TV-Film der Woche „Wir schaffen das“: „Die Getriebenen“ blickt zurück aufs Jahr 2015

Imogen Kogge spielt Angela Merkel in „Die Getriebenen“; inszeniert vom Mainzer Regisseur Stephan Wagner.
Imogen Kogge spielt Angela Merkel in »Die Getriebenen«; inszeniert vom Mainzer Regisseur Stephan Wagner.
Harte Worte fallen: Thomas de Maizière (Wolfgang Pregler, links) und Peter Altmaier (Tristan Seith).
Harte Worte fallen: Thomas de Maizière (Wolfgang Pregler, links) und Peter Altmaier (Tristan Seith).

Am Mittwoch, 15. April, nach der abendlichen „Tagesschau“, setzen sich die Nachrichten gleichsam fort in einer Nachbetrachtung nicht allzu ferner Ereignisse: Mitten in der Corona-Krise richtet das Politikdrama „Die Getriebenen“ den Blick zurück aufs Jahr 2015, als Flüchtlinge begannen, in Europa Zuflucht zu suchen.

Gleich die ersten Bilder, Drohnenaufnahmen des Berliner Regierungsviertels, deuten es an: Den Überblick gewinnt man aus der Distanz. Etwa fünf Jahre blendet die TV-Koproduktion von RBB und NDR zurück – in den Sommer 2015, als Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Elend Schutz suchten. Als Griechenland und Italien unter dem Flüchtlingszustrom zusehends kapitulierten, Zigtausende über Budapest nach Österreich und Deutschland reisten und Angela Merkel erklärte: „Wir schaffen das!“

Die Bundeskanzlerin ist die zentrale Figur der knapp zweistündigen Retrospektive. Nicht kopiert und doch kongenial verkörpert von Imogen Kogge, einst Kommissarin im Brandenburger „Polizeiruf 110“, folgen wir in erster Linie ihr von Juli bis in den November 2015. Kogge, zwei Jahre jünger als Merkel, gelingt es, die menschlichen Seiten hinter der Politikerin spürbar werden zu lassen. Ihr Porträt zeigt die Kanzlerin wachsam, sensibel, empathisch und offen für Kritik.

Besonders überzeugen die Szenen über die private Angela Merkel

„Die Getriebenen“ nach dem gleichnamigen Sachbuch und „Report aus dem Innern der Macht“ von Robin Alexander funktioniert so auch als eigenständige filmische Annäherung an die Person Merkel. Ihre Szenen mit Uwe Preuss als Joachim Sauer, dem „First Man“ des Landes, zählen zu den gelungensten des Films. Gerne würde man nur an der Seite von Kogge und Preuss, der Kanzlerin und ihres Gatten, die Krise, dramaturgisch aufgearbeitet, noch einmal durchleben und den beiden dabei zuhören, wie sie privat beraten, was zu tun sei. Das wäre der konzentriertere und übersichtlichere Film.

Der Mainzer Regisseur Stephan Wagner („Wer aufgibt, ist tot“) und Drehbuchautor Florian Oeller konfrontieren ihr Publikum dagegen mit einer nahezu erschlagenden Fülle handelnder Personen und internationaler Schauplätze und fassen, anders als das bereits 2019 gesendete ZDF-Dokudrama „Stunden der Entscheidung“, das sich auf einen Tag und eine Nacht beschränkte, einen viel weiteren zeitlichen Rahmen. Von Berlin bis Peking geht die Reise, von der Abwendung des „Grexit“ bis zu jenem CSU-Parteitag, auf dem der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer die Kanzlerin vorführte, sie stehen und warten ließ, während er seine „Obergrenze“ für Flüchtlinge beschwor. Neben diesen beiden treten gefühlt alle weiteren beteiligten Politiker jener bewegten Tage auf: Rüdiger Vogler ist als Finanzminister Schäuble dabei, Walter Sittler als Außenminister Steinmeier.

Dokumentarische Aufnahmen sind dazwischen geschnitten

Kaum zu erkennen ist der Koblenzer Tristan Seith, dafür umso besser Peter Altmaier, den er spielt. Als Kanzleramtschef, Bundesminister für besondere Aufgaben und zuständig für die „politische Gesamtkoordinierung aller Aspekte der Flüchtlingslage“ kommt ihm eine zentrale Rolle zu. Flankiert werden die Schauspieler dazu von realen Akteuren, die in dokumentarischen Aufnahmen dazwischen geschnitten sind.

Wer die Nachrichten damals verfolgt hat und sich noch erinnert, behält den Überblick, wenn hier die Kritik an Innenminister Thomas de Maizière stetig lauter wird, Seehofer (Sepp Bierbichler) im Verein mit Ungarns Ministerpräsident Orbán Druck auf die Kanzlerin macht, Söder Seehofer beerben und Sigmar Gabriel sich profilieren möchte. Anderen dürfte es bisweilen schwerfallen, der Erzählung zu folgen. Die meisten Akteure, freilich, sind auch noch aktiv und bekannt, das erleichtert die Orientierung.

Der Film nimmt den Zuschauern Entscheidungen nicht ab

Im Regelfall dürfte „Die Getriebenen“ sowohl in Bezug auf die Handlung als auch auf die Handelnden ein Stoff sein, zu dem der Zuschauer eine bereits bestehende Beziehung hat. Die Entscheidung, wie man zu den Akteuren steht, muss jeder Zuschauer für sich selbst treffen. Das gelungene TV-Politspiel nimmt sie ihm nicht ab.

„Die Getriebenen“, erklärt klarsichtig der Drehbuchautor, „zeigt die sogenannte Flüchtlingskrise als vorläufigen Endpunkt einer atemberaubenden Aneinanderreihung krisenhafter Ereignisse in jüngster Zeit: Finanzkrise, Währungskrise, Flüchtlingskrise. Politik findet heute unter Rahmenbedingungen statt, in denen die Krise den Normalfall darstellt.“