Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn Verdi so musiziert wird, macht diese Musik süchtig: „Nabucco“ am Nationaltheater

Die Regie von Christian von Götz erinnert bisweilen an einen Stummfilm aus den 1920er Jahren.
Die Regie von Christian von Götz erinnert bisweilen an einen Stummfilm aus den 1920er Jahren.

Was für ein mitreißender, musikalisch begeisternder Abend: Mit Generalmusikdirektor Roberto Rizzi Brignoli am Pult brillierte vor allem der Opernchor des Nationaltheaters.

Giuseppe Verdis 1842 uraufgeführte Oper „Nabucco“, die von der Gefangenschaft des jüdischen Volkes im Babylon Nebukadnezars (auf Italienisch Nabucco) erzählt, wurde im Laufe der Zeit ja zu einer Art Nationaloper Italiens verklärt. Das sogenannte Risorgimento, jene Nationalbewegung, die gegen die österreichische Besatzung Norditaliens aufbegehrte und mit der Proklamation des Königreichs Italien unter König Viktor Emanuel II. am 17. März 1861 auch erfolgreich war, deutete das biblische Sujet um und bezog es auf die politische Situation im Italien des 19. Jahrhunderts.

Auch Verdi selbst hat an dieser Legende durchaus mitgestrickt, verklärt vor allem die Entstehung des berühmten Gefangenenchors „Va, pensiero“, der schließlich zur zweiten Nationalhymne der Italiener wurde. Bei Vorstellungen in Italien wird der Chor häufig wiederholt und auch vom Publikum mitgesungen. In Mannheim gab es bei der „Nabucco“-Premiere am Samstagabend in der Oper am Luisenpark zumindest Szenenapplaus.

Gefangen im eigenen Glauben: Sung Ha als jüdischer Priester Zaccaria.
Gefangen im eigenen Glauben: Sung Ha als jüdischer Priester Zaccaria.

Und die hatte der kräftig verstärkte und von Chordirektor Alistair Lilley vorbereitete Opernchor des Nationaltheaters auch absolut verdient. Schließlich ist „Nabucco“ wahrscheinlich die Choroper schlechthin der Musikgeschichte. Der Chor ist alles andere als Beiwerk. Er ist die stimmliche Hauptfigur, die sowohl die jüdische als auch die babylonische Seite repräsentiert. In Mannheim faszinierten die Sängerinnen und Sänger einerseits durch immense Wucht, andererseits durch saubere Intonation und zarte Lyrismen. Der Chor beklagte das Schicksal des jüdischen Volkes, beschwor den Zorn eines rächenden Gottes herauf oder er stimmte einen Triumphgesang der siegreichen Truppen Nabuccos an.

Eine hinzugefügte Figur erinnert an den Holocaust: Verena Hierholzer als „Frau mit der Asche“.
Eine hinzugefügte Figur erinnert an den Holocaust: Verena Hierholzer als »Frau mit der Asche«.

Das funktioniert aber alles auch nur deshalb so wunderbar, wenn aus dem Graben Italianità in Reinkultur zelebriert wird. Das Nationaltheaterorchester spielt voller Leidenschaftlichkeit, die Emotionen sind gleichsam mit Händen zu greifen: Liebe, Rache, Verzweiflung, Zorn, Hoffnungslosigkeit. Und über allem steht die Sehnsucht nach Freiheit und Befreiung, welche diese Oper vom ersten Takt an durchtost. Natürlich konnte man damit rechnen, dass der italienische Generalmusikdirektor des Nationaltheaters Roberto Rizzi Brignoli weiß, was er tut, wenn er eine Verdi-Partitur dirigiert. Aber das war am Samstag dann doch ganz großes Kino für die Ohren. Rizzi Brignoli hielt vom ersten Takt der Ouvertüre an die Spannung hoch, setzte auf emphatische Wucht ebenso wie auf begeisternde Energie. Wenn Verdi so musiziert wird, kann man sich der Sogwirkung dieser Musik nicht entziehen. Das macht nachgerade süchtig.

Nabucco (Evez Abdulla) mit den Scherenhänden.
Nabucco (Evez Abdulla) mit den Scherenhänden.

Da der Chor eine solche Ausnahmestellung einnimmt, gibt es auch keine Solopartie, die alle anderen überstrahlen würde. Es sind vor allem zwei Männerstimmen, welche besonders herausstechen. Da wäre zum einen der von Evez Abdulla gesungene Nabucco, der stimmlich wie darstellerisch absolut überzeugt: Er kann größenwahnsinnig triumphieren und seine Macht zur Schau stellen; aber auch fast wehleidig über seine Ohnmacht klagen. Sehr präsent ist auch Sung Ha als jüdischer Oberpriester Zaccaria. Ausfälle gibt es keine im Solistenensemble, weil auch Sung Min Song als Ismaele, Csilla Boross als Abigaille und Marie-Belle Sandis als Fenena ihren Anteil an diesem großen Opernabend haben.

Babylon als dekadente Metropole des Altertums.
Babylon als dekadente Metropole des Altertums.

Den haben auch Regisseur Christian von Götz und sein Ausstattungsteam, bestehend aus Lukas Noll (Bühne) und Sarah Mittenbühler (Kostüme). Von Götz geht der Gefahr einer simplen Aktualisierung, welche die biblische Geschichte in den Nahostkonflikt unserer Zeit verlegen würde, konsequent aus dem Weg. Aber er verzahnt seine Deutung der Oper mit unserer deutschen Verantwortung für das jüdische Volk, indem er den Holocaust mit inszeniert, und zwar sehr subtil, nie plakativ.

Dazu führt er eine neue Figur ein: „Die Frau mit der Asche“, verkörpert von Verena Hierholzer. Sie rezitiert vor jedem neuen Bild des jüdischen Dichters und Liedermachers Mordechaj Gebirtig (1877–1942) , der mit „S'brent“ so etwas wie die Hymne des jüdischen Widerstands gegen die NS-Barbarei geschaffen hat. Das Geschehen auf der Bühne beobachtet sie mit wachsendem Entsetzen, so, als erkenne sie in der biblischen Geschichte die grauenvolle Gegenwart der Shoah wieder, an die auch auf die Bühne projizierte Schwarz-Weiß-Fotos erinnern. Und natürlich die Asche, welche die Frau immer wieder ausschüttet, auch über sich selbst. Es ist dies, wie sie uns erzählt, die Asche ihres ermordeten einzigen Kindes. Irgendwann jedoch wird aus der Beobachterin eine Akteurin. Sie greift ein ins Geschehen auf der Bühne – und wird zum schlechten Gewissen der Tyrannin Abigaille, deren Ziel es ist, das jüdische Volk auszulöschen.

Csilla Boross als Abigaille.
Csilla Boross als Abigaille.

Die Bühne und die Kostüme erinnern in ihrer Ästhetik an die Stummfilme der 1920er Jahre. Riesengroß wacht über dem Reich der Babylonier das Antlitz einer Götzenfigur und mahnt die Bewohner: „Glaubt an Baal“. In dem Moment aber, in dem sich Nabucco zum Gott der Juden bekennt, bricht diese Figur auseinander. Der Herr hat Babylon gestraft.

Während die Juden in schwarze Gewänder gekleidet sind, tragen die Babylonier Fantasiekostüme. Nabucco wirkt bei seinem ersten Auftritt wie eine Mischung aus Terminator und Hulk, ausgestattet ist er zudem mit Scherenhänden, die auch seinen Truppen als Waffe dienen. Doch hinter dieser Fantasy-Ästhetik schimmert immer wieder die Botschaft auf, an die uns die Frau mit der Asche erinnert: Wir dürfen nicht vergessen. Und können auf Vergebung allenfalls hoffen. Die Musik Verdis wird so auch zur Mahnung.

Termine

28. April; 7., 9., 14., 20., 23., 30. Mai; 14. Juni.

x