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Sonntag, 03. Mai 2015 Drucken

Donnersbergkreis

Das Reich rostet

Von Barbara Till

(Foto: Stepan)

Der „Adlerbogen“ an der Ostflanke des Donnersbergs ist ein eisernes Zeugnis eines lange vergangenen Krieges und ein Anziehungspunkt für Wanderer und Wagemutige.

Wenn er hier oben steht, staunt Hermann Braun immer wieder: Wie mögen sie damals, 1880, an der steilen Ostflanke des Donnersbergs diesen eisernen Bogen zwölf Meter weit zwischen zwei Felszacken gespannt haben? Eine Antwort hat er nicht, aber die Gewissheit: Der Adlerbogen seines Heimatdorfes Dannenfels war seinerzeit eine Meisterleistung der Ingenieurkunst. Und ist bis heute eine Attraktion, die in der Pfalz ihresgleichen sucht.

Als Buben haben sie am Bogen herumgetobt, erzählt der Dannenfelser. Die Eisenkonstruktion haben sie aber lieber nicht erklommen – anders als manch Tollkühne, die am Ende angstschlotternd von Rettungskräften aus der Eisenkonstruktion geklaubt werden mussten. Normalerweise sind es jedoch friedliche Wanderer, die die am neuen Pfälzer Höhenweg gelegene Sehenswürdigkeit zu Rast und Ausblick mit Hochgefühl nutzen: unter ihnen Nordpfalz-Dörfer in sattem, blühendem Grün, in der Ferne jenseits der Rheinebene der Odenwald.

Nur der Bogen selbst gibt kein schönes Bild ab. Unter abgeplatzter Farbe blüht üppig Rost. Die Verankerung im Boden braucht Verstärkung. Dem eisernen Reichsadler ist das Gefieder rissig geworden. Doch allein ein Gerüst für die dringend notwendigen Ausbesserungen sollte 27.000 Euro kosten, erzählt Braun, der Projektverantwortliche der Gemeinde. Schwer leistbar für den finanziell chronisch kranken Luftkurort.

Wilfried Gabelmann aus dem benachbarten Steinbach, früher bei den Pfalzwerken zuständig für die Reparatur von Hochspannungsmasten, wusste Rat aus der Erinnerung: Schon einmal hatten Industriekletterer den Adlerbogen erklommen: 1981, als der restaurierte Adler wieder aufgesetzt wurde – Amerikaner hatten ihm nach dem Krieg den Kopf abgeschossen. Angeflogen kam der König der Lüfte per Hubschrauber, von zwei Männern hoch oben im Scheitel des Bogens erwartet. Warum, so Gabelmann, nicht auch die komplette Sanierung viel billiger erledigen, indem sich solche Profi-Kletterer erneut in den Bogen einklinken, Stück um Stück alten Lack entfernen, Eisen entrosten, neue Anstriche aufbringen? Die spektakuläre Aktion 540 Meter überm Meeresspiegel und 30 Meter über festem Grund ist für den Sommer geplant.

Hermann Braun träumt jedoch weiter. Wie dem Adler wünscht er auch jenen beiden eisernen Gestalten eine Rückkehr, die nach dem Entwurf des Ingenieurs August Freiherr von Schilling aus Cannstatt den „Triumphbogen“ zur Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg 1870/71 und die Reichsgründung viele Jahre flankierten: Generalfeldmarschall von Moltke und der erste Reichskanzler Bismarck. Auch sie nach dem Zweiten Weltkrieg Zielscheiben von GIs. Da die Moltke-Figur jedoch verschollen und Bismarck durchlöchert und zudem kopflos ist, müssten die ursprünglich 1,20 Meter hohen Figuren neu gegossen werden. Ohne Spenden, die Braun mit Gleichgesinnten sammeln möchte, wird das kaum möglich sein. Der Dannenfelser muss es da also ganz mit der Inschrift im Bogen halten: „Erst waegen, dann wagen.“

Nach der Reichsgründung waren überall Denkmäler aus dem Boden geschossen – meist kraftstrotzender und monumentaler als der filigran in der Natur aufgespannte Dannenfelser Adlerbogen. Dass er vom Pfälzischen Verschönerungsverein in Auftrag gegeben wurde, erinnert überdies daran, dass man in jener Zeit der Technik-Euphorie den Wert von Landschaft und Naturerleben zu schätzen begann, Wanderlust auf die Beine half - mit markanten Aussichten als Höhepunkten. Auf dem höchsten Pfälzer Gipfel, dem 687 Meter hohen Donnersberg, hatte der Adlerbogen im Ludwigsturm einen Vorreiter, dessen 150-jähriges Bestehen 2015 an Himmelfahrt groß gefeiert wird. Er und der gusseiserne Bogen, mit denen umgehend mehrere Dörfer im Umkreis auf Ansichtspostkarten um Ausflügler warben, stehen also auch für eine frühe touristische Erschließung des Bergs. Nach Adlern freilich wird man hier, in der Pfalz ganz oben, vergebens Ausschau halten. Wenigstens schwingt sich ein buntes Völkchen Drachenflieger vom Fuße des Adlerbogens aus kühn in die Lüfte.