Fotografie
Was bedeutet Künstliche Intelligenz künftig für Fotografen?
Boris Eldagsens Fotografie namens „The Electricians“ ist derzeit wohl das bekannteste Bild der Welt. Und das nicht, weil es den Sony World Photography Award – einen weltweit renommierten Fotografie-Wettbewerb – gewonnen hat, sondern vielmehr, weil es gar keine Fotografie ist. Der Künstler hatte es mithilfe einer Künstlichen Intelligenz (KI) erzeugt. Die Auszeichnung nahm er aus Protest gegen die mangelnde Auseinandersetzung der Juroren mit dem Thema nicht an.
Auch die Kaiserslauterer Künstlerin und Fotografin Marta Maria Mróz ist besorgt, dass Standards dafür fehlen, wie künftig in der Branche mit KI umgegangen werden sollte. Es müsse Klarheit darüber herrschen, wie ein Bild entstanden ist. „Ehrlichkeit ist wichtig, schließlich bekommt ein Bild dadurch einen anderen Wert.“ Eine Markierungspflicht, die Bilder als bearbeitet oder gar als vollständiges Ergebnis der smarten Technologie ausweist, hält sie daher für wichtig.
Lieber damit arbeiten, „was die Natur im Moment bietet“
„Nach meinem persönlichen Verständnis handelt es sich dabei nicht um Fotografie. Es ist ein Bild, es ist Kunst – ja, aber keine Fotografie“, verdeutlicht die 39-Jährige. Ihr Verständnis von Fotografie sei anders: „Meine Fotografie ist eine Momentaufnahme, es hat etwas mit Im-Jetzt-Sein zu tun.“ In ihren Arbeiten versuche sie, die Seele des Fotografierten bei der Porträtaufnahme zu erfassen, das Innere eines Menschen nach außen zu transportieren. „Für mich hat sie etwas Emotionales, das ich in dem Moment festhalten will. Deswegen hat es für mich ganz viel mit Leben zu tun und nicht mit einer Künstlichen Intelligenz“, sagt sie. Genau diese Lebendigkeit habe ihr bei der Betrachtung des umstrittenen KI-Werks gefehlt.
Aber auch Handwerk wie der Umgang mit Licht spiele in ihrem Schaffensprozess eine große Rolle. Sie arbeite wenig im Atelier, die Gegebenheiten in der Natur hingegen ließen sich nicht planen. „Ich muss damit arbeiten, was mir die Natur in diesem Moment bietet.“ Besonderen Wert legt sie auf die Bildkonzeption, ob sie nun digital oder klassisch mit Film fotografiere, berichtet Mróz. „Eine analoge Bildgestaltung ist mir wichtig. Das Foto muss in der Kamera entstehen, nicht in Photoshop.“
„Maschinen können Menschen nicht ersetzen“
Deshalb verzichtet Mróz weitestgehend auf Korrekturen mithilfe eines Bildbearbeitungsprogramms. „Ich setze ausschließlich dieselben Effekte ein, die mir auch bei der analogen Fotografie in der Dunkelkammer zur Verfügung stehen würden, wenn es beispielsweise um die Helligkeit und die verschiedenen Entwicklungsstufen geht.“ Die träumerisch wirkenden, weichgezeichneten Effekte, die Mróz’ Arbeit charakterisieren, erzeugt sie auf altmodische Weise, indem sie mechanische Filter über die Linse legt und diese etwa mit Folie oder Creme bedeckt.
Trotz ihrer strengen Abgrenzung wolle sie KI generierten Bildern weder Wirkkraft noch deren schöpferischen Gehalt absprechen. „Das Verständnis von Kunst ist im Gegensatz zu dem der Fotografie sehr offen und kann für jeden etwas anderes bedeuten. Gerade diese Vielfalt finde ich gut.“ Losgelöst von der Fotografie erkenne sie, Wege für Kunstschaffende etwas Neues zu kreieren, ohne dabei die Realität als Ausgangspunkt zu nehmen.
Keine Sorgen vor Entwertung
Sorgen, dass eine KI ihren Berufsstand nun bald überflüssig machen könnte, macht sich die Kaiserslautererin nicht: „Maschinen können Menschen nicht ersetzen.“ Auch befürchte sie keine Entwertung ihrer Kunst: „Bei anderen Verfahren kann ich ebenso mit wenig Aufwand viele Werke erstellen, da liegt es in meiner Verantwortung als Künstlerin, das Kunstwerk nur begrenzt zu schaffen.“ Kunstbegeisterte wüssten dies zu schätzen: „Die Idee ist auch etwas wert.“
Jörg Vogelsang, in Göllheim lebender Fotograf und Mitglied des Kunstvereins Donnersberg, teilt Mróz Ansichten. Für ihn spielt die zunehmende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz keine große Rolle in seiner Arbeit, betont der 62-Jährige, der sich auf Natur- und Architekturaufnahmen in Schwarz-Weiß spezialisiert hat. „Meine Fotos zeige ich in Galerien oder Installationen, die von Menschen besucht werden, die diese Arbeit zu schätzen wissen.“
Gefahr für Meinungsbildung
Stattdessen sorge er sich, vor welche Herausforderungen die Technologie die Gesellschaft künftig stellen wird: „Es wird einen permanenten Plausibilitätscheck brauchen!“ Allgemein verteufeln will Vogelsang den Einsatz von KI allerdings nicht und gibt zu bedenken: „Bildmanipulation hat es schon gegeben, als noch mit Film fotografiert wurde.“ Wer digital fotografiere sei damit schon wesentlich näher an Photoshop als bei der analogen Fotografie. „Das meine ich absolut wertfrei und ist meiner Auffassung nach vollkommen legitim“, betont der 62-Jährige sein offenes Verständnis von Kunst.
Schließlich gebe es Künstler, die schon viele Jahre mit digitalen Techniken arbeiten, um ihre eigene Bildsprache zu erzeugen. So verdichte, verändere und retuschiere beispielsweise der Künstler Andreas Gursky seine Werke mithilfe von Programmen. „Ich bin mir sicher, entsprechend wird sich dafür auch ein Markt entwickeln.“
Beobachten und Motiv finden
Sein eigenes künstlerisches Verständnis von Fotografie kann er mit der Funktionsweise der KI nicht in Einklang bringen. „Für mich macht Fotografie aus, dass ich beobachte, ein Motiv erkenne und es mithilfe der Mittel wie Blende, Licht und Verschlusszeit gestalte.“ Die KI hingegen gehe den umgekehrten Weg: Die Bildidee bestehe bereits und das Programm setze die Vorgaben einfach zu einem Motiv zusammen. „Kritisch wird es, wenn KI-Bilder in politischen oder wissenschaftlichen Kontexten genutzt werden, um Meinung zu erzeugen.“
Für ihn sei die Künstliche Intelligenz lediglich in Form eines Filters zum Einsatz gekommen, der das Bildrauschen unterdrücke. „Allgemein nutze ich Retuschen und Korrekturen nur sehr minimal und vereinzelt in dem Maß, wie es früher bei der Arbeit in der Dunkelkammer möglich gewesen wäre.“ Elemente ausschneiden oder sogar in neue Bildkontexte einfügen, komme für seine Arbeiten nicht infrage.
Belichtung ist entscheidend
„KI ist Fluch und Segen zugleich“, findet Amateurfotograf Steffen Klos. Seit Anfang des Jahres beschäftigt sich der Vorsitzende des Vereins Fotoclub Tele Freisen (Landkreis Kusel) intensiv mit dem Thema Künstlicher Intelligenz in der Fotografie, hat Programme dazu schon getestet. „Insofern ist es hilfreich, weil man eine Bildidee umsetzen lassen kann und sieht, wie sie umgesetzt aussehen könnte.“
Dennoch zieht der 28-Jährige auf seinem Verständnis beruhende klare Grenzen und legt die Abbildung real existierender Objekte als ein wesentliches Kriterium in der Fotografie fest: „Ein Foto muss durch Belichtung auf einen Film oder einen Sensor aufgenommen werden.“ Ob digital oder analog fotografiert werde, spiele für ihn keine Rolle.
Zwar könne man argumentieren, dass manche Fotografen die komfortable Vollautomatik nutzten, manuelle Einstellungen dadurch eigentlich kaum noch vorgenommen würden. „Die Kamera kann aber nicht das Bild alleine machen. Und sie lernt anders als eine KI nie mit.“
Ganze Branche gefährdet
Schon jetzt gebe es Regularien bei Wettbewerben, die Einreichungen ausschließen, wenn nicht ein Mindestanteil von handwerklicher Eigenleistung eingebracht ist, weiß Klos. Der Fotoclub Tele Freisen richtet regelmäßig eigene Wettbewerbe aus. „Aus den Metadaten der digital eingereichten Fotos kann man gut erkennen, ob es durch KI erzeugt wurde.“ Allerdings fehle es vor allem bei größeren, internationalen Wettbewerben häufig an genügend Personal. „Trotzdem glaube ich nicht, dass es sich KI-Bilder durchsetzen werden“, sagt Klos, „In der Amateurfotografie hat es einfach nichts zu suchen.“
Problematisch empfindet er die Bedeutung der smarten Technologie außerhalb der Kunst. „Fotoredakteure werden künftig mehr zu kämpfen haben: Denn ohne Urheber entstehen schnell Datenbanken, in denen mittels der Eingabe von Begriffen Bilder schnell und kostengünstig erzeugt werden können.“ Allerdings habe das auch seine Grenzen: „Wird ein Bild gebraucht von etwas, das wirklich existiert, braucht es dann doch den Fotograf hinter einer Kamera.“