Philosophie
Wissen ist Macht: Zum 400. Todestag von Francis Bacon
Eine Utopie muss nicht unbedingt das Wolkenkuckucksheim eines Spinners sein. Francis Bacons Schilderungen des Lebens auf der geographisch nicht zu verortenden Insel Nova Atlantis müssen seinen Zeitgenossen wie Science fiction vorgekommen sein. Der heutige Leser hingegen, jedenfalls der in einer reichen Industrienation aufgewachsene, dürfte sich in ihnen sehr heimisch fühlen und sich allenfalls über Bacons Scharfblick wundern. Die Bewohner von Atlantis leben in Wohlstand und Überfluss. Sie besitzen U-Boote und Flugmaschinen, betreiben Entsalzungsanlagen von Meerwasser und Wasserkraftwerke, nutzen Wind- und Sonnenenergie. In Laboratorien züchten sie Pflanzen- und Tierarten, wie dies in jüngster Zeit die Gentechnik ermöglicht hat, und experimentieren mit ihnen zu medizinischen Zwecken. Die Beschreibung ihrer Kenntnisse der Optik klingt so, als wären sie bereits imstande, Kinos einzurichten. Und wenn sie behaupten, dass es ihnen sogar möglich wäre, die perfekte Illusion zu erzeugen, wer dächte da heutzutage nicht an die neueste technische Errungenschaft? Die Künstliche Intelligenz. Was die Bewohner von Nova Atlantis von diesem Schritt abhält, ist allein ihre hohe Moral, die ihnen jeden Betrug und jede Lüge verhasst macht.
Francis Bacon beschreibt eine von Wissenschaft und Technik, von Wissenschaftlern und Technokraten beherrschte Welt. Dabei war der Philosoph, der als Staatsmann bis zum Lordkanzler, zum Stellvertreter des englischen Königs, aufgestiegen war, alles andere als ein Träumer und Fantast. Bacon war ein auf nüchterne Rationalität bedachter Mensch der Renaissance. Nicht Schönheit oder Dekoration, einzig und allein Funktionalität liegt im Interesse seiner Bewohner von Nova Atlantis. Ihre auf „Teamarbeit“ beruhenden Laboratorien sind arbeitsteilig organisiert wie die nach Gesichtspunkten der Effizienz eingerichteten Manufakturen, später in der industriellen Revolution die Fabriken.
Bacon wurde 1561 in ein Zeitalter weltverändernder Erfindungen geboren. Er selbst nennt drei: den Buchdruck, das Schießpulver und den Kompass. Diese Neuerungen haben zu einer radikalen Veränderung von Öffentlichkeit und Kommunikation, von Kriegsführung und Schifffahrt, und mit der Schiffahrt zur Entdeckung neuer Länder und Kontinente und zu einem neuen, dem globalisierten Weltbild geführt.
Die Entdeckung Amerikas, der Neuen Welt, ist noch nicht lange her, als der Sohn eines hohen Beamten der englischen Krone zur Welt kommt. Das Frontispiz der Erstausgabe seines Hauptwerks, der ab 1620 erscheinenden „Instauratio Magna“, der „Großen Erneuerung der Wissenschaften“, zeigt einen Dreimaster, der mit geblähten Segeln in See sticht: Zeichen des Aufbruchs in eine weltbeherrschende Zukunft nicht nur für die Seemacht England in ihrer splendid isolation, die denn auch wenige Jahre nach Bacons Tod und nach dem Vorbild seines „Templum Salomonis“ in Nova Atlantis die Royal Academy gründen wird. Deren Vorbild wiederum folgend, entstehen auf dem Kontinent in jedem Land, das etwas auf sich hält und im einsetzenden Wettbewerb der Ideen mithalten will, Akademien der Wissenschaften, getreu dem lateinischen Zusatz auf dem Titelblatt: „Viele werden hinübersetzen und die Wissenschaft wird wachsen“.
„Nova Atlantis“, „Novum Organon“ das Kernstück der „Instauratio Magna“: Schon die Titel zeigen an, dass Bacon dem Alten, der Tradition den Krieg erklärt hat. Seine Philosophie markiert einen Epochenbruch. Hauptgegner ist ihm die Scholastik, die sich auf den antiken Philosophen Aristoteles berufende Wissenschaft des Mittelalters, wie sie der Jurastudent in Cambridge kennengelernt hatte. „Organon“ lautete der Titel der Zusammenfassung der logischen Schriften des Aristoteles, die Bacon mit seiner Neufassung herausfordert. Für den antiken und mittelalterlichen Gelehrten stand am höchsten die Kontemplation, die Betrachtung des Himmels und der Naturerscheinungen nebst der Versenkung in die Schriften der Vorgänger und in die Bibel. Die Scholastik mit der Theologie als Königin der Wissenschaften war erstarrt in Buchwissen und in Disputationen über das Pro und Contra nach festen Regeln, Dialektik genannt.
Bacon setzte deren vita contemplativa eine „scientia activa“, eine tätige, ja experimentelle Wissenschaft, entgegen. Bacon hat der Spezialisierung der Wissenschaften und der Verwissenschaftlichung selbst des Alltags die Bahn bereitet. Kein Ding ist ihm zu geringfügig, als dass es nicht einer Erforschung wert wäre. Sogar eine Sexualwissenschaft regt er an. Nach einem planmäßigen Vorgehen soll die Beobachtung von Phänomenen zu einer allgemeinen Erkenntnis führen. Seine induktive Methode geht von einzelnen Exemplaren der Natur und von einzelnen Phänomenen aus, stellt anhand der Beobachtungen Theorien auf und überprüft und korrigiert diese wiederum anhand weiterer Beobachtungen. Theorie und Praxis ergänzen einander. An die Stelle ewiger metaphysischer Wahrheiten tritt bei Bacon das Gesetz, das sich aus der stetigen Wiederholung von Beobachtungen ergibt. Höchstes Ziel ist es, die Einheit der Natur in einem einzigen Grundsatz zu erfassen. Bis heute ringt die Physik nach einer Weltformel und sucht nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, wie es in Goethes „Faust“ heißt.
Seit Bacon, in dessen Schriften Immanuel Kant anerkennend eine „Revolution der Denkart“ erkannte, sind Wissenschaft und Technik nicht mehr zur Ruhe gekommen. Mit Bacon hat der „Fortschritt“ Einzug in die Wissenschaft gehalten. Auch hat er, indem er „die ewigen Wahrheiten“ der alten Metaphysik bestritt, den Anstoß zu einer historischen Betrachtungsweise der Wissenschaft und der Wahrheit gegeben. Sich selbst verstand er dabei nur als Stammvater einer aus Wissenschaftlern der Zukunft bestehenden Forschungsgemeinschaft. Wie in den Laboratorien so tritt auch in der Wissenschaftsgeschichte die einzelne Forschungsleistung seitdem hinter „teamwork“ zurück.
Dabei ist es nicht eindeutig, ob der Philosoph so ausschließlich zukunftsgerichtet war, wie es heute scheinen mag. Bacon teilt noch das vorkopernikanische Weltbild einer unbeweglichen Erde. Die Mathematik mit der Quantifizierung aller Phänomene gilt ihm noch nicht wie Galilei und Descartes als wissenschaftliche Königsdisziplin. Und wie die Alchemisten zieht er die Möglichkeit der Herstellung von Gold in Betracht. Ähnlich wie der Begriff der Revolution („Zurückwälzung“), der in der Astrologie die Umdrehung der Planeten meint und von dort auf politisch-historische Ereignisse übertragen worden ist, kann seine „Instauratio Magna“ nicht nur Etablierung der Wissenschaften, sondern – fast wie „Restauratio“, welcher Begriff bei Bacon ebenfalls begegnet – auch „Wiederherstellung“ bedeuten, nämlich Wiederherstellung paradiesischer Zustände.
Es ist der kardinale Irrtum der Aufklärung, den Bacon heftig befeuert hat, davon auszugehen, dass die Wahrheit als „Ding an sich“ übrig bliebe, wenn erst alle Irrtümer und Vorurteile ausgemerzt wären. Wiederherstellen will Bacon das biblische Recht auf des Menschen Herrschaft über die Natur („Und macht euch die Erde untertan“ 1. Mos. 1, 28). Daher fordert er dazu auf, sämtliche Vorurteile und Verzerrungen der Realität, deren er Aristoteles und die Scholastik beschuldigt, auszumerzen und die Sachen selbst geradezu puritanisch in ihrer Unschuld und Reinheit, in ihrer reinen Objektivität zu betrachten. Sein Herrschaftsanspruch über die Natur ist dabei nicht grenzenlos vermessen. Er wird gemildert durch seine Erkenntnis, dass die Überwindung der Natur einzig und allein möglich ist, wenn sich der Mensch ihr unterwirft, indem er ihre Gesetze anerkennt.
Dem Kausalgesetz kommt bei Bacon eine herausgehobene Stellung zu. In seiner Umarbeitung der Vier-Ursachen-Lehre des Aristoteles ist der einschneidendste Eingriff die Bestreitung, dass es Zweckursachen in der Natur gibt, wie sie eng mit der Theologie und deren Schöpferabsicht und -voraussicht verbunden sind. Zwecke mit der Natur zu verfolgen, gesteht er nur den Menschen zu. Damit bereitet Bacon dem Utilitarismus des 18. und 19. Jahrhunderts in England und dessen Grundsatz vom „größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl“ die Bahn.
Seinen Optimismus von einer maßvollen, gerechten Machtausübung durch wissenschaftlichen Fortschritt – „die rechte Vernunft und gesunde Religion“ werde den Menschen leiten, schreibt er im „Novum Organon“ – hat freilich spätestens die Praxis des 20. Jahrhunderts widerlegt. Die Erfahrung hat gelehrt, dass das Menschengeschlecht sich einer hemmungslosen Naturausbeutung hingibt. Was möglich ist, wird gemacht. Allenfalls im Nachhinein werden Folgen bedacht. Nur ein Beispiel: Wohin nur mit dem Atommüll?
Drei Arten Machtstreben unterscheidet Bacon: das zum eigenen Vorteil, das zum Vorteil einer Nation und das zum Vorteil der Menschheit. Für sich selbst nimmt er das edelste, das zum Wohle der Menschheit, in Anspruch. Seine politische Karriere war allerdings von Opportunismus und Verrat nicht frei. Eine undurchsichtige Korruptionsaffäre führte 1621 zu seinem Sturz und trug ihm vier Tage Haft im Tower und eine hohe Geldstrafe ein. Schlimmeres verhinderte wohl nur der König. Bacon, dem Gefühlskälte nachgesagt wurde, starb mit 65 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung, die er sich bei Experimenten zugezogen hatte, die bereits auf den Eisschrank hinweisen.