Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Wer darf hier Mann sein? – Tanzpremiere am Nationaltheater

Höher, schneller, besser: „Mommy, Look!“ von Imre & Marne van Opstal beginnt als aggressive Techno-Balz.
Höher, schneller, besser: »Mommy, Look!« von Imre & Marne van Opstal beginnt als aggressive Techno-Balz.

Der Titel klingt nach Gender-Debatte. Doch dahinter verbergen sich drei Stücke, die viel mehr bieten. Ein Abend mit Donizetti, Dada, Techno und auch weiblichen Machos.

Weiblich, männlich, divers. Binär oder non-binär? Cis-Mann? Trans-Frau? Das ist hier die Frage, nicht nur auf Dating-Apps. Die Gender-Debatte der vergangenen Jahre hat gesellschaftlich einiges ins Rollen gebracht. Mancher – und manche – ist davon aber auch verwirrt und genervt, verunsichert vom Jonglieren mit Pronomen. Vor allem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Versuch, das Fluide, das Fließende, sexueller Identitäten sprachlich zu fassen, in erster Linie zu einer Vermehrung der Schubladen geführt hat. Noch mehr Etikettierungen.

Dagegen wehrt sich Arianna Di Francesco in ihrem Beitrag zum neuen Tanzabend im Alten Kino Franklin nicht nur durch Körpersprache, sondern auch mit Worten. „Warum muss ich mich überhaupt erklären? Weshalb soll ich mein ganzes Dasein in banale Begriffe pressen?“, lässt die Choreografin die Protagonistin ihrer Uraufführung „I Am the Orange Tree in My Head“ auf Englisch sinnieren.

Unisex-Reigen im Stuhlkreis

Di Francesco, selbst Tänzerin am Mannheimer Nationaltheater, macht ihre Teamkollegin Dora Stepusin im Stück zu ihrem Sprachrohr. Die Anfangssequenz erinnert an das Treffen einer Selbsthilfegruppe in US-amerikanischen Filmen. Vier Tänzer und zwei Tänzerinnen sitzen im Stuhlkreis, geschlechtlich nivelliert durch einen farblich gedämpften Unisex-Pullunder-Look. In der Mitte als Siebte im Bunde Stepusin, die das Mikrofon ergreift. Ausgehend von diesem Moment entwickelt Di Francesco einen überraschend textlastigen Reigen, der auf die übergeordnete Fragestellung des Abends mit einer Gegenfrage reagiert: Warum ist es von Belang, wer hier Mann sein darf?

Das Ensemble in „I Am the Orange Tree in My Head“ von Adriana Die Francesco.
Das Ensemble in »I Am the Orange Tree in My Head« von Adriana Die Francesco.

Entsprechend originell sind die Duos, die Di Francesco zum Tenor-Schmachthit „Una furtiva lagrima“ aus Donizettis Oper „Der Liebestrank“ kreiert. Da dürfen zum Beispiel die beiden Tänzer Nicola Prato und Lorenzo Angelini das Tanzbein miteinander schwingen, was witzig, aber nicht klamaukig wirkt. Und ehe sie das tänzerische Geschehen in einem fetzigen Ensemble zu Led Zeppelins „Whole Lotta Love“ eskalieren lässt, eröffnet die Choreografin eine szenische Utopie, die in Wahrheit ein Rückblick ist: eine Erinnerung an die Welt ihrer Kindheit, als alles noch offen und unbeschwert war.

Dada und Bedrängnis

Worte spielen auch im „Postlude“ des israelischen Chroreografen Tom Weinberger eine wesentliche Rolle. Allerdings werden sie nur an einem Punkt dieses „Nachspiels“ von einem Tänzer gesprochen. Ansonsten erscheint der Text, der vorgibt, wirren Zeiten etwas „Simples“ entgegensetzen zu wollen, auf einem Bildschirm, während ein Quartett aus Tanzenden Gesten und Figuren durchdekliniert. Dabei erstarrt die Gruppe immer wieder zu lebenden Standbildern, die an Skulpturengruppen Auguste Rodins denken lassen, vor allem an „Die Bürger von Calais“.

Spiel mit Gesten und Posen: Tom Weinbergers „Postlude“ ist streng getaktet, aber auch dadaistisch und grotesk.
Spiel mit Gesten und Posen: Tom Weinbergers »Postlude« ist streng getaktet, aber auch dadaistisch und grotesk.

Sind es Gesten der Verzweiflung und Trauer, die man da sieht? Wird hier ein imaginäres Gewehr angelegt? Weinberger, der früher bei der renommierten Batsheva Dance Company tanzte, bleibt bewusst abstrakt, fast hermetisch. Er lässt das Quartett parallel zu den Leibesübungen eine Melodie zwischen den Lippen hervorpressen beziehungsweise auf „Lalala“ skandieren. Dadurch bekommt das Stück etwas Dadaistisches, bis sich die Performance auf merkwürdige Weise ins Bedrohliche steigert und ins Gewaltsame kippt.

Nicht das Mann-Sein wird hier verhandelt, sondern das Künstler-Sein in Zeiten des Krieges. Und das auf formal höchst eigenartige Weise. Weinbergers „Postlude“ ist streng getaktet wie eine Fuge, die ihr Inventar an Figuren beständig variiert und erst ganz zum Schluss preisgibt, worauf sie musikalisch eigentlich basiert. Denn dann erschallt, zuvor im Summen der Tänzer nur erahnbar, der zweite Walzer aus Schostakowitschs Suite für Varieté-Orchester. Er sorgt für ein kurzes, knalliges Nachspiel.

Machos tanzen Techno

Um Klischees von Männlichkeit geht es so richtig erst im dritten Stück des Abends. „Mommy, Look!“ entpuppt sich zunächst als irre Techno-Macho-Turbine. Da wird zu treibenden Elektro-Rhythmen Männlichkeit zur Schau gestellt in aggressiven Bewegungen, der Schritt in den Griff wird zum tänzerischen Symbol für viriles Imponiergehabe, die Bodenfiguren strotzen nur so vor Anspielungen auf Kopulation. Zwischendurch entlarven weinerliche Grimassen das Infantile dieses herrischen Buhlens um Aufmerksamkeit.

Die Motorik der Männlichkeit: Für Mannheim haben Imre und Marne van Opstal ihr Stück „Mommy, Look!“ erweitert.
Die Motorik der Männlichkeit: Für Mannheim haben Imre und Marne van Opstal ihr Stück »Mommy, Look!« erweitert.

Doch dann wird das Tempo gedrosselt. Das zehnköpfige Ensemble löst sich auf. Nur ein Tänzer, Joseph Caldo, bleibt in der Endlosschleife toxischer Männlichkeitsmotorik gefangen, bis ihn ein anderer Tänzer, Shaun Patrick Ferren, in den Arm nimmt. Ein Moment gleichgeschlechtlicher Zärtlichkeit unterbricht den Teufelskreis. Oder im Jargon der Generation Z: Eine „Bromance“ markiert, dass auch Männer eine sensible und verletzliche Seite haben.

Imre und Marne van Opstal haben „Mommy, Look!“ bereits vor drei Jahren am Theater Basel entwickelt. Damals wurde das Stück von fünf Männern getanzt. Für Mannheim hat das niederländische Geschwisterduo die Choreografie nun um fünf Tänzerinnen erweitert. Diese Durchmischung der Geschlechter variiert und steigert die Aussage des Stücks im ersten Teil, verwässert im zweiten Teil aber den Effekt. Denn während man zunächst lernt, dass auch Frauen ganz schöne Machos sein können, fallen die heterosexuellen Konstellationen, die sich im zweiten Teil neben den dezent homoerotischen herausbilden, zurück in eher konventionelle Muster. Dagegen erscheint die ursprüngliche Konzeption des Stücks kompromissloser, klarer; sie stellt Sehgewohnheiten stärker in Frage. Nichtsdestotrotz begeistert auch die Mannheimer Fassung von „Mommy, Look!“ durch das frappierende Tempo und eine tänzerische Ästhetik, die sich absolut auf der Höhe der Zeit bewegt.

Termine

„Wer darf hier Mann sein?“ – 20. und 23. Mai, 4., 14. und 26. Juni, Mannheim, Altes Kino Franklin, Karten: Tel. 0621 1680150, www.nationaltheater-mannheim.de. Die für 31. Mai geplante Vorstellung fällt aus.

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