Jubiläum
Zum 90. Geburtstag von Giora Feidman
„Die Klarinette ist das Mikrofon meiner Seele. Für mich ist das Musizieren so natürlich wie atmen. Das teile ich mit dem Publikum.“ Wenn Giora Feidman die Klarinette ansetzt, scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen. Es ist kein Pathos, das diesen Eindruck erzeugt, sondern eine eigentümliche Verdichtung von Erinnerung, Schmerz und überschäumender Lebensfreude – eine Musik, die gleichermaßen klagt und tanzt. Zum 90. Geburtstag des Musikers wird deutlicher denn je, dass Feidman weit mehr ist als ein Interpret: Er ist ein Vermittler, ein Brückenbauer zwischen Kulturen, Zeiten und Traumata.Geboren 1936 in Buenos Aires als Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa, wächst Feidman in einem musikalischen Kosmos auf, der von der Tradition des Klezmer ebenso geprägt war wie von der klassischen Ausbildung. Früh spielt er im Orchester des Teatro Colón, einem der renommiertesten Häuser der Welt. Doch die klassische Karriere allein genügt ihm nie. „Die Noten sind nur die halbe Wahrheit“, hat Feidman einmal gesagt. „Die andere Hälfte ist das, was zwischen den Noten passiert.“ Es ist dieser Zwischenraum, in dem seine Kunst bis heute lebt.
Klezmer als universelle Ausdrucksform
International bekannt wurde Feidman nicht zuletzt durch seine Mitwirkung am Film „Schindlers Liste“, wo seine Klarinette dem Unaussprechlichen eine Stimme verleiht. Doch wer ihn darauf reduziert, verkennt die Spannweite seines Schaffens. Feidman hat den Klezmer aus der folkloristischen Nische befreit und ihn zu einer universellen Ausdrucksform gemacht – offen für Jazz, Klassik, Improvisation. „Klezmer ist keine Musikrichtung, sondern eine Lebensauffassung“, lautet einer seiner zentralen Sätze. Eine Haltung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt: „Wir werden als Sänger und Tänzer geboren. Um diese Naturkraft auszudrücken, benötigen wir nur ein Instrument: unseren Körper. Viele Elemente strömen im täglichen Leben auf uns ein, verschiedene Sprachen, Rassen und Religionen. Musik löst all diese Grenzen auf. Das ist die Botschaft meiner Musik.“
Gerade in Deutschland hat diese Haltung eine besondere Resonanz gefunden – und eine besondere Brisanz. Dass ein jüdischer Musiker, dessen Familie von der europäischen Geschichte gezeichnet ist, ausgerechnet hier eine zweite künstlerische Heimat fand, ist keine Selbstverständlichkeit. Feidman hat diese Spannung nie ausgeblendet, sondern produktiv gemacht. „Ich spiele nicht gegen Deutschland, ich spiele für die Menschen“, betont er immer wieder. Es ist ein Satz, der viel über sein Selbstverständnis verrät: Versöhnung nicht als Vergessen, sondern als bewusste, künstlerische Geste.
Sein Verhältnis zu Deutschland
Sein Verhältnis zu Deutschland ist ein zentrales Element seiner künstlerischen Identität. Es ist ein Verhältnis voller Ambivalenzen, aber auch voller Hoffnung. Feidman hat sich immer wieder dafür entschieden, hier aufzutreten, hier zu lehren, hier zu wirken. Nicht aus Naivität, sondern aus Überzeugung. „In vielen anderen Ländern bin ich ein Gast. Sie behandeln mich als Gast. In Deutschland fühle ich mich zu Hause. Und einer der Gründe, warum ich so oft hier bin, ist der, dass ich Jude bin. Wir sind geboren, um zusammen zu leben und nicht, um gegeneinander zu kämpfen.“ Und, so Feidman weiter: „Musik kann Brücken bauen, wo Worte versagen“. In einer Zeit, in der diese Brücken immer wieder in Frage gestellt werden, wirkt dieser Gedanke fast radikal.
Stille Dialoge mit der Geschichte
Seine Auftritte sind daher oft mehr als Konzerte. Sie sind Begegnungen, manchmal auch stille Dialoge mit der Geschichte. Wenn Feidman auf der Bühne steht, wirkt er nicht wie ein Virtuose, der sein Publikum beeindrucken will, sondern wie ein Erzähler. Die Klarinette wird zur Stimme, die Geschichten trägt – von Verlust und Hoffnung, von Exil und Heimkehr. Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim hat einmal über Feidman gesagt, er spiele „nicht nur Musik, sondern Erinnerung“. Treffender lässt sich seine Wirkung kaum beschreiben.
Dabei ist Feidmans Kunst nie rückwärtsgewandt. Trotz seines hohen Alters wirkt er auf der Bühne erstaunlich präsent, fast jugendlich in seiner Neugier. Er sucht immer wieder die Zusammenarbeit mit jüngeren Musikern, öffnet sich neuen Einflüssen, ohne seine Wurzeln zu verleugnen. „Ich lerne jeden Tag“, sagt er selbst. „Sobald ich aufhöre zu lernen, höre ich auf zu leben.“ In dieser Haltung liegt vielleicht das Geheimnis seiner anhaltenden künstlerischen Vitalität.
Große Freiheit
Auch stilistisch entzieht sich Feidman einfachen Kategorien. Seine Interpretationen sind geprägt von einer großen Freiheit im Umgang mit Tempo, Dynamik und Klangfarbe. Er dehnt Phrasen, lässt Töne atmen, riskiert Brüche. Manchmal scheint es, als würde die Musik im Moment ihres Entstehens neu erfunden. Diese Unmittelbarkeit ist es, die seine Konzerte so besonders macht – und zugleich so schwer reproduzierbar.
Zum 90. Geburtstag erscheint Giora Feidman daher weniger als ein Künstler am Ende einer langen Karriere, sondern als eine Stimme, die weiterhin gehört werden will – und gehört werden muss. Eine Stimme, die daran erinnert, dass Musik mehr sein kann als Klang: ein Raum der Begegnung, ein Ort der Erinnerung, ein Angebot zur Verständigung. Oder, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Ich spiele für das Leben.“ Und dieses Leben, so zeigt es sein Werk eindrucksvoll, ist ohne Widersprüche nicht zu haben – aber auch nicht ohne Hoffnung.
Und dass für Giora Feidman die musikalische Reise weitergeht zeigt sein bis Ende des Jahres prall gefüllter Kalender unter anderem mit Auftritten am 8. Mai in Pirmasens und am 21. Mai in Losheim. Am 25. März 2026, an seinem 90. Geburtstag, gibt er in Berlin ein Geburtstagskonzert. Es steht unter dem Titel „For a Better World“.