Pfalzgeschichte(n)
Wie Kaiserslautern klingt
„Im tiefen Pfälzerwald, im schönen Pfälzerland/ da liegt ein Städtchen, das ist jedem wohl bekannt./ Do werd die Wutz geschlacht,/ do werd die Worscht gemacht,/ do werd gesoff bis in die Nacht./ Hier spielt man Fußball, hier regiert der FCK/ Hier trinkt man Parkbräu und wenn's sein muss BBK“, dichtete Matthias „Beppo“ Götte Anfang der 80er im Stück „Kaiserslautern“ seiner Punkrockband Walter Elf. Und durchaus liebevoll: „Uns zieht’s nicht in die Ferne/ wir haben unser Kaiserslautern ziemlich gerne.“
Götte ist einer von 30 Autoren des im Römerberger PMLakeman-Verlag erschienenen Buchs „Soundtrack einer Stadt. Streifzug durch Kaiserslauterns Musikszene von den 60ern bis in die 90er“, das bewusst kein umfassendes Kompendium sein möchte, sondern Musiker in ihren Erinnerungen – und ihren Fotokisten – kramen lässt, um den Geist einer Zeit nachzuspüren, in der es Bands aus Kaiserslautern wie eben die Walter Elf, die Spermbirds oder Arts and Decay zu bundesweiter, ja internationaler Bekanntheit gebracht haben: Götte blättert in einem seiner Texte in Fanpost aus Australien oder Kanada.
Die Idee zum Buch, das auch vom Referat Kultur der Stadt mitfinanziert wird und Teil des Jubiläums „750 Jahre Stadtrechte “ ist, hatten zwei Exil-Lautrer – er früher Musiker in Bands wie Liquid Sky und Richard Head Band, sie „sozusagen Fangirl“ und schon früh auf Konzerten unterwegs. „Musik hat mein Leben gerettet“, sagt Christina Bacher und meint: Sie hat ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt, den Alltag als junge Dansenbergerin in den 1980ern spannender gemacht. Die 53-Jährige geht heute noch gern auf Konzerte und Festivals. Und hatte mit Mathias Aicher, 1965 in Dahn geboren, aufgewachsen in Queidersbach und im Lautrer Uniwohngebiet, das Buch „Soundtrack einer Stadt“ initiiert.
Beide sind inzwischen Autoren, sie lebt in Köln, er bei Stuttgart. Sie hatten sich vor gut einem Jahr in Schwetzingen beim Krimifestival „Criminale“ getroffen und überlegt, ein gemeinsames Projekt anzugehen. An eine Krimi-Anthologie dachte Bacher zuerst, bis Aicher meinte: „Lass’ uns doch was über Musik machen, das ist doch unsere große Leidenschaft.“
Hühner und Hasen
Wer im lesenswerten 320-Seiten-Buch mit rund 100 Abbildungen blättert, spürt diese Leidenschaft allenthalben, im liebevollen Layout, in den Fotos und natürlich in den Texten: Da erzählt Beppo Götte von seinen 435 Bandshirts. Gido Klein (Palzgang) berichtet von brenzligen Situationen bei Auftritten in Amiclubs. Andreas Lill von Vanden Plas blickt auf die Anfänge zurück, in denen die Mitglieder „jeden Job vom Möbelpacker bis zum Luftballon-Verkäufer angenommen“ hatten, um sich den Traum vom Musikerleben zu erfüllen. Jochen Wenz (Soul Bazaar) schwärmt vom „legendären Proberaum im Heizungskeller der Betzenberg-Grundschule“.
Herrmann Dusch erzählt von Melanie Thorntons Lauterer Zeit oder seinem „Betze Räp“ zur Meisterschaft 1991. Jazzerin Jutta Brandl beschreibt, wie sie zum Architekturstudium nach Kaiserslautern kam, aber sich „unversehens als Frontfrau einer Polit-Rock-Punk-Band“ wiederfand, 1983, zu Hochzeiten der Friedensbewegung.
Für Uwe Neu (Screaming Maggots From Hell), damals Punk, waren die 80er noch wilder. Er berichtet von einem Auftritt in Siegelbach nach einer Hasenzüchtersitzung. Oder wie er Hühnerknochen auskochte, sich und den Mikroständer damit ausstaffierte, und dazu noch mit einem „täuschend echt“ wirkenden Totenkopf „über die Bühne gockelte“.
Kleine Geständnisse
Die Texte springen durch die Stile – von Blues über Rock und Metal bis Punk und Alternative, mit nur einigen Prisen Jazz (die von der US-Präsenz geprägte Jazzgeschichte hat der Verein JazzEVau der Stadt bereits aufgearbeitet). Die Buchbeiträge sind anekdotisch oder chronologisch einordnend, oft selbstironisch. Es gibt auch manches „Geständnis“, wie etwa von der Bluesharp-Ikone Albert Koch, der mit 16 Jahren, in seiner ersten Band spielte: „Blues war mir bis Anfang 1976 nur als langsamer (und langweiliger) Stehtanz ein Begriff. Mit einer Stilrichtung hatte ich den Blues nie in Verbindung gebracht.“
Ein Besucher im Proberaum im Keller einer Bäckerei in der Feuerbachstraße verwies ihn dann auf John Mayall. Und Koch entdeckte Status Quo...
Der dritte Mann
Christina Bacher und Mathias Aicher hatten für das Buch alte Bekannte aus Kaiserslauterns Musikszene angesprochen, auch Michael Halberstadt, früher bei Arts and Decay, heute Betreiber des Lauterer Kulturclubs Salon Schmitt – und fanden in ihm ihren dritten Mitherausgeber als Mann vor Ort.
„Soundtrack einer Stadt“ versammelt viele sehr persönliche Geschichten, aus Zeiten ohne Handy und Internet, teils auch noch ohne Verstärker. Dabei taucht ein Ort immer wieder als prägend auf: Hertie. „Mit meinen Eltern sind wir ab und zu nach Kaiserslautern zum Einkaufen gefahren. Der Höhepunkt für mich war der Besuch des Kaufhauses Hertie, in dem zu dieser Zeit ein Pianospieler die Gäste im Restaurant unterhielt. In der Musikabteilung habe ich das erste Mal elektrische Gitarren gesehen. Ich war fasziniert, verliebt und wusste, ich will so eine Gitarre!“, blickt der 1952 geborene Kindsbacher Gitarrist Heinz Glass (Epitaph, Palzgang) zurück.
Ein Freund hatte ihm da bereits Bluesplatten vorgespielt. „Diese Musik hat mich stark berührt, obwohl ich die Texte kaum verstand. Gerade hatte mich meine erste Freundin, meine große Liebe, verlassen. Ich war 16, und diese Musik brachte in mir etwas zum Schwingen, was bis heute anhält.“
Mit Rolf-Dieter Schnapka, ebenfalls aus Kindsbach, gründete Glass 1968 seine erste Band. Bald gab es Auftritte als Trio „im legendären Josefsheim“, dem Jugendtreff in Kindbach. „Dieter hatte die alte Fliegerjacke seines Vaters an, und ich hängte mir einen zerrissenen Teppich über – ich nannte es den ,Lazarus Look’ -, und Hans, unser Schlagzeuger, trug einen schwarzen Pelzmantel. So spielten wir fast jedes Wochenende im Josefsheim“, erinnert sich Glass bildhaft.
Die Rolltreppe zum Glück
Für Michael Halberstadt, Jahrgang 1961, wiederum war schon die Hertie-Rolltreppe eine Verheißung, nachdem er dort Ende 1974, schon auf dem Weg in die Schallplattenabteilung im vierten Stock, wo er sich das neue Supertramp-Album anhören wollte, Musik erlebte, die ihn umhaute: Es „erklangen diese weichen Synthesizer- und Mellotron-Akkorde, die sich in ein leicht barock anmutendes Thema in Moll verwandelten. Noch nie zuvor hatte ich solch einen Klang in der Popmusik gehört – melodisch, melancholisch, kunstvoll. Ich war auf den Spuren von Supertramp und entdeckte in diesem Moment die Band, die mich mein ganzes Leben lang begleiten sollte: Genesis.“
„Stairway To Hertie“ hat auch Christina Bacher einen ihrer Texte genannt, schließlich verbrachte sie in der Schallplattenabteilung, wo zeitweise auch ihre Mutter arbeitete, viele Nachmittage und entdeckte neue Musik. Bacher hat für den Sammelband aber auch den noch wichtigeren Orten nachgespürt: den Auftrittsmöglichkeiten in Kaiserslautern. Nachdem sie schon als Jugendliche das Interieur der legendären Kneipe Thing in ihr Tagebuch gezeichnet hatte, erstellte sie für „Soundtrack einer Stadt“ einen Lageplan der Kneipen und Clubs, vom noch legendäreren Waschbrett über das Gleis 120, im Keller von – natürlich – Hertie, bis zu halbprivaten Treffs wie der „Rumpelkammer“. Auch der Spatz ist dabei, dessen früherer Betreiber Stefan Meng im Buch auch seine selbstgemachten Konzertflyer zeigt. Bacher und Herrmann Dusch werden auch Führungen entlang dieses „musikalischen Stadtplans“ anbieten.
Die Rockmonster
Darauf fehlt auch das Juz nicht, damals unter Ägide des jetzigen Kammgarn-Chefs Richard Müller. Hier sah der dritte Herausgeber Mathias Aicher (kein Hertie-, sondern Pop- Shop-Kunde) „Bands wie Kahlschlag, Soul Bazaar und die Spermbirds. Aber leider keine Heavy-Rock-Band.“ Hardrock-Fan war er, seit er Deep Purple im Radio gehört hatte. Und gründete schließlich seine eigene Band Liquid Sky, beflügelt hatte ihn das Festival „Monsters of Rock“ 1983 auf dem Lautrer Erbsenberg. „Das war ein Startschuss für uns“, sagt Aicher über die Wirkung des „Monsters of Rock“-Festivals auf die weitere Entwicklung der Musikszene. Passende Mitstreiter fand er in Bands wie Iron Chain und Air Raid. Letztere hörte er bei einem Konzert an deren Schule, der IGSKS (heute IGS Bertha von Suttner), worauf er ihnen den Gitarristen abspenstig machte.
Es wurde ihm offenbar verziehen, zumindest schreibt Ex-Air Raid-Musiker Dirk Bayer, heute preisgekrönter Architekt, ebenfalls im Buch. Und anders als Air Raid und Liquid Sky ist dessen spätere Band Sleazy heute noch aktiv. „Der Rock lebt weiter in uns“, konstatiert Bayer.
Das muntere Rotieren
Für die Punkrockszene Kaiserslauterns gab es eine andere Initialzündung, erinnert sich die Sängerin Trixie Hussong (Cinq à Sec): Beim Besuch des Sex-Pistols-Films „The Great Rock’n’Roll Swindle“ lernte sie Beppo Götte kennen. „Und mit ihm fast alle, die den Punkrock der 80er in Kaiserslautern prägen sollten: Markus Weilemann, Frank Rahm, Jürgen Schattner, später auch Lee Hollis und viele andere. Kaiserslautern war damals noch stark geprägt vom Hooliganismus und der Präsenz der US-Armee. Doch ich hatte plötzlich eine Gang. Wir liebten dieselben Bands, und durch die Identifikation mit dieser aufregenden Jugendkultur knüpften wir Kontakte in Homburg, Saarbrücken, Wiesbaden, Heidelberg oder Ludwigshafen“, unternimmt sie nahezu eine soziologische Einordnung.
„Ein wichtiger Teil dieser Jugendkultur: do-it-yourself. Und das taten wir. In dieser Zeit entstanden die Spermbirds, Walter Elf und zahllose Nebenprojekte: Hopp- und Ex-Suicide (mit Lee Hollis, Markus Weilemann und mir), akko padz (später Soul Bazaar), 6er Pack, Urbi et Orbi (später Cinq à Sec), Arts and Decay und viele andere. Jede/r spielte in X Bands. Es war ein munteres Austauschen von Instrumenten und Songs. Die Provinz hatte eine Szene. Sie war recht überschaubar, vielleicht zwanzig Leute im Kern, doch aus dieser Enge heraus entstand eine Energie, die einzigartig war.“
Mit Gothic Rock in die „Bravo“
Aus dieser Energie erstand auch die Band Arts and Decay, die einen ganz eigenen Kaiserslautern-Sound schuf, zwischen Wave und Gothic. Zu ihr stieß der Genesisfan und studierte Jazzer Michael Halberstadt nach einem Kneipenabend: Zwei schwarz gekleidete Gestalten, die er vom Sehen kannte, schreibt er, hatten ihn 1986 im Benderhof angesprochen, ob er nicht mit in ihrer Band spielen wolle, die „Gruft-Rock“ mache, nach Vorbild von Bands wie Sisters of Mercy, die er sich erstmal anhörte: „Ich war sofort elektrisiert. Und gleichzeitig überfordert. (...) Da war nichts Virtuoses. Da war nur Attitüde. Und die traf mich härter als jeder Gitarrenlauf.“ Arts and Decay gewann bald viele Fans, bundesweit. „Die ,Bravo’ schrieb sogar über uns – als ,Pioniere des deutschen Dark Rock’. Wie wir da reingerutscht sind? Bis heute ein Rätsel“, sinniert Halberstadt, der heute weiter unter seinem Spitznamen Halby Musik macht.
Am 13. Mai nun stellen Aicher, Bacher und Halberstadt das Buch in Kaiserslautern vor. Ohne Reunion von Arts and Decay oder der Walter Elf, aber mit einigen Überraschungen, kündigen die drei Herausgeber an. Musik kommt von dem englisch-deutschen Duo False Lefty mit Basis in Köln und dem aus Aserbaidschan nach Kaiserslautern gekommenen Pianisten Tabriz Ibrahimkalilov. „Damit der Soundtrack der Stadt weiter geschrieben wird“, sagt Christina Bacher.
Das Buch
Mathias Aicher, Christina Bacher, Michael Halberstadt (Hg.): „Soundtrack einer Stadt. Streifzug durch Kaiserslauterns Musikszene von den 60ern bis in die 90er“; PMLakeman-Verlag, Römerberg; 312 Seiten; 19,80 Euro.
Das Buch gibt es im Buchhandel, online direkt beim Verlag (https://pmlakeman-verlag.de), in der Touristinfo Kaiserslautern und bei der Buchpremiere.
Buchpremiere
Mittwoch, 13. Mai, 19.30 Uhr, Fruchthalle Kaiserslautern, Karten: www.750kl.de
Stadtführungen
„Soundtrack KL. Auf den Spuren des musikalischen Stadtplans der 60er-90er Jahre“, mit Christina Bacher, Herrmann Dusch und Überraschungsgästen: 15. und 16. Mai um 16 Uhr, 2. Juli 16 Uhr und 5. Juli, 12 Uhr. Treffpunkt: Salon Schmitt, Pirmasenser Str. 32, Kaiserslautern. Anmeldung: 0631 365 4019, E-Mail: da-geh-ich-mit@kaiserslautern.de