Kunst
Was heißt hier verrückt? Eine Ausstellung in Heidelberg
Interessant, die Diagnose an der Kasse der Heidelberger Sammlung Prinzhorn stellt man sich mit dem Einlassstempel selbst. „Normal“ oder „Verrückt“, was jetzt? Freie Wahl. Ein spielerischer Hinweis darauf, wie weit die Differenz zwischen den beiden psychischen Verfasstheitszuständen inzwischen erodiert ist, die die Schau „normal#verrückt“ verhandelt. Das heißt, sie demonstriert, wie nah das eine dem anderen ist. Wie sich die Verhältnisse ändern. Kann auch sein, dass sie einem vor Augen führt, dass der eigene Genieverdacht sich irgendwann vielleicht doch nur als purer Wahn darstellen könnte.
Selbsttherapie und RAF
Ein Pelzmantel hängt in der Ausstellung, deren Stellwände von der Empore aus aussehen, wie ein überdimensionierter Flipperautomat. Ein früher am U-Bahnhof Kottbusser Tor installierter „Spritzenautomat“ ist ausgestellt, aus dem sich Drogenabhängige ihr sauberes Besteck besorgen konnten, als seien es Zigaretten. Auch eine afrikanische Holzfigur aus Niger, die als psychotherapeutischer „Talking Stick“ verwendet worden ist, gehört zu den Exponaten der Ausstellung, die anhand von neun Objekten die Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojekts illustrieren, an dem auch Thomas Röske, der Leiter der Sammlung Prinzhorn beteiligt war. Was die Siebensachen im Einzelnen bedeuten, erschließt sich dann nach und nach.
So auch, was der Matrizendrucker soll, der an einer der Flipperwände auf einem Tisch steht. Er erinnert an das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) in Heidelberg. Eine zunächst relativ harmlose Therapiegruppe, dann ein harter Kern von Aktivisten, der die „Krankheit als Waffe“ wollte und später teils zur RAF überlief und am 24. April 1974 am tödlich endenden Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm beteiligt war. So kann es schiefgehen. Derweil steht der vorhin angeführte Pelzmantel für den „Fall Paul L. Stein“, der 1970 wegen des Diebstahls eines solchen Exemplars im heutigen Wert von 1300 Euro fast 15 Jahre in der Forensik einsaß, rechtswidrig, wie dann ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts ergab.
Stein, der in Wahrheit nicht so hieß und einschlägig vorbestraft war, hatte das Teil wegen einer „schizophrenen Psychose“ im Zustand verminderter Schuldfähigkeit gestohlen und war zu neun Monaten Haft verurteilt worden. Weil er auf Gutachter einen wahlweise „unheimlichen“ oder „undurchsichtigen“ Eindruck machte, „verwahrlost“ aussah, mitunter auch wegen seines „starken Barts“, kam er aufgrund der jeweils daraus folgenden negativen Sicherheitsprognose nie frei. Aber trotz seines Präzedenzfalls hat sich die Praxis, psychisch auffällige Delinquenten bis auf Weiteres in den Maßregelvollzug zu stecken, während gleichzeitig Psychiatrien schließen, nicht maßgeblich geändert. Im Gegenteil, ihr relativer Anteil ist seit „Paul L. Stein“ noch gestiegen, derweil sich die Dinge insgesamt verschoben haben. Und ADHS zum Beispiel als ganz „normale“, weit verbreitete Krankheit gilt. Wo, so lautet jetzt eine der Fragen, die sich die Forscher gestellt haben, fängt Verrücktheit eigentlich an, wenn die Übergänge fließende werden? Wenn Müdigkeit und Burnout nahtlos ineinander übergehen, Süßigkeiten-Affinität zum Suchtphänomen pathologisiert wird? Aber Psychiater jetzt lieber als Neurowissenschaftler firmieren.
Oder ein ursprünglich in der alternativen Psychotherapie eingesetztes „Wutkissen“ – ein besonders herziges Exemplar liegt in der Ausstellung aus – dazu dient, Frauen über den Zugang zu ihrer Wut, zu feministischem Furor zu motivieren. Wenn man es recht bedenkt, gehört auch die Sammlung Prinzhorn selbst zu den Phänomenen der „erodierenden Differenz“, die bei dem der Schau zugrundeliegenden Projekt analysiert wurden.
Warum? Die Institution, die auf die Sammlung des Mediziners Hans Prinzhorn zurückgeht, ist im Zentrum für psychosoziale Medizin am Uni-Klinikum Heidelberg angesiedelt. Aber seit 2001 stellt die Sammlung Prinzhorn Arbeiten wie die Zeichnung von Rudolf Liemberger, die jetzt in der Schau hängt, als Kunst aus – während die heftig schraffierte Figur mit kastenförmigem Rumpf zu dessen Lebzeiten noch als „Ergebnis eines Restitutionsversuchs“ im „equilibrierten Defektzustand“ einer Psychose interpretiert wurde.
In der Parallelwelt
Liemburger, dessen Figuren im Duktus an den Dresdner Maler Max Uhlig und leise auch an die Arbeiten des russischen Avantgardisten Kasimir Malewitsch erinnern, hieß damals offiziell auch mit seinem Patientennamen „Max“. Heute werden seine Werke mit Klarnamen im goldenen Rahmen präsentiert. Und er firmiert wie einige seiner Mitinsassen der berühmten Heil- und Pflegeanstalt Gugging als einer der Hauptvertreter der „Art Brut“. So nannte der französische Künstler Jean Dubuffet (1901 bis 1985) die Arbeiten sogenannter „Verrückter“, nach dem er sie für sich entdeckte. Andere sprechen von „Outsider Art“.
Sie ist etabliert, seit Harald Szeemann auf der von ihm kuratierten Kasseler documenta 5 aus dem Jahr 1972 eine Nachbildung des Krankenzimmers von Adolf Wölfli (1864-1930) vorstellte – mit seinen Büchern sowie weiteren Bildern und Objekten aus der Sammlung der Psychiatrie Waldau bei Bern. Als „parallele Bildwelt“ war die Wölfli-Installation in der Abteilung „private Mythologien“ zu sehen. Inzwischen sind Werke Psychiatrieerfahrener Künstler wie selbstverständlich bei Biennalen wie der von Venedig vertreten und auf dem Kunstmarkt virulent.
Besonders eindrucksvoll in diesem Zusammenhang ist dabei der Grenzfall der inzwischen 96-jährigen Japanerin Yayoi Kusama. Die mit den Punkten, die manisch ihre Kunst übersähen. 1977 hat sie sich in eine psychiatrische Klinik in Tokio einweisen lassen, wo sie immer noch lebt. Verrückt? Sie ist eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart. Schön wär’s natürlich gewesen, gibt Prinzhorn-Chef Thomas Röske zu, sie hätte in seiner auch so schon sehenswerten Heidelberger Schau ausgestellt. War nicht möglich. Aber kleiner Trost: Stattdessen sind die millionenteuren Werke der Künstlerin ab 12. Oktober in der noblen Fondation Beyeler in Basel-Riehen zu sehen – in einer ganz normalen, großen Retrospektive .
Die Ausstellung
„NORMAL#VERRÜCKT“ – Zeitgeschichte einer erodierenden Differenz, bis 28. September, www.sammlung-prinzhorn.de