Musikgeschichte RHEINPFALZ Plus Artikel Von den Nazis vertrieben: Der vergessene Mannheimer Komponist Robert Kahn

Robert Kahn wurde 1865 als Sohn einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie geboren.
Robert Kahn wurde 1865 als Sohn einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie geboren.

Robert Kahn wurde 1865 in Mannheim geboren und starb 1951 in England, wohin ihn die Nazis vertrieben hatten. Ein Plädoyer für einen zu Unrecht vergessenen Spätromantiker.

Johannes Brahms förderte ihn, in Berlin hob 1890 der seinerzeit führende deutsche Geiger Joseph Joachim sein erstes Streichquartett ebenso aus der Uraufführungstaufe wie die Berliner Philharmoniker unter Hans von Bülow seine Orchesterserenade „Aus der Jugendzeit“. Albert Einstein musizierte mit ihm und Clara Schumann lobte den jungen „sehr talentvollen Componisten“ in den höchsten Tönen: „Da ist Leidenschaft, Wärme, Anmut, vortreffliche Arbeit, nur lehnt er sich sehr an Brahms und Schumann, doch das schadet nichts, wenn es mit soviel Talent geschieht.“ Und doch ist Robert Kahn 75 Jahre nach seinem Tod kaum einem Musikfreund bekannt. Selbst an seinem letzten deutschen Wohnort im mecklenburgischen Feldberg, wo der Künstler und seine Familie bis Anfang 1939 lebten, erinnert heute lediglich noch ein Straßenname an den Musiker…

Die Nachhaltigkeit der NS-Kulturpolitik

„Die Nazis haben es erreicht, dass jüdische Komponisten schlichtweg von der Bildfläche verschwunden sind“, konstatiert Reinhard Wulfhorst, der sich seit 2023 „immer intensiver mit Robert Kahn beschäftigt“ hat. „Zudem ist sein Oeuvre begrenzt: Er hat Kammermusik, Chorwerke und Lieder komponiert, aber keine einzige Oper oder Sinfonie – dadurch ist die Anzahl der Musiker, die ihn entdecken könnten, sehr begrenzt.“ Grund genug für den Schweriner, der sich in seinem Musikverlag „Edition Massonneau“ mecklenburgischen Komponisten verschrieben hat, den „Spezialistenkomponist“ wiederzuentdecken. Zumal dessen Musik „enorm eingängig“ sei: „Das klingt wie Brahms, manchmal wie Mendelssohn – und doch sind viele seiner Werke bis heute nicht veröffentlicht wie etwa das ,Tagebuch der Tiere’.“

Fasziniert an der Person des 1865 geborenen Sohns einer der wohlhabendsten jüdischen Familien Mannheims hat den leidenschaftlichen Bratscher indes vor allem, dass „man unglaublich viel entdecken kann“. Mag der Musikwissenschaftler Steffen Fahl vor drei Jahrzehnten in den „Berliner Musik Studien“ sich bereits erstmals dem Leben Kahns angenommen und nicht zuletzt die Kindheit und Jugend Roberts aufgearbeitet haben – neben Geige und Klavier erhielt dieser auch schon früh Kompositionsunterricht bei Vinzenz Lachner, dem langjährigen Kapellmeister am Nationaltheater Mannheim –, so hat Wulfhorst sich nun vor allem auf die zweite Lebenshälfte des Komponisten konzentriert. Ist ins Feldberger Archiv gestiegen und hat dort die Grundstücksakte zu Kahns Villa gefunden, „anhand derer man seinen Ausbürgerungsprozess nachvollziehen“ kann. Bevor dieser am Ende vor den Nazis nach England floh – und die Gemeinde („der Bürgermeister wollte das Haus als Jugendherberge haben“) die Villa für die Hälfte des Verkaufswertes erwarb. Ein Schnäppchenpreis, wie auch die zwölf Skizzen der Villa von dem renommierten Landschaftsmaler Albert Hertel – Kahns Schwiegervater und zugleich ein gerngesehener Gast im Haus des Kronprinzen Friedrich – offenbaren, auf die der 62-Jährige bei seinen Erkundungen stieß: Lag das Herrenhaus doch auf einem Hügel direkt am Haussee „mit dem Blick weit über zwei Seen und ins Land hinein“, wie Kahns Frau Katharina in einem Brief an Gerhard Hauptmann und seine Gattin schwärmte. „Und am Wald – in dem (man) fünf Stunden weit Wege gehen (kann) ohne jemand zu treffen!“

Zahlreich sind die Geschichten um den vergessenen Komponisten, die der Verleger ausgegraben hat. „Dabei hatte ich eigentlich nur einen kleinen Aufsatz schreiben wollen“, merkt Wulfhorst mit Blick auf das vor ihm liegende stattliche Werk schmunzelnd an. „Doch dann fand ich die Geschichte so spannend, dass am Ende ein Buch daraus geworden ist.“ Das in jeder Hinsicht ein Glücksfall ist – und das keineswegs allein für Heimatinteressierte in Mecklenburg-Vorpommern, sondern für alle Musikbegeisterten über die Grenzen im Nordosten hinaus: Denn „Idylle und Vertreibung: Der Komponist Robert Kahn in Feldberg 1910 bis 1939“ liest sich stellenweise wie ein historischer Krimi, verschafft einem zu Unrecht vergessenen Komponisten neue Aufmerksamkeit und lenkt den Fokus auf die Idylle der Feldberger Seenlandschaft aus einer ganz neuen Perspektive.

Albert Einstein war mit Kahn befreundet. Die beiden sahen sich zum Verwechseln ähnlich.
Albert Einstein war mit Kahn befreundet. Die beiden sahen sich zum Verwechseln ähnlich.

„Kahn ist ein unglaublicher Sympathieträger für mich, extrem bescheiden und in seiner Reduziertheit und Zurückhaltung einfach ein toller Typ“, macht Wulfhorst aus seiner Bewunderung für den Künstler keinen Hehl. Vor allem aber: „Ich habe hier so viel Neues gefunden – eine wahre Terra incognita!“ Hymnen der Begeisterung, die wohl mancher Autor über sein Oeuvre anstimmt, und die doch in diesem Fall der Geschichte angemessen sind. Denn wer erinnerte sich bislang schon dieses Sohns aus großbürgerlichen Verhältnissen, der angesichts seiner musikalischen Begabung als 17-Jähriger ohne Abitur Baden verließ und zum Kompositionsstudium an die Musikhochschule in Berlin ging – und ab 1903 dort daselbst für drei Jahrzehnte als Professor für Theorie und Komposition lehrte? Der schon als Twen bei Verwandten in Mannheim Brahms kennenlernte und ihm beim Anstoßen „begeisterten Herzens aber zitternder Hand“ ein Glas Champagner über die Frackhose schüttete… um dem Meister hernach zwei seiner Werke vorzuspielen: Der „sagte mir nach jedem Satz einige kurze aber herzliche Worte des Lobes“. Der mit Pianisten-Legende Wilhelm Kempff ebenso befreundet war wie mit Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, von dem er nicht nur 13 Gedichte vertonte, sondern sich gemeinsam mit ihren Frauen auch immer wieder zu musikalischen Abenden traf?

Die spannende Geschichte eines Vergessenen

Kein Wunder also, dass Wulfhorst in den vergangenen drei Jahren immer tiefer in die Geschichte des Vergessenen eingestiegen ist. Vor allem an Kahns letztem deutschen Wohnort, dem selbst betitelten „Haus Obdach“ im mecklenburgischen Feldberg, wo die Familie bis 1939 lebte, bevor sie dann nach England emigrierte, wurde der Publizist fündig: Dort hatten die Kahns im Sommer 1910 ein traumhaften Grundstücks erworben für den Bau eines einfachen kleinen Landhäuschen zu ihrem Berliner Lebensmittelpunkt – aus dem dann eine 480-Quadratmeter-Villa oberhalb des Haussees wurde. Neben solchen Einblicken in private Familien-Korrespondenzen erfuhr der Schweriner bei seinen Gesprächen mit den Nachfahren des spätromantischen Komponisten ebenso interessante wie amüsante Begebenheiten – wie etwa jene von den Besuchen Albert Einsteins, der als leidenschaftlicher Hobby-Violinist unbedingt mit Kahn aufspielen wollte: „Die beiden treffen sich öfter zum gemeinsamen Musizieren in der Kahn’schen Wohnung“, schreibt Wulfhorst – „sehr zum Leidwesen der Tochter Irene, die die Geigenkünste Einsteins als „laut und kratzig„ erlebt.“ Dafür aber die anschließenden Stunden mit dem Physiker umso mehr schätzte, erzählte der geniale Naturwissenschaftler doch „spannende Geschichten über Sterne“.

Zudem sorgte die frappierende äußere Ähnlichkeit der beiden Männer auf den Straßen der Hauptstadt immer wieder für Verwechslungen, wenn Menschen auf Einstein zukamen in der Meinung, es handele sich um Kahn – oder auch umgekehrt. Fürwahr ein „geradezu unglaubliche(s) Gesellschaftsleben“, wie sich Johanna, die zweite der drei Töchter Kahns erinnert – zumal sein Schwiegervater Albert Hertel mit den Hohenzollern gut befreundet war, als einer der herausragenden Landschaftsmaler seiner Zeit der Kronprinzessin Victoria Zeichenunterricht gab und den späteren Kaiser Wilhelm II. häufiger in seinem Atelier begrüßte.

„Ich habe noch nie so viel Spannendes gefunden“, zeigt sich der promovierte Jurist Wulfhorst denn auch beeindruckt. „Zumal man an seiner Person das Dritte Reich in Sachen Restriktionsmaßnahmen nachstellen kann samt der Kleinigkeiten im Alltag: Wie sich etwa ein Hauptmann zurückzieht oder Richard Strauss ab 1933 nicht mehr stattfindet, obwohl er Pate der Tochter war.“

Das Gästebuch aus dem „Haus Obdach“

Dass sich diese Entdeckungen im Buch schwerpunktmäßig auf die Jahre 1933 bis 1939 erstrecken, hängt nicht zuletzt mit dem Gästebuch aus dem „Haus Obdach“ zusammen, das aus dieser Phase ein Vielfaches mehr an Einträgen aufweist als in den zwei Jahrzehnten zuvor. Und wohl auch mit dem eigenen beruflichen Hintergrund, der im Anhang noch eine feine juristische Begutachtung von Kahns Ausschluss aus der renommierten Berliner Akademie der Künste Ende 1933 mit sich bringt – die „auch nach nationalsozialistischen Maßstäben rechtswidrig war“, wie der ehemalige Referatsleiter aus dem Schweriner Wirtschaftsministerium konstatiert. Und den Schlusspunkt seiner ebenso fesselnden wie detaillierten Ausgrabungen bildet?

Lesezeichen

Reinhard Wulfhorst: „Idylle und Vertreibung – Der Komponist Robert Kahn in Feldberg (Mecklenburg) 1910 bis 1939“, edition massoneau.

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