Kultur Wir müssen reden!

Stillleben mit Gedicht, eine Edenkoben-Impression.
Stillleben mit Gedicht, eine Edenkoben-Impression.

Im Künstlerhaus Edenkoben läuft noch bis Sonntag die Übersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn“. Was geht da vor? Ein Besuch.

Die Sonne hat den Tag sizilianisch eröffnet. Die Rebstöcke stehen wie Gedichtzeilen in der Landschaft von Edenkoben. Ulf Stolterfoht sitzt im Schatten eines Baums im Künstlerhausgarten über Blätter gebeugt. Er lächelt leise, versunken, ein Oxford-University-T-Shirt hat er an. Dagegen Federico Italiano, der italienische Dozent an den Universitäten München und Innsbruck, er wandelt im Grünen, ganz der Typus zugewandter Intellektueller, aber klischeebewusst mit tief offen stehendem Held. Um einen Tisch wird auf Deutsch-Italienisch gestikulierend über die Frage geredet, was das bedeuten soll, der Satz: „etwas unter die Füße nehmen“? Carmen Gallo scheint in sich hinein zu horchen, was die Übersetzerin Chiara Caradonna ihr gerade dazu sagt und ergoogelt. Etwas abseits raucht Zsuzsanna Gahse im Angedenken an ihre Mutter, wie sie erzählt. Denn die habe ihr einst mehr befohlen als geraten: „Iss nicht so viel, rauch lieber.“ Und die in Budapest geborene deutsch-schweizerische Dichterin gehorcht ihr brav. „Zeit ist ein Faktor beim Dichten“, sagte die erste Stipendiatin, die das Künstlerhaus jemals hatte, bei ihrer seligen Rückkehr . Sie zieht an der Kippe. Nancy Hünger sitzt nebenan und begrübelt ihre Versarbeit bei einem Kaffee. So und ähnlich geht das zu bei dem Projekt „Poesie der Nachbarn“, das sich im 31. Jahr befindet. Jeden Sommer bebrüten Dichter/innen aus Deutschland und anderswo im Künstlerhaus Edenkoben mehrere Tage lang gemeinsam Worte, Gedichte, Gott und die Welt. Basis für das große Dichten ist dabei eine wortwörtliche Übersetzung, je nachdem aus dem Serbischen, Finnischen, Lettischen, Rumänischen und so fort. Vergangenes Jahr war das Arabische die Ursprungssprache, Syrien das Gastland. Dieses Mal sind außer Federico Italiano dessen Landsleute Elisa Biagini, Carmen Galla, Marco Giovenale, Domenico Arturo Ingenito und Francesco Maria Tipaldi, angereist, Italiener/innen, auf dass ihre Werke ins Deutsche übertragen werden. Die deutschsprachigen Pendants heißen außer Gahse und Hünger, Jan Koneffke, Katharina Schultens, Ulf Stolterfoht und Ernest Wichner. Hans Thill durchschreitet die scheinbar weltentrückte Szenerie wohlwollend. Wie schön zu sehen, dass es noch Orte gibt, an denen ein Partizip so viel zählt, wie ein Traumpass im Viertelfinale der Fußball-WM. Hans Thill war bei der Übersetzerwerkstatt zuerst ein paar Mal als deutscher Dichter dabei, Huchel-Preisträger sogar. Seit 18 Jahren ist der Heidelberger der künstlerische Leiter der Reihe, die sonstwo noch weltberühmter ist als in der Pfalz. Auf dem Tisch liegen Papiere ausgebreitet. Drei Blätter, ein Gedicht darauf gedruckt, „Cartolina“ von Federico Italiano, der zu den wichtigsten Lyrikern Italiens zählt. „Postkarte“ hat die Übersetzerin Chiara Caradonna das Wort übersetzt. Katharina Schultens, Berlinerin aus der Eifel, hat daraus „Karte“ gemacht. „Ti scrivo da un posto che non conocsco, / dove sembra che i venti si rigenerino“, läuft Italianos Gedicht an. „Ich schreibe dir aus einem Ort, den ich nicht kenne, / wo es scheint, als ob die Winde sich erholten“, lautet die erste Übersetzung. Und die Nachdichtung von Katharina Schultens: „Von einem Vorposten, ich kenne hier nichts, schreibe ich dir / Hier regenerieren sich die Winde, scheint mir.“ Vorbei schaut jetzt Ernest Wichner. Er kommt vom Dichten aus dem stillen Kämmerlein. Der viel bejubelte Übersetzer und frühere Leiter des Berliner Literaturhauses hält ein Buch in der Hand, außerdem Ausschau. „... negli angoli delle case e la luna / sia un fanale ricoperto d’insetti/ un luogo privo di ogni precedenza“, geht Federico Italianis Gedicht auf dem Tisch weiter, „in den Winkeln der Häuser und der Mond / eine von den Insekten bedeckte Leuchte sei / ein Ort bar jeden Vorrangs“ die wortwörtliche Übersetzung, die Nachdichtung von Katharina Schultens: „zwischen den Zimmern und der Mond ist ein Fanal/ Es leuchtet aus seinem Insektenteppich / dies ist ein Ort ohne jede Präzedenz.“ Eine Dreierkonstellation gruppiert sich jetzt. Schultens, gegenüber hat Elisa Biagini Platz genommen, gebürtig in Florenz. Am Kopfplatz dazwischen: Francesca Fritella, die als Übersetzerin aus dem Italienischen fungiert. Das heißt, falls nötig, denn Schultens hat ein Jahr in Italien gelebt, und auch Biagini ist des Deutschen ein bisschen mächtig. Zwischen allen ausgebreitet, ein Gedicht, über das jetzt Tacheles geredet wird im übertragenen Sinn. Zum Beispiel über rote Blutkörperchen, die im Italienischen halt rote Blutkörperchen sind, Erythrozyten. Der Dichterin Schultens klingt das im Deutschen aber erst einmal zu niedlich. Später geht es noch um den Puls, den kleinen Zeh, den die Übersetzerin zum kleinen Finger gemacht hat. Und irgendwann um Paul Celan, der für Elisa Biaginis zu den Vorbildern zählt. Von der „Milch der Frühe“ ist in der wortwörtlichen Übersetzung einer Gedichtzeile von Biagini die Rede. „Geht gar nicht“, sagt Schultens, „zu besetzt“. Ihr Text ist von handschriftlichen Anmerkungen übersät. Biagini nickt. „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends“ ist der Satz von Celan berühmter „Todesfuge“. Bald danach einigen sich die Dichterinnen, dass Biagini den Nebel meint, der morgens aufsteigt. Beifall auch von der Interlinearübersetzerin. Getocke dröhnt von den Bauarbeitern herüber, die gerade dabei sind, den Künstlerhaushof zu pflastern. Im Garten reden drei über die deutsche Übertragung eines italienischen Gedichts in Englisch. Carmen Gallo und Chiara Caradonna sitzen Ulf Stolterfoht wie Zwillinge gegenüber, hören sich seine schöne Stimme an. Marco Giovenale schaut in die Landschaft und scheint in einer „altra dimensione“ zu migrieren. Am Rand kommt man auf die Politik zu sprechen. Und, weil das so traurig ist, um nicht zu sagen triste, darauf, dass der deutsche Fußball offensichtlich die Italiener braucht, um über die Vorrunde hinaus zu kommen, um dann gegen sie auszuscheiden. Dafür kriegt der Frozzelant die Wahrheit über die Toskana gedrückt, bekanntlich die Pfalz Italiens. Dann wird zum Mittagessen gerufen, Italienisch: „Pranzo“. Ernest Wichner, im Banat geboren, erzählt, dass Rumänen wegen irgendwas mit Vokalen und Diphthongen Italiener gut verstehen, umgekehrt sei das nicht der Fall. Dann ist bald die Verständigung über die Grauburgunder-Pinot-Grigio-Frage gefordert. Und darüber, ob es sich ziemt, Knödel zu schneiden. Die Einigung folgt pronto. „Nein“ und nochmals „No“. Termine Deutsch-italienische Lesung der Nachdichtung am Sonntag, 1. Juli, 11 Uhr im Künstlerhaus Edenkoben. Am Montag, 2. Juli, 19 Uhr, im Theaterkeller des FTSK, in Germersheim .

Stimmt das so? Ulf Stolterfoht mit der Lyrikerin Carmen Gallo (links) und der Übersetzerin Chiara Caradonna.
Stimmt das so? Ulf Stolterfoht mit der Lyrikerin Carmen Gallo (links) und der Übersetzerin Chiara Caradonna.
Auch sie in Arkadien: Katharina Schultens.
Auch sie in Arkadien: Katharina Schultens.
Grande Dame der Lyrik: Zsuzsanna Gahse (rechts).
Grande Dame der Lyrik: Zsuzsanna Gahse (rechts).
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