Literatur
Wie Clemens J. Setz den Büchner-Preis bekam
Die Kamera des Livestreams schwenkte öfter in den lampenleuchtenden Darmstadter Theaterhimmel. Auf der Bühne hieß es mehr als zehnmal, wie glücklich einem die Anwesenheit „echter“ Menschen im Saal mache. Die Inzidenz am Samstag war mit 184 angegeben. Das Publikum trug Masken, Clemens J. Setz eine tief in die Stirn gezogene Kappe. Sein schulterlanges Fusselhaar. Der dichte braune Alm-Öhi-Bart.
Ins Herz der Gegenwart
Im siebzigsten Jahr der Büchnerpreisverleihung wurde mit dem bald 39-jährigen Grazer Originalgenie ein junger Preisträger mit dieser renommiertesten Auszeichnung für deutschsprachige Literatur geehrt. Nach der damals 82-jährigen Elke Erb beim vergangenen Mal. Ernst Osterkamp, Präsident der auslobenden Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sagte, wer die hohe Ehre und 50.000 Euro Preisgeld gewinne, sei jedes Jahr so unvorhersehbar, dass keine Wetten darauf angenommen würden. Trotzdem sei Setz sofort Konsens gewesen. Die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn, nannte Osterkamps altehrwürdige Institution in ihrem Grußwort in der Aufregung „Akademie für Bildung und Sprache“. Und sie gestand leichtherzig, dass sie Setz auf Twitter folge. Sein Eintrag tags zuvor war: „Fasane beseelen dem Reisenden die Bahnstrecke, rothelmiges Samuraivolk“.
Clemens J. Setz, lautet der Text auf der von Osterkamp verlesenen Urkunde, steche mit seiner bisweilen verstörenden Drastik ins Herz unserer Gegenwart. Mit „staunenswerter Vielseitigkeit“ demonstriere er „radikale Zeitgenossenschaft“. Die Zweibrücker Dichterin Monika Rinck hat das Dokument als Kuratoriumsmitglied der Akademie mit unterschrieben. Laudator Ijoma Mangold, Literaturkritiker und „Zeit“-Kulturkorrespondent, meinte auf der Bühne: Das Werk von Setz habe sich „neuen medialen Repräsentationsformen geöffnet„. Mangold nannte Setz einen „Extremempathiker“, dem „Nichts Nicht-Menschliches“ fremd, keine Abweichung unzugänglich sei. Seine Bücher würden wie Computerspiele funktionieren, „wie Aufforderungen, die Gedankenexperimente der Romanwelt regelgerecht nachzuspielen“.
Scheinbarer Nonsens
Tatsächlich geht es in seinem „Metaversum“ (Mangold) um Science-Fiction und Seelenpein, Ziegen, Apparate, die eine Schule besuchen, im Roman „Indigo“ erlebt der Mathematiklehrer in einem Internat Kinder, deren Nähe Kopfschmerz auslöst. In dem fast tausendseitigen Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ arbeitet eine junge Frau in einem Wohnheim für behinderte Menschen. Das erzählende Sachbuch „Die Bienen und das Unsichtbare“ handelt von sogenannten Plansprachen und ihren Erfindern, künstlichen Sprachen wie Esperanto oder Volapük, an denen Setz vor allem der scheinbare Nonsens der Wortverdrehungen gefällt. Auf Youtube ist er zu erleben, wie er betrauert, dass Renate Fucik nicht mehr die Stimme der telefonischen Zeitansage ist und auch eine andere Nummer als die 1503 gewählt werden muss.
In Darmstadt wurde vor dem Dichter Setz erst der Kirchenhistoriker Hubert Wolf mit dem Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa geehrt. Der Merck-Preisträger für Essayistik, der Autor Franz Schuh, schleppte sich als „Pflegefall“, wie er sich selbst bezeichnet, auf die Bühne und hielt eine gedankenperlende Rede über die letzten Dinge des Lebens und Kunst als „das Wunder einer nicht narzisstischen Selbstreflexion“. Zweieinhalb Stunden waren schon vorüber, als Setz selbst zu reden begann.
Wie man Pferden den Krieg erklärt
Er sprach hinreißend und voller Komik von den Elberfelder Pferden Muhamed und Zarif, dem „klugen Hans“, dem blinden Pferd Berto und der Stute Jona, die der Zoologe und Privatgelehrte Karl Krall Anfang des 20. Jahrhunderts das Buchstabieren und Rechnen lehrte. Das hufklopfende „Sprechen“ sogar. Und er verband das mit Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“, in dem zu Beginn ein astronomisches Pferd auf dem Jahrmarkt auftritt als Sinnbild der geknechteten Kreatur. Setz schloss damit, dass die Elberfelder Pferde 1914 zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Und wie ihr Lehrer Krall ihnen in der Nacht vorher wohl den Krieg erklärt habe. Den zählenden Pferden den Krieg erklären, das sei auch eine Art Definition seiner literarischen Ambitionen, sagte Setz sinngemäß. Wesenheiten seien darin inklusive, jenseits unserer heutigen Vorstellungen, mit deren Botschaften „eine in unserem Namen in ein aphasisches, menschenfeindliches
Jenseits ausgeschickte Sonde“ zurückkommen könne. Dann dankte er noch seinen literarischen Vorbildern und Seelenverwandten Josef Winkler, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker. Auf seinem Twitter-Account stehen jetzt Fotos eines dicken Hasen mit wulstiger Fetthalskrause. Dazu hat Setz noch in der Nacht eine Aufnahme von sich selbst bei der Büchnerpreisverleihung gestellt. Im verdienten Rampenlicht.