Kultur
Vom Märchenschloss bis zum Fritz-Walter-Stadion: Der Lebkuchen-Bau-Wettbewerb
Hat man ja auch selten: Leichtbaudecken aus Keksen, tragende Pfefferkuchenwände. Dass es in einer Bauausstellung nach Kindheit und Zuckerbäckerei riecht. Und am Ende wird alles aufgegessen. Das Mainzer Zentrum für Baukultur zeigt die Ergebnisse seines Lebkuchen-Bau-Wettbewerbs. Sehr süß.
Zum Beispiel das „Märchenschloss“, purer Expressionismus, allein die Eistütenhauben auf den Türmen, der Burggraben durchströmt von einer hellblauen, gelatinierten Masse. Erinnert alles an Hogwarts. Die Baumeisterinnen Sophie Talmon und Liya Amor aus Mainz-Laubenheim sind die Preisträgerinnen der Kinderkategorie (bis zehn Jahre). Die Zahl 75, die ihr Bauwerk bunt ziert, soll für die Anzahl der Geheimnisse ihres ultimativen Recyclinghauses stehen. Außerdem für die Bauaufgabe: spektakelnde Symbolarchitektur für das Jubiläum, das die rheinland-pfälzische Kammer der Architektinnen und Architekten gerade feiert.
Die Materialvorgaben sind sehr streng gewesen. Definiert war der Hauptbaustoff, der auf ägyptische Honigkuchen aus dem Jahr 1500 vor Chr. verweist und im 13. Jahrhundert in europäischen Klöstern erste Verwendung fand. Zur konstruktiven Unterstützung sind Zahnstocher erlaubt gewesen, Spieße, Küchengarn, Backpapier, alles halt, was in einem inneren Zusammenhang zu Lebensmitteln steht.
Besonders sinnfällig eingelöst hat die Wettbewerbsaufgabe „Jubiläumsfeier“ der partytaugliche Rundpavillon der Familienpreisgewinner (Entwurf: Betti Bensch, Anna Aegerter, Mitarbeiterin Saskia Aegerter). Der Bau, eine partytaugliche Hab-Spaß-Architektur in Gestalt einer Mehrstocktorte mit „Roof-Tort-Bar“, das Interieur geschickt gespickt mit vielen, vielen bunten Smarties. Die insgesamt 21 Einreichungen sind im Mainzer Baukulturzentrum artgerecht auf Egon-Eiermann-Tischen ausgebreitet. Darunter ist auch das Lebkuchenmodell des noch zu bauenden neuen Mainzer Gutenbergmuseums mit dem dominanten, formschön gefalteten Dach – von den Real-Architekten des Stuttgarter Büros h4a selbst gebacken. Dafür gab es einen ad hoc eingeführten Vermittlungspreis.
Gewonnen in der Erwachsenen-Hauptkategorie hat ein stilisiertes Rheinland-Relief (von Eline, Isabell und Wolfram Denecke, Mainz-Kostheim) mit erhabener Wichtigarchitektur wie der Trierer Porta Nigra und – selbstredend – dem Fritz-Walter-Stadion. Ein eher rationalistischer Ansatz. Traumschön kontrastiert etwa von der Zuckerbäcker-„Karamellstadt 75“ von Artur Younes und Natalia Beladis, den Publikumspreisträgern und Gewinnern der 3. Auszeichnung. Hell leuchten die Fenster der zuckrig ornamentierten Häuser der Modellstadt. Süßschnee liegt auf den Dächern. Vor der Tür fährt Jim-Knopf-mäßig die RB75 in Richtung Welt.
„Als Typus-Substrat enthält die Karamellstadt mit Wohnnutzung, Handelsplatz, Gastronomie viele typische Merkmale europäischer Klein- und Mittelstadtzentren“, urteilt die Jury so augenzwinkernd ernst, als würde – nach zehn Jahren Bauzeit mit explodierenden Lebkuchenpreisen – tatsächlich jemand einziehen. Andererseits, warum nicht? Mit etwas Fantasie.
Info
Die Beiträge des Lebkuchen-Bau-Wettbewerbs sind noch kurze Zeit im Zentrum für Baukultur in Mainz, Rheinstraße 55, ausgestellt www.zentrumbaukultur.de. Dort läuft auch die herrliche Architekten-Satire-Trilogie „TRiDominoMulti “ (Video ohne Bauwerk) von RedNose Architects aus Hamburg.