Serie RHEINPFALZ Plus Artikel Was wir jetzt brauchen: Über die Decke als Accessoire des Moments

In kälter werdenden Zeiten gut zu gebrauchen: die Decke.
In kälter werdenden Zeiten gut zu gebrauchen: die Decke.

Gegen die Unwirtlichkeit der Gegenwart hilft nur, sich einzuhüllen. In der Videokonferenz, der Schulbank, vor allem beim von Kaltluft durchströmten Dasein draußen. Eine Hommage.

Als Pfälzer bleibt einem immer noch Hugo Balls Exit-strategischer Zielort abseits der Gegenwartszumutungen (Stickluft, Virenlast, Trump). Der Wald. Und weil nicht jeder premium lebt – „Hexenklamm“-nah in Pirmasens-Gersbach, Westpfalz, zum Beispiel: das Draußen halt. Irgendwo draußen, wo Herbstwind die Aerosole verweht. Outdoor, „neonature“, wie das jetzt heißt. Zur Not geht auch, okay, der Balkon. Okay, okay – selbst im letzten Hinterhof bleibt – Herrgott – das Sitzen am offenen Fenster. Blick ins Innere. Denken wir nur kurz einmal an Thomas Mann. Den „Zauberberg“. Hans Castorp, den Dandy, Stilpapst. An Davos. Den „Berghof“. Ein von Kaltluft durchströmtes Dasein, versunken in das tiefste Tal der Selbstbetrachtung. Angenehm leichtfiebrig, angstlos. Der Blick fällt auf die Majestät ewig schneebedeckter Gipfel. Des Nachts überspannt ein Sternenmeer den Himmel. Was wir jetzt brauchen? Eine „litewka-artige Hausjoppe“ um die gefrorene Seele geworfen. Darüber einen „älteren Paletot“. Ein Lämpchen, einen übertrieben bequemen Liegestuhl, über dem – und jetzt kommt es – zwei große Kamelhaardecken liegen, über die wir uns alsbald mit erstaunlicher Gewandtheit wickeln.

Beinheizung und Herzenswärmer

Zuerst von links der Länge nach bis unter die Achsel geschlagen, hierauf von unten über die Füße und dann von rechts, so dass wir endlich ein vollkommen ebenmäßiges und glattes Paket bilden, aus dem nur Kopf, Schultern und Arme lugen. Hans Castorp schaut sich dieses beispielhafte Arrangement selbst von seinem Vetter ab, um es sodann bis zum schon ridikülen Exzess zu treiben. Vom „redlichen Joachim“, schwarzäugig und braungebrannt, das Übungsbuch „Russisch“ stets zur Hand, „geradezu schön“, wenn er nicht diese abstehenden Ohren hätte. Aber es soll uns ja um die Kamelhaardecke gehen.

An der entzünden sich schließlich, vor allem: nun, nur die allerwärmsten Gedanken. Auch abseits der Berge, weit weg von Hans, Joachim, Thomas und ihrer hermetischen Dekadenz. Wenn man es recht bedenkt, ist die Decke, ob aus Kamelhaar, Kaschmir, Alpaka – igitt – Fleece, das Accessoire des schnöden Moments. Als Beinheizung, Erkältungshemmer, Umhüllung entzündeter Herzen, Beinwickel bei Videokonferenzen.

Im Fachorgan „Bild“ stand unlängst, eine Decke gehöre jetzt „zur Grundausstattung“ aller Schüler/innen. Damit die Elevinnen und Eleven nicht frieren, wenn sie demnächst bei Wind und Wutwetter im 20-Minuten-Takt druckbelüftet werden (müssen). Erinnern wir uns. Vor deren Schließung hat uns dieser Liebling der Frostbeulen ein Verweilen auf den wie Heizpilze aus dem Boden schießenden Freischankflächen der Gastronomie ermöglicht. So manche Holde sah man vor dem Aperol-Genuss ein Plaid aus der Handtasche ziehen. In Darmstadt, heißt es, habe der OB himself die Produktion einer „Darmstadt-Decke to go“ angeschoben. Als offizieller Teil eines Maßnahmepakets für die Gastronomie und die Schausteller. Auf dass kein Gast mehr frieren möge – vor allem untenrum.

Komm, fang die Sonne ein

Es wird jedenfalls ein harter Winter werden, weit verloren das Laub auf Ebenen dann, Weiß fällt in die Tale. Es lässt sich nur wiederholen: Wohl dem dann, der eine hoffnungsschimmernde Decke sein Eigen nennt. Wie schrieb einst der Dichter Mark Twain an seine Tochter: „Wenn ihr einen schönen Sonnenuntergang habt, leg eine Wolldecke drauf und bewahr ihn auf, bis ich da bin“.

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