Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Was ein Pfälzer Buchhändler von Kulturstaatsminister Weimer hält

 Der inhabergeführte Buchhandel werde zerrieben zwischen Amazon und den großen Filialisten, sagt Markus Knecht, der ein Geschäft
Der inhabergeführte Buchhandel werde zerrieben zwischen Amazon und den großen Filialisten, sagt Markus Knecht, der ein Geschäft in Landau betreibt.

Die Verleihung des Buchhandlungspreis bei der Buchmesse in Leipzig wurde von Kulturstaatsminister Weimer abgesagt. Das trifft auch den Landauer Buchhändler Markus Knecht.

So viel Trubel hat Markus Knecht rund um seine Bücherwelt noch nie erlebt. Erst wurde er als Inhaber seiner Buchhandlung BücherKnecht in den Ufer’schen Höfen von Landau als einer von nur fünf Preisträgern in ganz Rheinland-Pfalz mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet und zur Preisverleihung auf die Leipziger Buchmesser eingeladen. Jetzt flattert ihm die Absage per E-Mail ins Haus.

Ein Drama in mehreren Akten

Es ist ein Drama in mehreren Akten. Zuerst schloss Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) drei links gerichtete Buchhandlungen, die für den Preis nominiert waren, mit dem Hinweis auf „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ aus. Sein Argument: Die mit Steuergeld finanzierte Auszeichnung dürfe nicht „an Feinde des Staates“ gehen. Welche Vorwürfe gegen die Buchhandlungen im Raum stehen, offenbarte er nicht. Dies unterläge „dem Geheimschutz“, sagte ein Sprecher. Bei den Betroffenen handelt es sich um den „Golden Shop“ in Bremen, „Die Rote Straße“ in Göttingen und „Zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin.

Kurz nach dem Eklat um die Berlinale löste Weimer mit seinem Eingreifen eine kulturpolitisches Debatte um Zensur aus. Die Buchbranche zeigte sich tief besorgt, die Opposition beklagte Willkür. Es wurden sogar Forderungen nach einer Abberufung Weimers laut. Die Betroffenen wollen vor Gericht ziehen.

Absage des Festakts

Dann ließ Weimer den für 19. März geplanten Festakt auf der Leipziger Buchmesse absagen – mit der Begründung, dass er von der öffentlichen Debatte überlagert werde. Die verbliebenen, von einer unabhängigen Jury ausgewählten, 115 Preisträger müssen nun ihre Auszeichnung wie begossene Pudel aus dem Briefkasten fischen. Sie erhalten ihr Preisgeld und ihre Urkunden nun ohne öffentliche Ehrung. Eine Aufstockung der Liste hat die Jury, die sich von Weimers Eingreifen distanzierte, aus Protest verweigert.

Als passenden Buchtitel zu dieser Farce könnte Markus Knecht nun die „Die drei Fragezeichen“ ins Schaufenster stellen. Denn Genaueres, so versichert der Händler und Verleger, sei rund um das ohnehin „unerfreulich intransparente Auszeichnungsverfahren und seine Kriterien“ nicht bekannt. Allerdings ist der Siebeldinger auch nicht sonderlich verwundert über den „neuerlichen Zirkus“, den Weimer ausgelöst hat. Knecht hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: „Der Mann ist die Kulturpolitik ja von Anfang an konservativ und patriarchalisch angegangen, ist in jedes Fettnäpfchen getreten und hat einfach nicht verstanden, worum es geht – nämlich um die Meinungsfreiheit! Missliebige Töne auszuschalten, ist übergriffig, und der Preis wird nun beschmutzt durch diese Gesinnungsschnüffelei.“

„Ich bin kein Revoluzzer“

An „Reaktionen in der aufgebrachten Branche“ will er sich aber nicht beteiligen und verhält sich „eher zurückhaltend und beobachtend“. „Ich bin kein Revoluzzer und kümmere mich lieber um das Tagesgeschäft“, meint Knecht mit dem Verweis auf die Tatsache, dass dies schon schwierig genug und strukturell manches in Schieflage sei. „Die Freude über den Preis ist deshalb ohnehin getrübt durch die Situation, in der wir uns befinden.“

Knecht fordert mehr „Transparenz, Feingefühl und Unterstützung“ sowohl von der Politik als auch vom Börsenverein des Deutschen Buchhandel als Vertreter der Branche. Denn der inhabergeführte Buchhandel sei – zerrieben zwischen Amazon und den großen Filialisten – allzu vielen Restriktionen unterworfen. „Wir haben keinen Einfluss auf die Kostenstrukturen, die ein modern geführter stationärer Buchhandel leisten muss.“ Problemfaktoren seien die „beiden systemrelevanten Zwischenbuchhändler, denen der Sortimentsbuchhandel, vor allem der unabhängige Buchhandel auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist“. Libri und Zeitfracht, die beiden wichtigsten Schnittstellen zwischen Verlag und Buchhandel, sollten ein reibungsloses Online-Geschäft mit Lieferung vom einen auf den anderen Tag gewährleisten, seien aber mitunter nicht in der Lage, diese Anforderung zu erfüllen. In solchen Fällen hilft es dann auch nicht, wenn man den Kunden – wie Knecht – zusätzlich zu Laden und Lieferservice noch einen rund um die Uhr zugänglichen Abholschrank bereitstellt.

Das Thema Schulbuchgeschäft

Als weiteres Beispiel für dringenden Verbesserungsbedarf nennt Knecht das „Schulbuchgeschäft“, das in Rheinland-Pfalz zum großen Teil über die Schulbuchausleihe abgewickelt werde. Der komplette Ausleihbestand wird den Schulen zum Schuljahresbeginn von regionalen Buchhändlern, darunter Knecht, geliefert. „Seit zwei Jahren wird uns durch die FDP-Wirtschaftsministerin Schmidt ein Vergabeverfahren aufgedrückt“, das wegen der zeitlichen Enge und der komplexen rechtlichen Vorgaben mit fiktiven Summen jongliert und „praktisch überhaupt nicht funktioniert“. Da es sich um preisgebundene Bücher handelt, die ja weder günstiger noch teurer sein können, sei die Vergabe wie eine Lotterie. „Und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, unser Branchenvertreter, lässt zu, dass wir dieser amtsschimmeligen Vergabeverordnung Rechnung tragen und einer aus dem letzten Jahrhundert stammenden Sammelrabattregelung hinterherhecheln müssen.“ Warum er und seine Kollegen sich das eigentlich antun – darauf hat auch er keine Antwort. „Vermutlich aus reinem Verantwortungsgefühl. Und weil wir ein Buch nicht nur als Ware, sondern vor allem als Kultur- und Bildungsgut sehen. Vielleicht haben wir ja deshalb den Buchhandlungspreis bekommen, weil wir uns noch mit einem gewissen Idealismus um dieses Kulturgut kümmern“, sinniert Knecht.

Belebung der Landauer Innenstadt

Darum, und weil er in diesem Zusammenhang auch einen Beitrag zur Belebung der Innenstadt von Landau leisten will, ist der 63-Jährige, der seit Anfang der 90er-Jahre im Verlagsgeschäft tätig und seit rund 30 Jahren Buchhändler ist, 2023 noch einmal mit dem neuen Ladengeschäft in den Uferschen Höfen durchgestartet. Es ist Treffpunkt für etwa 40 Veranstaltungen im Jahr – darunter Lesungen, Konzerte der Jugendmusikschule, Kooperationen mit der Uni, einem Eat-Read-Sleep Lesekreis – und vielleicht bald auch einer Schreibwerkstatt für ein neues Projekt mit Jugendlichen.

Zur Sache

Der Deutsche Buchhandlungspreis ist eine staatliche Auszeichnung und wird seit 2015 jährlich vergeben. Prämiert werden mit Summen zwischen 7000 und 25.000 Euro unabhängige Buchhandlungen, die sich „in besonderem, auch innovativem Maße um das Kulturgut Buch und das kulturelle Leben vor Ort verdient gemacht haben“. Aus 483 Bewerbern wählte eine sechsköpfige, unabhängige Jury 118 Preisträger aus, darunter Markus Knecht aus Landau.
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