Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Wer hat’s gesagt? 100 berühmte Zitate und ihre Geschichten

Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
Sokrates: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.«

100 Zitate versammelt Christoph Marx in seinem im Duden-Verlag erschienenen Buch, von der Antike bis in die Gegenwart, von Platon bis Barack Obama. Ein großer Lesespaß.

Einst gehörte es zum guten bildungsbürgerlichen Ton, sich mit Zitaten von Geistesgrößen, aber auch von Politikern zu schmücken. Man trug seinen Caesar, Sokrates oder Platon häppchenweise wie eine Monstranz vor sich her. Und konnte so mitunter gut das eigene Halbwissen zu kaschieren. Denn wer muss schon die „Meditationes de prima philosophia“ aus dem Jahr 1641 von René Descartes gelesen haben, wenn er „Ich denke, also bin ich“ zitieren kann – am besten noch auf Latein: „Cogito ergo sum“.

Auch Loriot ist vertreten

Christoph Marx hat nun 100 Zitate zusammengestellt, beginnend in der Antike und endend in unserer Gegenwart, in welcher dann Werbesprüche wie „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ von Ikea oder „Geiz ist geil“ von Saturn die Philosophen verdrängt haben. Und auch die legendäre Weihnachtsfeier bei den Hoppenstedts von Loriot findet mit dem wunderbaren Spruch „Früher war mehr Lametta“ Eingang in das Buch. Auf jeweils zwei Seiten erläutert Marx das betreffende Zitat, ordnet es historisch ein – und weist gar nicht so selten nach, dass jene, mit denen wir die Zitate oft verbinden, gar nicht die Urheber sind. So denkt jeder bei „Make America great again“ an Donald Trump und seine „MAGA“-Bewegung. Das Zitat geht aber auf Trumps republikanischen Vorgänger Ronald Reagan zurück, der es 1980 im Wahlkampf gegen Jimmy Carter erstmals benutzte. Und dann wäre da noch ein Satz, den man immer mit Ex-Kanzler Helmut Schmidt in Verbindung bringt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Das passt natürlich wunderbar zu Schmidts trockenem norddeutschen Humor, aber auch zu seiner unaufgeregten Realpolitik. Nur, nachweisen lässt es sich laut Marx nicht, dass er den Satz so jemals so gesagt hat.

Rene Descartes: „Ich denke, also bin ich.“
Rene Descartes: »Ich denke, also bin ich.«

Marx weist zudem nach, wie Zitate ein Eigenleben entwickeln. Sie werden aus dem eigentlichen Zusammenhang herausgerissen und erfahren eine semantische Umdeutung. Als Beispiel führt er ein Zitat aus Goethes „Faust“-Dichtung an, die ja ohnehin zu einer Art Steinbruch geworden ist, aus dem man kluge Sprüche und Redensarten heraushaut. Beispiele gefällig? „Das also war des Pudels Kern“ oder „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“ Sehr beliebt ist auch folgender Vers aus dem Osterspaziergang in „Faust I“: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Ronald Ragan: „Make America great again.“
Ronald Ragan: »Make America great again.«

Es gab wohl Zeiten, in denen der deutsche Bildungsbürger seinen Osterspaziergang mit dem kompletten Faust-Monolog untermalte, der folgendermaßen beginnt: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“. Faust genießt das Leben, die Mitmenschen, die Natur, die gesamte Schöpfung, nachdem er die Nacht grübelnd und zweifelnd in seinem Studierzimmer verbracht hat. Marx erkennt Goethes pantheistisches Weltbild in diesen Versen. Wer sie jedoch heute zitiert, der will vor allem ausdrücken, dass es ihm gut geht, dass ein Ort so schön ist, dass er zum Verweilen einlädt. Ganz in diesem Sinne hat auch die Drogeriemarktkette dm das Zitat abgewandelt: „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“.

Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“
Helmut Schmidt: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.«

Im Kapitel über die Antike und das Mittelalter fühlt man sich in den gymnasialen Latein- und Griechischunterricht zurückversetzt: von Heraklits „Pantha rei“ („Alles fließt“) über Caesars „Veni, vidi, vici“ („Ich kam, sah und siegte“) bis hin zu „Carpe diem“ („Nutze den Tag“). Niemand, der sich heute etwas auf seine Work-Life-Balance einbildet, kann auf den Horaz-Spruch verzichten, den Marx historisch einordnet. Als Horaz ihn schrieb, lagen fast 100 Jahre Bürgerkrieg hinter den Römern. Der Dichter forderte dazu auf, das Hier und Jetzt zu genießen, weil man ja nicht wissen könne, welche neuen Schrecken das Morgen vielleicht wieder bringen könnte.

Und dann wäre da noch ein berühmtes Zitat von einem Philosophen, das nur dank seines Schülers Platon überliefert ist. Die Rede ist natürlich von dem Sokrates-Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Auch der römische Rhetoriker und Politiker Cicero hat seinen Anteil an der Überlieferung dieses Zitats, das, sobald man etwas darüber nachdenkt, etwas ratlos macht. Denn wie kann das reflektierende Ich sicher sein, nichts zu wissen, wo doch das einzige ist, dass es sicher weiß, dass es nämlich nichts weiß?

Loriot: „Früher war mehr Lametta.“
Loriot: »Früher war mehr Lametta.«

Goethe und Shakespeare

Immer wieder werden Literaten herangezogen, neben Goethe hat zum Beispiel auch William Shakespeare unsere Zitatensammlung bereichert, etwa mit dem berühmten Hamlet-Spruch „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“. In Aufklärung und Rationalismus rückt – ganz im Sinne des bereits erwähnten Descartes, aber auch im Geiste des deutschen Philosophen Immanuel Kant – der denkende, reflektierende, selbstbewusste Mensch in den Mittelpunkt. Während die Zitate aus der Moderne eher einen durch die Katastrophen der Weltgeschichte verunsicherten Menschen beschreiben. Und unsere Gegenwart? Hier sind es Filmtitel wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus dem Jahr 1993, die unsere geflügelten Worte beeinflussen. Oder eben Werbebotschaften. Und da erwähnt Marx einen Spruch der Deutschen Bahn aus den 1960er Jahren, als sie noch Deutsche Bundesbahn hieß: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Die Bahn war damals noch stolz auf ihre Pünktlichkeit und Verlässlichkeit, ganz egal, wie schlecht das Wetter auch sein möge. „Tempi passati“ – „Die Zeiten sind vorbei“ kann man dazu nur mit den Worten des Habsburger-Kaisers Joseph II. feststellen.

Lesezeichen

Christoph Marx: „100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten“, 223 Seiten, 24 Euro, Duden-Verlag.

x