Kunst und Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Sex – und gut gegen Alzheimer: Singen, tanzen und Kunst als anerkanntes (fast) Allheilmittel

Doppelt hält besser: Yoga vor Anselm Kiefers Wandrelief in der Mannheimer Kunsthalle,
Doppelt hält besser: Yoga vor Anselm Kiefers Wandrelief in der Mannheimer Kunsthalle,

Tanzen senkt den Blutdruck, wer im Chor singt, bleibt im Kopf länger frisch, Gemälde helfen bei Depressionen. Gibt es auch bei uns bald Museumsbesuche auf Rezept?

Okay, die Joggingschuhe sind längst beleidigte Eckensteher. Verrottende Chiasamen in Schrankreihe drei. Aus für die Meditations-App an Tag sieben. Mitte Januar – alle wieder im Alltagsmodus? Gute Zeit, noch am Anfang etwas Neues zu umarmen. Übrigens sind Kunst, Tanzen, Singen, die Oper, das Museum so gut wie Sex. Besser für die Glückshormonausschüttung als Pho mit Tofu. Meinetwegen Rinderrouladen. Und Matisse wirkt mindestens so gut wie Johanniskraut, derweil Chorgesang erwiesenermaßen den Blutzucker senkt. Die Heilsamkeit von Kunstwallung ist erdrückend wissenschaftlich evident.

Dabei reicht die Erfahrung so ungefähr zurück bis zur Höhlenmalerei von Lascaux. In frühen Schriften aller großen medizinischen Traditionen weltweit – überall Hinweise auf Heileffekte von Kunst. Florence Nightingale, Pionierin moderner Krankenpflege, notierte 1859 noch ins Blaue, dass die „Wirkung schöner Gegenstände, die Vielfalt von Dingen und insbesondere der Leuchtkraft von Farben im Krankheitsfall“ nicht nur die Psyche, sondern „auch den Körper“ betreffe. Inzwischen lassen sich dazu zahlreiche Studien konsultieren.

Van Gogh gegen Kopfaua

Die Weltgesundheitsorganisation etwa wertete über 900 wissenschaftliche Publikationen aus, um herauszufinden, ob Kunst tatsächlich medizinische Effekte hat. Befund: künstlerische Aktivität mindert Angst, Depressionen und das Stresslevel. Sie stärkt das Immunsystem. Negative Nebenwirkungen: keine. Fragen Sie Ihre Chorleiterin oder den Pfalzbau-Intendanten. Gäbe es ein Medikament mit vergleichbarem Wirkradius, würden es wohl auch die kaufen, denen ein Museum eigentlich Kopfaua macht.

Besonders vital laborieren die Briten an dem Zusammenhang. So ergab eine im „British Journal of Psychiatry“ veröffentlichte, zehnjährige Längsschnittstudie mit über 9.000 Menschen: Wer mindestens alle paar Monate ins Theater, ins Konzert oder ins Museum geht, hat ein um fast die Hälfte reduziertes Depressionsrisiko. Und das ist bei allen so. Die Faktoren Einkommen, Bildung oder Status wurden herausgerechnet. Dito, ob jemand nebenbei noch Tai Chi oder Darts praktiziert.

Die Koryphäe des Forschungsgebiets ist die vielfach ausgezeichnete Londoner Professorin Daisy Fancourt. Sie erklärt sich die heilsame Wirkung damit, dass wir die einschlägigen Lust- und Belohnungsnetzwerke aktivieren – wenn wir aktiv oder passiv involviert sind in tänzerische Choreografien, wenn wir vor Van Goghs energetisch vibrierender „Sternennacht“ stehen oder bei der Chorprobe des Männergesangsvereins Ilbesheim. Es ist wie beim Drogennehmen.

Die kognitive Reserve

Tanzen, Singen, Basteln, Schreiben oder das auch in Deutschland sich ausbreitende Shared Reading, bei dem sich wertfrei angeleitete Lesegruppen über Lektüre beugen, triggern zudem unser Autonomieempfinden. Das Gefühl von Kompetenz – kurz: das Wohlempfinden. Ein Element der psychischen Gesundheit. Noch offensichtlicher wird es, wenn ältere Menschen selbst einschlägig aus den Puschen kommen.

Gene D. Cohen, Professor für Gesundheitswissenschaften und Psychiatrie, untersuchte die Gesundheitsrelevanz von Gesangsgruppen und Theaterprojekten. Er fand bei seinen Probanden gesteigerte kognitive Funktionen – das, was Neurologen mit „cognitive reserve“ beschreiben, eine Art geistiges Sparkonto gegen das Vergessen. Ähnliches zeigte die Studie der Forscher Creech und Hallam zum gemeinsamen Musizieren: bessere Konzentration, geschärftes Gedächtnis, stabilere Emotionen, die Ausschüttung von Endorphinen wie beim sogenannten „Runner’s High“, das Läuferinnen und Läufer in den besten Momenten wie auf Wolken fortträgt.

Singen stärkt die Atemmuskeln, Tanzen senkt den Blutdruck – oft stärker als beim Sport. Und dann das vielleicht schönste überhaupt: An der Uni Erlangen zeigten die Computertomographen einer Forschergruppe um Anne Bolwerk, wie sich die funktionellen Verbindungen im Gehirn älterer Menschen beim Malen verdichteten. Als würde jemand neue Kabel verlegen. Das heißt: Florence Nightingale und die Scannerbilder aus Erlangen verbindet eine erstaunlich gerade Linie. Vielleicht erklärt das auch den Charme der Idee, die gerade von Montreal bis Neuchâtel, von Manchester bis Marseille Virulenz entfaltet: Museumsbesuche auf Rezept.

Die ersten Museumsrezepte wurden in Großbritannien 2014 in einem dreijährigen, preisgekrönten Pilotprojekt ausgestellt – zunächst für ältere, sozial isolierte Menschen. Heute sind Kunst- und Museumsbesuche anerkannte Therapie mit messbarer Wirkung: 37 Prozent weniger Hausarztbesuche, 27 Prozent weniger Krankenhauseinweisungen. Die Zahlen stammen aus den 2023 erhobenen Daten der „Culture Health & Wellbeing Alliance“, einem landesweiten Netzwerk von Gesundheitsinitiativen. Bald danach jedenfalls folgte Kanada dem Beispiel.

Kunst ist Gesundheit

In Montreal etwa, wo Ärztinnen und Ärzte den Besuch im Museum of Fine Arts (MMFA) verordnen wie Ramipril, einen ACE-Hemmer. Pro Jahr kann jeder Arzt bis zu 50 Rezepte ausstellen, die von der Krankenkasse übernommen werden. In Brüssel begann 2021 ein ähnliches Programm: gestartet mit fünf Museen und 33 Medizinerinnen und Medizinern. Heute sind mehr als zehn Museen und 18 medizinische Einrichtungen beteiligt. Den Eintritt in die Brüsseler Museen übernimmt die Stadt.

In Frankreich wird das Konzept landesweit von Rennes in der Bretagne bis an die Côte d’Azur praktiziert. So erlaubt in Nizza ein „L’art c’est la santé“-Rezept („Kunst ist Gesundheit“), dass Patienten sich im Musée Matisse bei der Versenkung in dessen „Odaliske mit rotem Kästchen“ aus den 1920er-Jahren kurieren. Auch in Neuchâtel, Schweiz, haben Ärzte damit begonnen, ihren Patienten Museumsbillets auszuhändigen. Deutschland indes hinkt einmal mehr hinterher – fast wie der Gichtbrüchige von Bethesda.

Am Anfang ist Yoga

Immerhin empfahl ein Bericht der TU Dresden, Besuche im Museum in die Regelversorgung aufzunehmen – zur Linderung der Folgen von Demenz unter anderem. Im Berliner Bode-Museum ist das Projekt „Das heilende Museum“ gestartet. Im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern und der Mannheimer Kunsthalle werden im Achtsamkeitsfeld thematische Yoga-Stunden angeboten. Trotzdem gibt es neben dem Unmut, sich nicht verbiegen lassen zu wollen, auch das noch: tiefsitzende Reflexe, die den Gedanken „Kunst heilt“ in den Bereich des Schwärmerischen verweisen.

Das Schöngeistige Wellness? Das Verstörende moderner Kunst plötzlich Balsam? Und wahrscheinlich stimmt es, dass Francisco de Goyas irre entgeisterndes Gemälde „Saturn verschlingt seinen Sohn“ (1819 bis 1823) aus dem Prado in Madrid ungefähr so die Nerven beruhigt, wie der 24/7-Liveticker aus Donald Trumps Oral Office. Nicht alles hat auf den ersten Blick heilende Kraft – viele Werke wollen verstören oder provozieren. Andererseits: Vielleicht eröffnet sich dem, der sich irritieren lässt, ungeahnte Bewegungsräume. Und apropos: Der Fitnesstracker müsste doch auch irgendwo liegen.

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