Popmusik RHEINPFALZ Plus Artikel Zwischen Tegernsee und Puerto Rico: So war das Popjahr 2025

Oimara war mit „Wackelkontakt“ äußerst erfolgreich in Deutschland.
Oimara war mit »Wackelkontakt« äußerst erfolgreich in Deutschland.

Im Mittelpunkt des Popjahres standen ein Bursche aus Bayern, Songs auf Spanisch, eine beklemmende politische Stille und der Boom der Dokuserien.

Da muss man jetzt wirklich auch erstmal draufkommen. Mit den für einen Popsongtext eher sperrigen Worten „Wär ich ein Möbelstück, dann wär ich eine Lampe aus den 70ern“, beginnt Oimara sein Lied „Wackelkontakt“, und wer nun denkt „Was will er uns bloß mitteilen?“, bekommt sogleich die Erläuterung: „I glüh gern vor, i geh gern aus, mir haut’s die Sicherungen naus“. Von Mitte Februar bis Ende März stand „Wackelkontakt“ auf Platz eins der deutschen Charts, ist offiziell der erfolgreichste Song des Jahres, wurde bis dato 180 Millionen Mal gestreamt – und tummelt sich überall.

Ebenfalls ein Star im Jahr 2025: Bad Bunny aus Puerto Rico, der eigentlich Benito Antonia Martínez Ocasio heißt. Auch der setzt
Ebenfalls ein Star im Jahr 2025: Bad Bunny aus Puerto Rico, der eigentlich Benito Antonia Martínez Ocasio heißt. Auch der setzt auf keine k

„Wackelkontakt“ hat die Menschen in diesem Jahr durch alle gemeinschaftsfröhlichen Anlässe begleitet, durch Après-Ski, Karneval, Ballermann, Oktoberfest und – das ist die Kunst – ist längst nicht so saufdebil, wie man zunächst vielleicht vermuten könnte. Irgendwann im Mittelteil zaubert der 33 Jahre alte Oimara (Almerer, also: der Mann von der Alm) sogar einen richtigen Kinderchor aus dem Hut, „Wackelkontakt“ hat dann plötzlich so einen Hauch von Pink Floyds „Another Brick in The Wall“, nur dass die Kids hier ihre Bewertung von Oimaras geistigen Qualitäten abgeben („Helle, helle, da Hellste is er ned“). Was man so freilich auch wieder nicht sagen kann, denn der Bursche, geboren als Benedikt Hafner auf der Hafner-Alm (mit Gastbetrieb und Tierasyl) am Tegernsee, macht das schon sehr schlau. Nach früheren Werken wie „Bierle in da sun“ oder „A Quantum Prost“ liefert der Naturbursche, der mit 17 nach Mallorca auswanderte, dort als Koch arbeitete und Hotelmanagement studierte, bevor er nun wieder am Tegernsee lebt, so eine Art ultimativen Allzwecksong, nebenbei ist das in bairischer Sprache getextete „Wackelkontakt“ die erste deutsche Nummer eins aller Zeiten, die im Dialekt gesungen wird.

Von Bayern nach Puerto Rico

Von Bayern nach Puerto Rico, von Beni zu Benito, vollständiger Name Benito Antonia Martínez Ocasio, bekannt als Bad Bunny. Auch der setzt auf keine klassische Popsprache, sein Anfang des Jahres veröffentlichtes Latin-Rap-Pop-Album „Debí Tirar Más Fotos“ („Ich hätte mehr Fotos machen sollen“) ist konsequent auf Spanisch gesungen und auf Spotify weltweit das am meisten gestreamte Album des Jahres. In den USA boomt das Latin-Genre seit Jahren, und der Sohn einer Lehrerin und eines Lastwagenfahrers, der einst im Kinderchor mit dem Singen begann und dessen Lieder reich an kulturellen Referenzen und musikalischen Raffinessen sind, wird quasi zur Krönung seiner bisherigen Karriere am 8. Februar die Halftime-Show beim Super-Bowl im Levi’s Stadium zu Santa Clara/ Kalifornien bestreiten.

Auch für Rosalia aus Spanien war es ein fantastisches Jahr.
Auch für Rosalia aus Spanien war es ein fantastisches Jahr.

Okay, nun ist der 31-Jährige bislang weit mehr mit seiner Begeisterung für modische Exaltiertheiten aller Art als für eine klar artikulierte politische Haltung aufgefallen, und die Football-Verantwortlichen haben ihn gewiss nicht gebucht, um es Donald Trump aber mal so richtig zu zeigen, sondern weil American Football in der lateinamerikanischen Einwanderergemeinde noch Popularitätsluft nach oben hat. Aber ein stolzer Latino mit US-Pass auf der größten Bühne der Welt, während die Masken- und Knüppelmänner der martialischen Einwanderungsbehörde ICE unter migrantischen Menschen seit Monaten Angst und Schrecken verbreiten, das hat schon eine gewisse Kraft.

US-Superstar Taylor Swift.
US-Superstar Taylor Swift.

Spanisch ist auch die Sprache von Rosalía Vila Tobella (33), die mit ihrem erst vor wenigen Wochen veröffentlichten Album „Lux“ ein grandioses Gesamtkunstwerk und so etwas wie das Konsens-Lieblingsalbum von Musik-Nerds und Feuilletonmenschen erschaffen hat. Die Katalanin, in Barcelona geboren und nicht nur stilistisch zwischen Flamenco, Fado, Folk, Pop, Oper, arabischer Musik und ausgeklügeltem Irrwitz, sondern auch mental auf der ganzen Welt zuhause, hat mit dem knuffigen Was-zur-Hölle-ist-das-denn-Song „Berghain“ für viel Furore gesorgt, versteht sich aber auch auf griffigere Songs wie „La Perla“ – sowie in dessen Video auf die olympischen Kernsportarten Fechten und Eislaufen.

Oasis feierten ihr Comeback. Hier beim Konzert in Cardiff.
Oasis feierten ihr Comeback. Hier beim Konzert in Cardiff.

War Rosalía in diesem Jahr gewiss eine der originellsten und charismatischsten Künstlerinnen, so war das 2025 des größten lebenden Popstars Taylor Swift ein merkwürdig verhaltenes. Politisch im US-Präsidentschaftswahlkampf noch eng an der Seite von Kamala Harris, hörte man von der 36-Jährigen nach der Trump-Wahl plötzlich: überhaupt gar nichts mehr. Swift schweigt wieder, hat vielleicht auch zu viel mit den Vorbereitungen der im Sommer anstehenden Eheschließung mit Footballer Travis Kelce zu tun. Erste Stimme befürchten bei Taylor eine Hinwendung zum Konservativismus, ähnlich wie bei Gwen Stefani, die neuerdings Werbung für eine Bibel-App macht. Naja, und auch Swifts diesjähriges Album „The Life Of A Showgirl“ war von eher mediokrer Güte, auch wenn es in Deutschland (und natürlich nicht nur dort) das meistverkaufte des Jahres und die Single „The Fate Of Ophelia“ einer ihrer erfolgreichsten Hits überhaupt ist.

Provokanter Rap aus Berlin

Noch unverfänglicher, da es sich zugegebenermaßen um keine Menschen im klassischen Sinn handelt, ist das Mädchentrio Huntr/x, das mit seiner wirklich zuckersüßen Pop-Hymne „Golden“ aus dem Soundtrack des Animations-Sensationserfolgs „KPop Demon Hunters“ den verblüffendsten Hit des Jahres landete. Die Nummer ist ultraeffektiv und trotzdem nicht ohne Charme, außerdem verdrängte sie die Schnulze „Ordinary“ des frommen Kaliforniers Alex Warren von der Spitze, dessen langweiliger Song so klingt, als hätte er eventuell die Bibel-App von Gwen Stefani beim Schreiben genutzt. In dieser Hinsicht vollkommen unverdächtig ist Rapperin Ikkimel aus Berlin-Tempelhof, deren Debütalbum „Fotze“ in diesem Jahr für viel Furor(e) sorgte und nebenher die jahrhundertealte Schulklo-Linguistik-Debatte beendete, ob man dieses böse Wort denn nicht vielleicht doch mit „V“ schreibt. Nicht ganz (aber doch fast) so derb ist „West End Girl“ geraten, das Comeback-Album der Engländerin Lily Allen. Das ist bei uns zwar kommerziell so unverständlich wie vollständig baden gegangen, enthält aber sehr viele, sehr konkrete und auch sehr kuriose Anspielungen darauf, wo, wie und mit wem Allens Ex-Mann David Harbour (Elevens Adoptivvater in „Stranger Things“), nun ja, außerhalb seiner Ehe Liebe gemacht haben soll.

Das Comeback von Oasis

Ob das zwischen Noel und Liam Gallagher Liebe ist, wissen wir nicht, vielleicht es auch nur die Liebe zu dreistelligen Millionenverdiensten, die das nachhaltig verfeindete Brüderpaar dazu anregte, nach mehr als fünfzehn Jahren wieder gemeinsam als Oasis auf der Bühne zu stehen. Jedenfalls lief die Tour der „Wonderwall“-Britpop-Magier offenbar total reibungslos, spielte 400 Millionen Britische Pfund ein und machte so ziemlich überall auf der Welt Halt – nur nicht in Kontinentaleuropa. Auch für 2026 ist nichts geplant.

Auch für Lady Gaga war es ein gutes Jahr.
Auch für Lady Gaga war es ein gutes Jahr.

Haben die Jungs nach einem Gesichtsvolltreffer Noels 2000 in Barcelona (nachdem Liam Noels Vaterschaft bei dessen Tochter angezweifelt hat) und der großen Trennungsklopperei 2009 in Paris möglicherweise Angst vor einer Retraumatisierung, sobald sie EU-Boden betreten? Fast noch schöner, weil vollumfänglich sympathisch, lief das Comeback der Britpop-Helden Pulp. Nach einem Vierteljahrhundert veröffentlichte die nette Band um Jarvis Cocker wieder ein Album, dessen Titel „More“ zumindest hoffen lässt, dass demnächst ein „Even More“ folgt.

Nichts als die reine Liebe empfing in den finalen Monaten seines Lebens Ozzy Osbourne. Mit letzter Kraft bäumte sich die Black-Sabbath-Legende noch einmal auf, um am 5. Juli in seiner Heimatstadt Birmingham ein gewaltiges Konzert zu spielen – zwei Wochen später starb Osbourne. Zahlreiche seiner Altersgenossen füllen unterdessen weiter die Stadien, allen voran Bruce Springsteen, der einen tollen Konzertsommer spielte – und zumindest öffentlich noch ebenso wenig ans Aufhören denkt wie der 84-jährige Bob Dylan. Groß in Mode indes ist es, ab einem gewissen Alter Abschiedsalben, Abschiedstourneen (oder beides) anzukündigen. So gedenkt sich die Heavy-Metal-Band Megadeth genauso zur Ruhe zu setzen wie Howard Carpendale oder die – eigentlich noch gut im Saft stehenden – Fantastischen Vier. Die letzte Tournee der Stuttgarter dauert freilich mindestens drei Jahre lang. Komplett aus der Art schlagen nun ausgerechnet die Rolling Stones. Eine Europatournee für 2026 war an sich bereits eingestielt, doch nun hat Keith Richards mit seinen gerade mal 82 Jahren plötzlich keine Lust mehr, wie man hört.

Gutes Jahr für Lady Gaga

Wenn es jemand schafft, den alten Herrn umzustimmen, dann wohl Lady Gaga. Sang sie doch mit den Stones auf deren 2023-Album das schöne Duett „Sweet Sound Of Heaven“ und stand 2012 schon mal mit der Band auf der Bühne, um „Gimme Shelter“ zu präsentieren. Sowieso hatte Gaga ja endlich mal wieder ein Sahnejahr.

Ihr Comeback-Album „Mayhem“ saß künstlerisch wie kommerziell, die Tour ist ein Triumph und „Die With A Smile“, das Duett mit Bruno Mars, eine Schmonzette für die Ewigkeit. Mars selbst hatte mit „Apt.“, einem Uptempo-Pop-Duett mit Blackpink-Sängerin Rosé gleich noch einen Riesenhit und könnte an sich auch mal wieder ein paar Stadien betouren.

Ein neues Format

Unterdessen hat sich in diesem Jahr ein Format etabliert, das mehr Gesprächsstoff liefern kann als bloß eine neue Platte: Die Dokuserie. Rapper Haftbefehl galt an sich als abgehalftert, bis ihm dank „Babo – Die Haftbefehl-Story“, einem Film, der von krasser Drogensucht bis zu mentalen Zusammenbrüchen vor nichts die Augen verschließt, ein Schwall der Empathie entgegenschoss. Richtiges Comeback? Wahrscheinlich. Ganz anders „Sean Combs: The Reckoning“. Zu vier Jahren Haft hat ein New Yorker Gericht den als P. Diddy bekannten Ex-Rap-Superstar und Mogul verurteilt, doch schaut man sich die Doku seines Kollegen (und Erzfeindes) Curtis „50 Cent“ Jackson an, dann fragt man sich schon, wie er so milde aus der Sache rauskommen konnte.

x