Mythos Alltag
Weltabkehr mit den Ohren: Kopfhörer als Symptom
Das Jetzt lärmt. Selbst die Vögel singen, wie Studien zeigen, inzwischen lauter, um die Alltagstonspur aus Laubbläsergedröhn, Flugzeugschallgeföns, Celloübquietsch et cetera zu überpegeln, morgens schon. Die Gegenwart besteht aus krankmachendem (Herzkreislauf!) Rauschen, aus beschallten Geschäften, Handybrummklingeln, beim Transport in den Desktop-Papierkorb raschelnden Dateien. Und Autos mit „akustischer Schließrückmeldung“, die hupen zur Beglaubigung ihrer Abgeschlossenheit.
Es lastet bis nach Mitternacht – bis zu neuem, aufgedrehtem Amselgesang. Unstillbar in dieser allfälligen Lärmumhüllung die Sehnsucht nach …………….. Stille. Ein Symptom, die Misophonie, der Brass gegen jede Art von Geräuschen, der einem am Frühstückstisch angesichts cornflaksender Mitmenschen befällt, die Sitznachbarn von Popcorn-Usern im Kino – oder die Fahrgäste im „Ruhebereich“ von ICEs, vollbesetzt mit sich „connectenden“ IT-Schwaben. Aber gleichzeitig dröhnt in uns auch diese leise Angst vor dem Nichts als Tonspur, das in schalldichten Räumen zu spüren ist, wie sie die Stasi als Folterkammern genutzt hat.
Der Bammel vor der Stille
Denn der Bammel vor der Ruhe, davor, dass der Pegel des Lärms auf Nulllinie steht, ist einer unserer Ur-Urinstinkte. Ein Ursprung womöglich: dass am Anfang des Daseins, im Mutterleib, durch den Blutkreislauf Presslufthammer-artige Verhältnisse herrschen. Und posthum Grabesstille gellt. Menschen hassen Lärm. Und sie fürchten das akustische Nichts, auch weil es – wie schon der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung („Archetypen“) vermutete – zum Nachdenken veranlasst. Gott bewahre, „was einem da alles zu Bewusstsein kommt“.
Kein Wunder also, dass Kopfhörer – am besten mit den Pegel dimmender Geräuschunterdrückung - so etwas wie das Signum unserer Epoche geworden sind. Als Lärmabwehr, als „Lass„ mich in Ruhe“-Ding, tönendes Psychopharmakon gegen „innere Konfliktstimmen, Auseinandersetzungen mit sich selbst“, wie es bei Klaus Theweleit heißt. Wenn Musik durch den Hörkanal hereinkomme, sei man psychisch absorbiert davon, meinte der Kulturwissenschaftler einmal in einem Interview. Bedeutet auch: Kopfhörer sind das Instrument des Moments, um sich gegen die mega krisenhafte Welt (die Kriege, Trump, Musk, Erdogan, Orban, Butterpreise, die Abwehr des FCK) abzudichten, während sie vordergründig zumindest klingt wie man das will.
Überall sind jetzt – zugegeben, vor allem junge – Leute zu sehen, die mit In- und Over-ears, im Ohr steckenden Teilen oder es umschließenden, klotzigen Klang-Schalen unterwegs sind, weltflüchtige Nomaden in ihren eigenen Blasen. In Straßenbahnen, Zügen, auf dem Fahrrad, in den Katakomben der Fußballstadien, in denen die Profis mit Kopfhörer gerüstet, wortlos an Reportern vorbeischnüren. In Großraumbüros, eingesetzt als Ohropax 2.1., bei sogenannten Silent Discos zeigen blinkende Kopfhörer farblich an, wer gerade zu welcher Musik mit einem tanzt, während man sich ansonsten in sich versunken bewegt. Mit leuchtenden Katzenohren versehen, sind sie selbst in Kinderzimmer eingezogen – fragt sich nur, mit welchem Erziehungsziel und wer hier vor wem seine Ruhe haben will?
Stereo und Lufkrieg
70 Prozent der deutschen Bevölkerung jedenfalls, so die Zahlen, läuft immer oder ab und an verkapselt, das heißt, mit Kopfhörern durchs Leben. 2024 sind in Deutschland fast 15 Millionen davon verkauft worden, ungefähr doppelt so viele wie 2008. Was 1910 mit den von Nathaniel Baldwin für die US-amerikanische Navy entwickelten baldy phones, zwei mit einem Bügel verbundenen Ohrmuscheln, begann, ist jetzt Usus-Accessoire. Im Übrigen ist auch der Stereoeffekt eine militärische Erfindung.
Die Deutschen sendeten im Luftkrieg um England ihren über den Ärmelkanal fliegenden Piloten versetzte Signale auf die Kopfhörer, die sich im Ohr zu einem Ton und Einsatzbefehl verbanden. Später begleiteten diese akustisch die Rückzugsgefechte in die Wohnzimmer der besser gestellten Nachkriegsgesellschaft und die WGs einer studierenden Gegenkultur, die an ihren Kopfhörern „baumelte“, wie Hans Magnus Enzensberger in seinem Gedicht „Aufbruch in die Siebzigerjahre“ spöttisch schrieb.
Und dann kam 1979, kulturpessimistisch beunkt von der auf ihre Stereoanlage zurückgeworfenen Mehrheitsgesellschaft, der Walkman auf. Die „körpergebundene Kleinanlage für hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen“, wie der deutschstämmige Andreas Pavel seine nach einem ewigen Rechtsstreit von Sony anerkannte Erfindung nannte. Ein Jugend- und erstmals auch: weithin sichtbares Krisenphänomen. Denn so schmerzfrei wie die Achtzigerjahre im verklärend-unscharfen Rückblick erscheinen, liebe Generation Z, waren sie für uns Boomer gar nicht. Die Atomkriegsangst, Tschernobyl, das Waldsterben, nicht zu vergessen: Aids. Genug Gründe schon damals für besondere Art der Weltabkehr. Inzwischen scheint diese allgegenwärtig zu sein. So sehr, dass sich die Wissenschaft mit den Nebenfolgen beschäftigt.
Fluch – und Segen?
Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) lautet die Diagnose, wenn Betroffene schlechter einschätzen können, wo ein Geräusch herkommt, wie im Raum es verortet ist. Oder sie haben Probleme, Gesprochenes zu verstehen, wenn neue Geräuschquellen dazukommen. Ein Phänomen, das noch nicht so lange her, primär Kinder betraf. Mittlerweile laborieren offenbar öfter auch Erwachsene an AVWS. Schuld womöglich: das vorhin schon erwähnte Noise Cancelling, bei dem bestimmte Frequenzen ausgesteuert werden können. Kann sein, dass das Gehirn darüber verlernt, wie das selbstständig geht. Dagegen gibt es genauso gut Indizien dafür, dass sich mit der Dauerpräsenz der Kopfhörer die Aufmerksamkeit für Akustik erhöht. Nuschelsingende Popstars wie Billie Eilish, plötzlich Interesse für Serien („This is Pop“), in denen Soundeffekte wie Auto-Tunes erklärt werden. Der rummelnden Hörinhalte wie Podcasts. Verrückter Gedanke, wenn Kopfhörer einen lehren, zuzuhören, wird vielleicht vieles ein wenig besser. Vielleicht sogar die jetzt anscheinend ohne sie kaum zu ertragende Welt.