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Donnerstag, 26. März 2015 Drucken

Ludwigshafen

Die Isolation durchbrechen

Von Anette Konrad

Die Matthäuskirchengemeinde in West stellt die Räume für den Sprachunterricht kostenlos bereit. ( Foto: KUNZ)

Sprache ist der Schlüssel zur Integration: Davon sind die Ehrenamtlichen des Projekts „Teachers on the road“ überzeugt. Sie geben Flüchtlingen seit neun Monaten dreimal wöchentlich Deutschunterricht in den Räumen der Matthäuskirchengemeinde in West.

„Ich komme aus Syrien“ und „Ich bin aus Afghanistan“ steht in großen Druckbuchstaben an der Tafel. Heute lernen zehn Männer zwischen 16 und 48, wie man sich mit einfachen Worten vorstellt und von sich erzählt. Es ist vor allem Alltagsdeutsch, das die ehrenamtlichen Lehrer ihren Schülern vermitteln. Also Redewendungen und Vokabeln, die man beim Einkaufen oder bei Behördengängen braucht. Erklärtes Ziel des Projekts „Teachers on the road“ (sinngemäß: „Lehrer auf Achse“) ist es, die Isolation der Flüchtlinge zu durchbrechen. Mit dem Deutschunterricht wollen sie den Menschen Brücken in die Gesellschaft bauen. 700 Flüchtlinge werden Ludwigshafen vom Land in diesem Jahr zugewiesen, gut 600 leben bereits hier. Für manche ist das Angebot der „Teachers“ ein erster Anker in der Stadt am Rhein.

Immer montags, mittwochs und freitags findet der Unterricht in dem hellen Raum mit der großen Tafel statt. Anderthalb Stunden für Anfänger, anderthalb Stunden für Fortgeschrittene. Dafür wurde in den Flüchtlingsunterkünften am Rheingönheimer Rampenweg und in der Bayreuther Straße in West die Werbetrommel gerührt. Bis jetzt nehmen überwiegend Männer aus Syrien das Angebot wahr. Pfarrerin Elke Maicher hat dem Integrationsprojekt gerne die Räume im Gemeindehaus zur Verfügung gestellt. „Ein tolles Projekt“, meint sie. „Wir müssen als Kirche mithelfen, dass die Menschen, die aus den Bürgerkriegsgebieten hierher kommen, Deutsch lernen können“, sagt sie. Daher prüft die Matthäuskirchengemeinde gerade, ob ein Zimmer im Keller für die Kinderbetreuung umgebaut werden kann, damit auch mehr Frauen kommen.

Das Projekt „Teachers on the road“ besteht seit zwei Jahren. In Rheinland-Pfalz und Hessen engagieren sich bereits rund 250 Ehrenamtliche. Unterrichtsangebote gibt es etwa in Frankfurt, Hanau und Mainz. Die Ludwigshafener Gruppe zählt aktuell acht Ehrenamtliche, die übrigens nicht nur Lehrer sind, sondern aus vielen Berufen kommen. Sie unterrichten jeweils an einem Tag in der Woche.

Einer von ihnen ist Volkan-Mikail Öztürk, der sich engagiert, weil er den Flüchtlingen eine Willkommenskultur bieten möchte. „Deutschland ist ein Land, in dem jeder willkommen ist“, sagt er. „Die Flüchtlinge sind ganz normale Menschen – Ärzte, Apotheker, Verkäufer, Schreiner, Schneider. Sie hatten vor der Flucht ein ganz tolles Leben, möchten sich hier wieder ein neues Leben aufbauen und natürlich mit den Menschen kommunizieren“, berichtet Julia Ostertag. Die Sängerin, die Deutsch als Fremdsprache-studiert hat, kommt extra aus Heidelberg zum Unterricht, da es dort noch keine Gruppe gibt.

Ihre Schüler sind Menschen wie Kasem Shbat, der aus Syrien geflohen ist. Dem 26-Jährigen droht die Abschiebung, weil er über Italien nach Deutschland gekommen ist. Gerne möchte der gelernte Fliesenleger hierbleiben und sich integrieren. Der Deutschkurs sei für ihn sehr hilfreich, sagt er noch auf Englisch.

Oder Muhammad Majdi Abdul Ghni, ebenfalls aus Syrien. Der 25-Jährige hat nach einem Jahr Wartezeit den Aufenthaltsstatus erhalten, wie es offiziell heißt. Er hat in seiner Heimat Biologie studiert, möchte sich hier aber beruflich neu orientieren. Auch er ist froh, durch den Unterricht schon vieles verstehen und etwas sprechen zu können.

„Wir schließen mit unseren Deutschkursen eine Lücke im System“, betonen Ostertag und Öztürk. Denn die Flüchtlinge haben erst dann einen Anspruch auf einen Deutschkurs, wenn ihr Asylantrag anerkannt ist. Und bis dahin können Monate ins Land ziehen – Monate, die für die Integration vertan sind, denn eine Grundvoraussetzung dafür ist die Sprache. Daher belassen es die engagierten Ehrenamtlichen nicht beim Deutschkurs, sondern wenden sich mit klaren Forderungen an die Politik: „Wir erwarten, dass der Staat unsere Deutschkurse finanziell unterstützt“. Und auch die „katastrophale Unterbringung der Flüchtlinge in Bruchbuden“ prangern sie an und fordern von der Stadt, Ansprechpartner für die Unterkünfte einzusetzen, die sich beispielsweise um Reparaturen kümmern.

 

Kommentar

Von Stefan Gierescher

Hilfe willkommen

Das Projekt „Teachers on the road“ verdient Unterstützung.  Hier wird Willkommenskultur gelebt.

Der Begriff Willkommenskultur wurde zuletzt sehr  strapaziert. Vertreter der Stadtspitze nahmen ihn   ebenso gerne in den Mund wie   Oppositionelle. Erstere behaupteten fortwährend, dass es in Ludwigshafen eine Willkommenskultur gibt. Kritiker entgegneten, man sei   weit davon entfernt. Weder das eine noch das andere lässt  sich  anhand messbarer Kriterien belegen.  Herzlichkeit und Nächstenliebe sind keine statistischen Werte.   Vom Schreibtisch aus ist eine Willkommenskultur jedenfalls  nicht  zu managen. Man muss seinen Hintern bewegen und auf  Flüchtlinge  zugehen. Oder ihnen die Sprache beibringen, wie das die „Teachers on the road“ tun. Ehrenamtlich.  Politiker sollten das Projekt   fördern anstatt sich zu piesacken. Das wäre eine ganz pragmatische Form der Willkommenskultur. 

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