. Als Anwohner wollte ich mich informieren, welches Ausmaß das Unglück hat, und wollte sehen, ob die Feuerwehr das in den Griff bekommt. Es war ja zunächst völlig unklar, was da passiert ist. Später bin ich noch ans Tor 11 der BASF geradelt. Dort sollten die Anwohner Informationen bekommen. Aber ich habe den Info-Punkt nicht gefunden. Ich bin dann wieder nach Hause und habe im Fernsehen die Nachrichten verfolgt.

Dem BASF-Werkleiter Uwe Liebelt war bei der Pressekonferenz am Unglückstag die enorme Anspannung anzumerken. Ich hätte erwartet, dass BASF-Chef Kurt Bock auftritt und etwas sagt. Sein Verhalten war für mich eine Katastrophe – dafür gibt’s keine Entschuldigung. Ich frage mich immer noch, wie so etwas passieren konnte. Wie kann es sein, dass ein Fremdarbeiter ein falsches Rohr anschneidet? Diese Frage ist für mich bis heute unbeantwortet.

Wir leben hier ja schon immer mit der BASF. Ich hatte noch nie Angst deswegen und habe auch nach dem Unglück kein mulmiges Gefühl. Wem es nicht passt, dass es hier ein Chemiewerk gibt, der sollte nicht hierher ziehen.

Winfried Konrad (72) hat bis zu seinem Ruhestand in Vertrieb und Technik bei G + H in Ludwigshafen gearbeitet. Er ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Edigheim.

 

Beate Maier, Erzieherin

Eine Kollegin hat den Knall gehört. Und dann hat gleich der Vater eines unserer Kinder aus der Pfingstweide angerufen und gesagt, da ist was passiert. Auch die Kita-Leiterin aus der Pfingstweide hat sich gemeldet. Wir haben sofort die Kinder vom Außengelände hereingeholt und dann die Fenster und Türen zugemacht. Später hat die Stadtverwaltung eine Warnung per E-Mail geschickt. Wir hatten ja schon einschlägige Erfahrungen durch die Gasexplosion in Edigheim zwei Jahre zuvor. Damals haben wir die Feuersäule gesehen. Das war beängstigend. Diesmal haben wir zunächst nichts gesehen, später dann die Rauchwolke. Die Kinder hat am meisten ein Hubschrauber beunruhigt, der tief über uns hinwegflog.

Normalerweise halten die Kleinen um 12 Uhr ihr Mittagsschläfchen, aber der Hubschrauberlärm hat sie gestört. Wir haben ihnen gesagt, da ist etwas in der BASF passiert und der Hubschrauber hilft. Natürlich haben bei uns auch Eltern angerufen, die wissen wollten, ob mit den Kindern alles in Ordnung ist. Und auch Angehörige von den Erziehern haben sich gemeldet. Im Vergleich zur Gasexplosion hat das Unglück im Hafen auf uns nicht so bedrohlich gewirkt. Die Luftschutzsirenen haben wir nicht gehört. Wir haben trotzdem alle Sicherheitsmaßnahmen ergriffen.

Ich war angespannt, wusste nicht genau, was los ist. Wir haben dann über Radio, Internet und die Warn-App Katwarn Informationen gesammelt. Einige Eltern sind gekommen, um ihre Kinder nach Hause zu holen. Aber das waren nur Einzelfälle. Wir haben die Kinder ganz normal bis 17 Uhr in der Einrichtung betreut. Viele Eltern sind ja berufstätig und darauf angewiesen. Ich habe abends im Fernsehen die Bilder von dem Unglück gesehen, da wird man sich dann der Tragweite bewusst und denkt: Gott sei Dank war die Unglücksstelle nicht so nah bei uns.

Es war dann eine Herausforderung die Kinder zwei Tage lang acht Stunden in geschlossen Räumen zu halten. Wir konnten ja nicht lüften. Die Stadt ist auf Nummer sicher gegangen, bis klar war, dass es keine Gefahr durch Schadstoffe gibt. Als Leiterin muss man in solchen Situationen Ruhe ausstrahlen, das überträgt sich aufs Team und die Kinder.

Die BASF gehört zu Ludwigshafen. Viele Menschen verdienen dort ihr Geld, und der Konzern hat unsere Kitas unterstützt. Aber es ist auch klar: Solche Unglücke brauchen wir nicht.

Beate Maier (64) ist seit 1979 Erzieherin in Ludwigshafen, sie leitet das Kinderhaus Wolfsgrube in Edigheim, das 20 Hortkinder und 80 Kindergartenkinder betreut. Außerdem ist sie Regionalteamleiterin für fünf städtischen Kitas in Oppau, Edigheim und der Pfingstweide. Sie ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Ruchheim.

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