Essay RHEINPFALZ Plus Artikel Von Blüm zu Bas: Deutschland in der Misstrauenskrise

Hauptsache Misstrauen: zwei sehr gegensätzliche Demonstrationen während der Pandemie.
Hauptsache Misstrauen: zwei sehr gegensätzliche Demonstrationen während der Pandemie.

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani zeigt, was passiert, wenn sich die zusammenschließen, die nur noch ihrem Misstrauen trauen – und wie Populisten davon profitieren.

Norbert Blüm, rheinhessischer CDU-Originalpolitiker, war unter anderem 16 Jahre lang Arbeits- und Sozialminister. „Denn eins ist sicher: die Rente“ – bleiben wird sein als Versprechen bis in die aktuellen Debatten nachwirkender Spruch. Dagegen lässt sich der Crash von Blüms Nachfolgerin Bärbel Bas (SPD) mit den „Männern im Maßanzug“ als eine tiefsitzende, negative Erwartungshaltung lesen. Und die hat sich – unbewusst oder nicht – ausagiert, auf beiden Seiten. Alles eine Frage des Vertrauens.

Warum die grundmenschliche Disposition so wichtig ist? Der berühmte Systemtheoretiker Niklas Luhmann (1927 bis 1998) hielt es für schwer möglich, dass jemand ohne jegliches Vertrauen morgens überhaupt sein Bett verlässt. Und tatsächlich setzt sich wohl niemand in ein Auto, der nicht irgendwie den besten Absichten der Autofahrer im Gegenverkehr vertraut. Anders ausgedrückt: Die Zukunftserwartung, die man hat, ist in der Gegenwart handlungsleitend – und zwar in beide Richtungen, positiv wie negativ.

Helmut Newton, der Fotograf, befragt nach dem Geheimnis seiner bis zu seinem Tod 56 Jahre dauernden Ehe mit June, meinte: Nie die Tasche des anderen durchsuchen. Misstrauen, sonst in Maßen nützlich, kann Gift für jede Beziehung sein, wie alle wissen (sollten). Aladin El-Mafaalani hat dem Negativ-Affekt jetzt ein Buch gewidmet, das seine systemsprengende Kraft untersucht.

Kein Durchblick mehr

„Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien“ heißt das erhellende Werk des Professors für Migrations- und Bildungssoziologie an der TU Dortmund. Seine Thesen sind weitreichend. „Die liberale Demokratie steht zur Disposition“, schreibt er in seinem Vorwort, auch wenn er einräumt, dass das „keine neue Erkenntnis“ sei. Systemisches Misstrauen als ihr Kipppunkt allerdings hat noch niemand so enggeführt beschrieben. Sein Buch gehört unbedingt zu den relevanten Zeitdiagnosen.

So wie „Zerstörungslust“, ein Bestseller von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, in dem der Aufstieg des Populismus als Folge psychologischer Krisen wie Abstiegsangst und Statusverlust vivisektiert wird. Oder „Verlust“ von Andreas Reckwitz, in dem die schmerzende Defiziterfahrung als Grundproblem der Moderne erscheint – mit politischen Folgen. Der 47-jährige El-Mafaalani derweil hat seine Analyse aus einer persönlichen Erfahrung heraus verfasst.

Dem Eindruck, dass ihm vertraute Menschen, mit denen er schon ewig ins BVB-Stadion zum Fußball geht, als Wissenschaftler weniger vertrauen als irgendeinem Karlheinz auf YouTube. Seine Vermutung ist, dass seine Kumpels „dem System“ misstrauisch gegenüberstehen – also auch ihm als dessen wahrgenommenem Vertreter. Offensichtlich ist etwas umgeschlagen in der unübersichtlichen Welt der gesellschaftlichen, geopolitischen, die Finanzwirtschaft und das Klima betreffenden Multikrisen.

Der Krieg, die Energie, die Geflüchteten, die Demografie, die Rente, Trump, die neu erwachte Systemkonkurrenz. Die beinahe alles umstürzende Digitalisierung. Wo keiner mehr ganz durchblickt, braucht es Vertrauen, sonst funktioniert es nicht.

Infektionsherd Pandemie

Man muss schon – wenn auch nicht blind, das dann doch nicht – davon ausgehen, dass andere in ihrem jeweiligen Feld Bescheid wissen und handeln, wie es sich gehört: die Richter, die Wissenschaftler, die Bürokraten, die Journalisten. Dass die Politik das Ganze schon angemessen regelt. Vertrauen sei die „unsichtbare Kraft, die eine überkomplexe Gesellschaft zusammenhält“, schreibt El-Mafaalani. Gleichzeitig produziere diese aber auch immer mehr Möglichkeiten, enttäuscht zu werden. Und wo die Enttäuschung zunimmt, wird wahrscheinlicher, dass das Misstrauen wächst. Es ist eine fatale Dynamik, die jedem Bahnfahrer mit Blick auf unzuverlässig gewordene Fahrpläne bewusst ist. Inzwischen allerdings grassiert sie auf ganz vielen Feldern.

Dabei ging 2008, in der Finanzkrise, noch alles gut, als Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück im Blüm-Duktus eigentlich Unhaltbares versprachen: „Ihre Spareinlagen sind sicher.“ Aber nur, weil man ihnen vertraut hat. Dagegen hat sich Corona – 13 Jahre später – geradezu als Infektionsherd eines ungesunden Misstrauens erwiesen.

Halbwissen gegen Drosten

Die Pandemie ist El-Mafaalanis Paradebeispiel dafür, wie sich – aufgeheizt durch das digitale Netz – auf der Basis eines gemeinsamen Misstrauens eine diffuse Gemeinschaft gebildet hat: aus Impfgegnern und Liberalen, Esoterikern und besorgten Eltern, Rechtsextremen, Spinnern und ganz normalen Leuten. Und alle vertrauten dem Misstrauen der anderen mehr als „den“ Experten.

Plötzlich wurde die Expertise eines Wissenschaftlers, des Virologen Christian Drosten, mit beim Web-Surfen in den Hippocampus geschwapptem Halbwissen infrage gestellt. Die sogenannten sozialen Medien entfalteten ihre zersetzende Wucht. Die „Hyperermächtigung des Individuums“ (Amlinger, Nachtwey) grassierte, der Anspruch eines jeden Entomologen und Dachdeckergesellen, alles besser zu wissen. Und aller Brass wurde dann abgeschöpft und kanalisiert von Populisten und obskuren Verschwörungsideologen. Oder, um es mit Buchautor El-Mafaalani zu sagen: „Die Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungstheorien lässt sich als Folge von Misstrauen begreifen.“

Die Zukunft der Zukunft

Überraschend dabei ist, dass die AfD, sonst in der Bewirtschaftung von Gegenwartsenttäuschungen maßgeblich, dieses Mal nicht profitiert hat. Ihre Anhängerschaft war in dem Punkt selbst gespalten. Die Akquise gelingt ihr besser, wenn sich diffuses Misstrauen eindeutig kanalisieren lässt. Vorbild: Trumps Ressentiment gegen den „Deep State“ oder „die Eliten“, denen der Milliardär ja eigentlich selbst angehört. Ähnlich schürt die AfD, von jeder Programmatik befreit, das Misstrauen gegen alles, was sich polarisieren lässt: die Wissenschaft, die Kultur, die Altparteien, die „Lügenpresse“.

Ein aktuelles Beispiel ist der Verfassungsschutz, dessen Mitarbeiter die AfD-Vorsitzende Alice Weidel neuerdings perfide „schmierige Stasi-Spitzel“ nennt. So lassen sich eingeübte Affekte aktualisieren und gleichzeitig die Urteile der Verfassungsschützer vorauseilend entkräften. Schwer jedenfalls, sich dagegen zu wehren, wenn sich die Misstrauensvermutung gegen das fehlbare gegenwärtige „System“ wendet, während man selbst auf eine Vergangenheit rekurriert, die es nie gegeben hat.

Dazu passt dann ganz gut das Geschäft der „Polarisierungsunternehmer“, wie El-Mafaalani sie nennt. Leute wie Ex-BILD-Chefredakteur Julian Reichelt, der mit seinem Portal Nius News verschwörerisch Unangepasstheit und notorisches Misstrauen feiert. Oder wie der Mehrfach-Herausgeber bei Springer, Ulf Poschardt, der wöchentlich auf allen Kanälen den Untergang Deutschlands deklariert. „Shitbürgertum“ heißt sein Bestseller. Als Nächstes ist ein Werk mit dem Titel „Bückbürgertum“ angekündigt.

„Der Fall Deutschlands wird tief sein“, prophezeit in der von Poschardt herausgegebenen Zeitung „Die Welt“ der fernsehbekannte Vermögensverwalter Markus Zschaber. „Woher kommt dieser Zerstörungswille auch in den etablierten Parteien, als sollte das Land absichtlich gegen die Wand gefahren werden“, fragt Zschaber in einem Interview. Dabei sei Deutschland einmal weltweit führend gewesen – und jetzt längst von China abgelöst.

Alles wird schlechter – das ist eine misstrauische Erzählung für die Zukunft, die in ihrem Windschatten neues Misstrauen sät. Niemand weiß, wie sie endet. Mit chinesischen Verhältnissen vielleicht? Der Soziologe El-Mafaalani jedenfalls glaubt, dass Demokratie nur bestehen könne, wenn sie es schaffe, wieder eine positive Erwartungshaltung zu entfachen. Durch transparente Kommunikation. Indem die Politik keine falschen Versprechen macht. Indem mal etwas klappt. Indem die Bahn pünktlich kommt. Um nur einige Voraussetzungen zu benennen.

Die Demokratie müsse das „Vertrauen in diese und damit ihre Zukunft erneuern“, schreibt Aladin El-Mafaalani. Ganz in diesem Sinn stand zuletzt beim Grünen-Parteitag in Hannover etwas unbeholfen auf einem Plakat: „Damit die Zukunft wieder Zukunft hat.“ Das heißt auch: Wenn selbst die viel geschmähte „Verbotspartei“ neuerdings mehr Zuversicht wagen will, ist der Ludwigshafener Hoffnungsexperte Ernst Bloch der Philosoph der Stunde.

Lesezeichen

Aladin El-Mafaalani: „Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien“; Kiepenheuer & Witsch, Köln; 116 Seiten, 16 Euro.

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