Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Was kann der „Bau-Turbo“? Architekturprofessor Johannes Modersohn im Gespräch

„Wir müssen“, sagt Johannes Modersohn, schneller werden. Nicht nur beim Bauen selbst, sondern auch in Verwaltungsangelegenheiten
"Wir müssen", sagt Johannes Modersohn, schneller werden. Nicht nur beim Bauen selbst, sondern auch in Verwaltungsangelegenheiten".

Ewige Verfahren, unnütze Bebauungspläne, strenger Lärmschutz: Markus Clauer hat sich mit Johannes Modersohn darüber unterhalten, was sich jetzt ändert.

Herr Modersohn, in den sogenannten Baut-Turbo, den das Parlament verabschiedet hat, werden große Hoffnungen gesetzt. Planungsverfahren sollen verkürzt werden und für Normalverdiener bezahlbarer Wohnraum dort geschaffen werden, „wo er gebraucht wird“. Zudem soll Geld gespart werden. Sind die Hoffnungen berechtigt?
Ich sehe darin zumindest eine richtige Entwicklung. Wir müssen schneller werden. Nicht nur beim Bauen selbst, sondern auch in allen Verwaltungsangelegenheiten, die mit dem Bauen zusammenhängen, in erster Linie bei den Genehmigungsverfahren.

Was meinen Sie konkret?
In Deutschland wird unterschieden zwischen dem Bebauungsplanverfahren, das festlegt, wie wo gebaut werden darf. Und den Baugenehmigungen, die dann teilweise eben aufgrund dieser Bebauungsplanverfahren oder dem berühmten Paragrafen 34 erheblich verzögert werden.

Der Paragraf 34, nur zur Orientierung der Leser, bestimmt, dass Bauvorhaben in bebauten Ortsteilen, für die kein Bebauungsplan existiert, nur dann zulässig sind, wenn sie sich in die Eigenart der näheren Umgebung einfügen. Jeder Einzelfall wird gesondert geprüft.
Ja, und da, denke ich, setzt der Bau-Turbo an der richtigen Stelle an, der es Kommunen ermöglicht, vom Bebauungsplanverfahren abzuweichen oder erst gar keinen Bebauungsplan mehr zu erstellen. Er verschlankt die Verfahren.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wir sind mit unserem Architekturbüro hier in Berlin an einem Bebauungsplanverfahren in Lichterfeld im Süden von Berlin beteiligt. Es läuft jetzt seit zwölf Jahren, nein, inzwischen seit 13 Jahren. Es geht um rund 2500 Wohnungen, die wahrscheinlich dringend benötigt werden, zumal sich darunter auch ein Anteil an mietpreisgebundenen Sozialwohnungen befindet. Und das dauert natürlich einfach zu lange, insbesondere, wenn man bedenkt, dass das Baugebiet letztendlich eine grüne Wiese im ehemaligen Mauergürtel um Berlin ist. Und günstiger wird das Ganze natürlich auch nicht. Die Baupreise sind in den letzten zwölf Jahren gestiegen. Das heißt, die Frage ist, ob derjenige, der da bauen will, überhaupt noch Lust und Geld hat, das dort anzulegen. Also insofern, das sind schon Probleme, die, meine ich, eben angegangen werden müssen. Und da hilft der Bau-Turbo, etwa in dem er Gemeinden einen größeren Spielraum einräumt, zu entscheiden, dass man dort verdichten kann, wo man möchte. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt.

Nun gibt es allerdings gerade daran auch einige Kritik. Der Bau-Turbo setze das völlig falsche Signal, sagt Barbara Metz von der Deutschen Umwelthilfe. Die Architects for Future nennen den Bau-Turbo Zersiedlungsturbo. Die Befürchtung ist, dass diejenigen, die es sich leisten können, unreguliert ökologisch bedenkliche Einfamilienhäuser in die Speckgürtel setzen. Das führt zu Ffächenfraß und löst keine Probleme in den Ballungszentren.
Natürlich muss dem Einhalt geboten werden, die Zersiedlung der Landschaft ist ein Riesenproblem. Ich glaube aber, um Einfamilienhäuser geht es beim Bau-Turbo nicht, sondern um den Geschoss- und Sozialwohnungsbau.

Aber warum wurde der Bau-Turbo dann nicht, wie ursprünglich vorgesehen, auf Wohnanlagen mit mindestens sechs Wohneinheiten begrenzt. Sehen Sie das nicht als Manko?
Ja, obwohl die sechs Wohneinheiten relativ willkürlich gewählt sind, wäre die Beschränkung meines Erachtens nach sinnvoll gewesen, um zu verhindern, dass der Bau-Turbo zu Neubausiedlungen mit Reihenhäusern oder Einzelfamilienhäusern führt, weil das ist tatsächlich die weniger nachhaltigere Variante. Geschosswohnungsbau ist einfach sehr viel effektiver. Das sollte man bis zur nächsten Gesetzesüberarbeitung also noch einmal bedenken. Andererseits liefert der Bau-Turbo schon jetzt richtige und wichtige Impulse.

Zum Beispiel?
Nicht nur, dass dadurch – und nicht allein in den Ballungszentren – schneller gebaut werden kann. Mit dem Bau-Turbo kann auch anders, oder überhaupt gebaut werden. Etwa da, wo Gewerbegebiete an Wohngebiete grenzen.

Das müssen Sie näher erklären?
In der Baunutzungsverordnung wurde das „urbane Gebiet“ eingeführt, in dem etwa die Schallschutzemissionen, die aus dem Gewerbe kommen, weniger kritisch betrachtet werden. Dadurch lässt sich eben auch die Nachverdichtung regeln. Es gibt also Gründe, warum wir im innerstädtischen oder im Nachverdichtungsbereich nicht so bauen können, wie es eigentlich möglich und nötig wäre. Hier kann der Bau-Turbo helfen.

Johannes Modersohn
Johannes Modersohn

Mit „möglich“ meinen Sie?
Möglich meint zum Beispiel die Höhe des Gebauten. Oder, dass man aufstocken kann. Möglich meint auch den Dachgeschossausbau in den Städten. In den Dächern, die nicht ausgebaut sind, und die auch aufgestockt werden können, liegt ein Riesenpotenzial. Und da gibt es natürlich viele Brandschutz-, Schallschutz-, Energiesparnormen und so weiter, die das teilweise wirklich sehr stark behindern. Man muss von diesem ganzen Normengeflecht runter, das das Bauen unattraktiv, langwierig, schwierig und auch teuer macht. Möglich meint, das Bauen im Bestand. Neubau ist Neubau, im Vergleich: Ressourcenverschwendung. In Lübeck haben wir ein Lagerhaus am Hafen in ein Wohngebäude umgenutzt. Das ist alles machbar, hochinteressant. Also auch für die Gebietsentwicklung. Und dabei wird kein Zentimeter neu gebaut.

Das klingt, als ob noch eine Einschränkung kommt.
Ja, denn Lübeck ist auch ein Paradebeispiel, wie schlanke Bebauungsplanverfahren die Sache beschleunigen können. Die Häuser stehen ja alle, wozu braucht man denn dann einen Bebauungsplan, dass ist widersinnig eigentlich. Man hätte einfach Nutzungskonzepte erstellen können, nach dem Motto: wir brauchen so und so viele Wohnungen, wir brauchen so viel Kultur, wir brauchen so viel Gastronomie, wir brauchen so und so viel irgendwas. Das hätte die Stadt ja festlegen können. Zwei Sitzungen im Plenarsaal hätten gereicht. In vier Wochen wären alles durch gewesen. So haben wir jetzt zweieinhalb Jahre auf den Bebauungsplan gewartet. Da langt man sich manchmal schon an den Kopf.

In Westdeutschland haben Fachleute des Pestel-Instituts erforscht, fehlen inzwischen ungefähr 1,2 Millionen Wohnungen.
Und gleichzeitig stehen meines Wissens in den sieben großen Ballungsgebieten insgesamt fast acht Millionen Quadratmeter Bürofläche leer.

Und mit dem Bau-Turbo lassen sich die beiden Zahlen jetzt so einfach gegenrechnen?
Das natürlich nicht. Aber die Umnutzung von Büro in Wohnflächen ist ein Riesenthema, das man auch angehen muss. Wohnungen stehen auch leer, aber nicht in dem Maß, insgesamt sind wir bei, wenn man deutschlandweit rechnet, knapp vier Prozent. In Berlin und anderen Ballungsgebieten sind wir nur bei zwei Prozent Leerstand im Wohnungsmarkt. Und bevor ein Bürogebäude ewig leer steht, ist es doch sinnvoller es als Wohngebäude umzunutzen, selbst bei geringeren Standards.

Wenn der Bau-Turbo Ihrer Meinung nach einen Fortschritt bedeutet, warum können die Städte und Gemeinden ihn anwenden. Sie müssen aber nicht.
Die Probleme fangen viel früher, in der in der deutschen Verwaltungslandschaft, an, in der keine Vernetzung stattfindet. Betrachten Sie eine Stadt wie Berlin, in der ja jeder Verwaltungsbezirk seine eigenen Bauaufsichten und Bauämter und so weiter hat, die alle nicht miteinander reden. Und das ist natürlich ein echtes Problem.

Ihr Fazit?
Der Bau-Turbo zielt schon auf wichtige Punkte. Aber das Bauen und die Bewältigung des Wohnungsmangels sind komplexe Themen. Was sich da in Jahrzehnten eingespielt hat, lässt sich nicht so einfach zu unterbrechen. In fünf Jahren und mit den Ergebnissen eines sinnvollerweise eingerichteten Best-Practice-Labors wird man weiter sehen. Wobei fünf Jahre für das Bauwesen relativ wenig sind. Was nicht funktioniert, ist, wenn man sich wie unser ehemaliger Kanzler hinstellt und sagt: ja, wir bauen jetzt wieder überall Großsiedlungen, das wird schon gut werden. Wir haben ja aus den Fehlern gelernt und sollten besser Stadtquartiere bauen. Aber es ist auf jeden Fall erst einmal ein wichtiger und richtiger Ansatz, denke ich, dass wir in die Köpfe reinbekommen, dass sich etwas grundlegend ändern muss.

Zum Autor

Johannes Modersohn, Prof. Dipl.-Ing, 1961 in Bremen aufgewachsen, Studium an der TU Berlin. Seit 1994 betreibt er mit Antje Freiesleben das Berliner Büro Modersohn & Freiesleben, das mit dem Projekt „Haus im Park“ in Berlin-Pankow auf der Shortlist für den DAM Preis 2026 steht. Seit 2008 ist Modersohn Professor an der TU Kaiserslautern, jetzt Rheinland-Pfälzische Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU).

Zur Sache

Durch den am 9. Oktober vom Bundestag verabschiedeten „Bau-Turbo“ kann eine Kommune, die sich darauf beruft, von bauplanungsrechtlichen Vorschriften abweichen. Zum Beispiel durch Verzicht auf einen aufwendigen Bebauungsplan, dessen Erstellung Jahre dauern kann. Zudem soll es in begründbaren Ausnahmefällen zulässig sein, von Lärmschutzvorgaben abzuweichen und in zweiter Reihe oder etwa auf Supermarktgebäuden zu bauen. Die Regelungen des Gesetzes zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung, wie der „Bau-Turbo“ ausformuliert wird, gelten für die kommenden fünf Jahre. Dazu wurde ein sogenanntes Umsetzungslabor mit „Best Practice“-Beispielen eingerichtet: Informationen im Netz: bauwende-allianz.org/bau-turbo-umsetzungslabor mac

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