Neunkirchen im Saarland
„Vor meinen Freunden schäme ich mich für meine Heimatstadt“
Die Stadt von Kohle und Stahl liegt tatsächlich im Grünen. Wer sich ihr vom Stadtteil Münchwies her nähert, fährt durch Wälder, entlang von Wiesen und dann durchs Tal der Oster, die in großzügigen Schleifen gemächlich Richtung Neunkirchen fließt.
Das Problem: Seit Pfingsten 2024 ist die Verbindungsstraße zwischen den Stadtteilen Münchwies und Hangard eine Baustelle. Seit Wochen ist sie in einer Richtung sogar vollgesperrt. Ein Teil der Straße ist Richtung Tal abgerutscht. Kein Arbeiter ist zu sehen, kein Bagger, kein Arbeitsgerät, man wartet auf besseres Wetter.
Auf Hangard folgt Wiebelskirchen, dort geht es den Kuchenberg hoch, ganz oben: wieder eine Baustelle, seit zwei Jahren. Ein Teil der Straße ist Richtung Tal abgerutscht. Kein Arbeiter ist zu sehen, kein Bagger, kein Arbeitsgerät, man wartet auf besseres Wetter. Eine Ampel regelt den Verkehr, sie zeigt zwei Minuten lang rot.
Danach geht’s den Kuchenberg runter, am Bahnhof vorbei in die Stadt zum Parkplatz. Der ist an diesem Dienstagmorgen fast leer. Fast menschenleer auch der Lübbener Platz und der Stummplatz, die großen Flächen mitten in der Stadt.
Rein ins Saarpark-Center. Das ist eine Einkaufsgalerie, weder in der Pfalz noch im Saarland gibt es eine größere. Endlich Menschen, leicht belebt. Die Rolltreppe hoch in den ersten Stock, zum Eiscafé Florenz: Fast alle Tische besetzt. An den meisten sitzen Grüppchen von Frauen aller Altersklassen. Vor und hinter den Theken wuseln zehn Frauen und Männer in weißen Blusen und Hemden.
Luciano Zambon (64) aus Conegliano in Venetien, betreibt das Eiscafé seit 35 Jahren. Natürlich sei er mit dem Besuch zufrieden, aber: „Früher bestellten die Gäste einen großen Eisbecher, heute nur einen Cappuccino oder ein kleines Eis.“
„Eine sterbende Stadt“
Am Tisch sitzt Zambons Freund, ebenfalls aus Venetien, längst Rentner, er führte ein italienisches Restaurant am Stadtrand. „Neunkirchen ist eine sterbende Stadt“, klagt er. Als das Eisenwerk und die Kohlegruben noch Geld in die Taschen der Leute brachte, das sei die große Zeit der Stadt gewesen. Nach der Schließung des Eisenwerks 1982 habe der Bau des Saarpark-Centers, das 1989 fertig wurde, Neunkirchen gerettet. „Ohne das Center wäre Neunkirchen heute eine Geisterstadt“, ist er sich sicher. Es bringe immer noch sehr viele Menschen nach Neunkirchen, jeder dritte Kunde im Center kommt aus der Pfalz.
Das Haus, in dem der Venezianer sein Ristorante führte, wurde im Jahr 1900 von Peter John gebaut, der darin eine Gastwirtschaft mit großem Saal betrieb. Heute hängt ein halbes Fahrrad an der Fassade. Martin Schweitzer betreibt hier ein Fahrradgeschäft.
Der Laden läuft, die Kundschaft kommt aus einem großen Einzugsgebiet, damit ist er zufrieden. Mit Neunkirchen nicht. Sicher, der Bau des Saarpark-Centers sei „die Rettung für die Stadt“ gewesen. Aber die Klientel außerhalb des Centers, „das ist nicht die beste“, sagt er, die Bliespromenade, eine Geschäftszeile entlang des Flusses Blies, „eine einzige Katastrophe“. Schweitzer sagt: „Ich bin heilfroh, dass ich meinen Laden nicht in der City habe.“
Was meint er damit? „In den letzten sieben, acht Jahren ist es dramatisch schlechter geworden. Wenn’s dunkel wird, dann laufen vorm Center, auf dem Lübbener Platz und an der Bliespromenade Leute rum, denen man im Dunkeln nicht begegnen will. Ich gehe da abends nicht mehr hin und nachts erst recht nicht.“
Neunkirchen habe es in den letzten Jahrzehnten versäumt, gute Arbeitsplätze hierherzuholen, große Firmen, die gut bezahlen. Dann würde eine andere Klientel in der Stadt wohnen. „Heute sieht doch jeder zu, dass er aus der Innenstadt rauskommt.“ Wer es sich leisten kann, ziehe an den Stadtrand oder in die Dörfer rundum.
Schweitzer sagt, seine Frau fühle sich selbst am Oberen Markt, wo das Rathaus steht, abends nicht mehr sicher und könne dann auch nicht mehr zum Geldautomaten gehen.
Am Oberen Markt hängt Anfang Februar noch die Weihnachtsbeleuchtung an den Laternen. Kino, Cafés, Metzgereien, Aldi längst geschlossen. Handyladen, Shisha-Bars, die Balkan-Bäckerei, ein orientalischer Lebensmittelmarkt sind eingezogen. Nur wenige Häuser wurden renoviert. Dort wo eine Fassade neu gestrichen oder hergerichtet wurde, hängt ein großes Schild, das auf Videoüberwachung hinweist.
In einer Seitenstraße endet gegen 16 Uhr die Schule. Zig Grundschüler quellen nach draußen, ein Gehupe und Gequietsche setzt ein. Ein Teil der Schüler wird abgeholt, von Männern in fetten Geländelimousinen, die Frauen in Kleinwagen die Vorfahrt streitig machen. Nach ein paar Minuten ist alles wieder ruhiger. Polizei und Ordnungsamt fahren Streife. An einer Ecke stehen zwei Polizeiautos, die Beamten nehmen einen Vorfall auf.
Honecker, Kuntz und Kielbassa
So unterschiedliche Menschen wie der Kommunist Erich Honecker, der Fußballer Stefan Kuntz und Andrej Kielbassa, eine Koryphäe in der Welt der Zahnmedizin, sind Söhne Neunkirchens. Kielbassa (61) arbeitet und lebt in Österreich, besucht jedes halbe Jahr seine Geburtsstadt, die er nach dem Abitur zum Studium verlassen hatte. „Es tut mir leid, ich bin Neinkeijer, aber jedes Mal, wenn ich zurückkomme und durch die Stadt laufe, ist das für mich ein Katastrophenprogramm.“ Sein bester Freund im Studium sei Palästinenser gewesen, er wisse den kulturellen Reichtum zu schätzen, den Fremde ins Land bringen. „Aber Neunkirchen hat sich damit übernommen.“ In den letzten Jahren seien zu viele Menschen aus der Ferne zu schnell gekommen, die Integration sei nicht gelungen.
Uli Glup ist Ur-Neunkircher, beruflich hat es ihn nach Rheinland-Pfalz verschlagen. Gelegentlich besucht er mit Freunden aus der Pfalz oder Rheinhessen ein Fußballspiel von Borussia Neunkirchen oder ein Konzert in der Neuen Gebläsehalle. „Dann schäme ich mich vor meinen Freunden regelrecht für meine Heimatstadt. Das ist so traurig.“ Das Schlimmste sei: „Man kann abends einfach nicht mehr in die Stadt gehen.“ Besonders schmerzt ihn, den Sozialdemokraten, dass Neunkirchen bei der jüngsten Bundestagswahl mehrheitlich AfD wählte.
Ein Februarabend, es wird langsam dunkel. Die Schritte führen an der Bliespromenade entlang, in einer Nische stehen drei Jugendliche, süßlicher Duft weht herüber, sonst kaum Leute unterwegs, links in die Brückenstraße. Schönheitsstudio, Shisha-Bar, kleine Lebensmittelläden, Rambo-Kiosk, eine verlassene Videothek, links in die Wellesweiler Straße. Rotlicht, Lebensmittel aus dem Orient und aus Osteuropa, Handyläden, links in die Bahnhofstraße, ein verlassener Laden der Deutschen Glasfaser, schräg davor ein Wendehammer, in dem striktes Halteverbot gilt. Vier Autos parken dort, ein neuer Audi A4 kommt dazu, parkt. Ein stark untersetzter Mann in Jogginghose und mit Schlappen an den Füßen steigt aus – und verschwindet in einem Laden, vor dessen Tür Toilettenbürsten, Gürtel und Glitzerartikel feilgeboten werden. Am Lübbener Platz, dem zentralen Platz der Innenstadt.
Wo man in Neunkirchen gut essen gehen kann: hier geht’s zu den Empfehlungen.
Neunkirchen ist alles, außer langweilig. Zoo, Gondwana und das Kino im Wasserturm sind Ausflugsziele für Familien. Mit Kultur warten Gebläsehalle, Reithalle und Städtische Galerie auf. Wanderfreunde kommen ebenfalls auf ihre Kosten: hier geht’s zur Übersicht mit allen Empfehlungen.
1964 war Borussia Neunkirchen eine Nummer zu groß für den FC Bayern München und stieg in die Bundesliga auf. Heute steht der Verein vor dem Aus.
