Mannheim
Volltreffer ins Herz: Die Deutsche Radio Philharmonie im Rosengarten
Geht es nach SWR-Intendant Kai Gniffke, wird es solche Konzerterlebnisse künftig nicht mehr geben. Der Patriarch aus der Stuttgarter SWR-Zentrale möchte ja – wie mehrfach berichtet – aus der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern ein Kammerorchester machen. Der Saarländische Rundfunk, der, obwohl der kleinere Sender, mehr als der große SWR zum Erhalt dieses wunderbaren Orchesters beiträgt, will dies nach eigenem Bekunden zwar nicht. So richtig zur Wehr zu setzen, getraut er sich aber offensichtlich auch nicht. Hat man in Saarbrücken vielleicht Angst davor, dass nicht nur ein Sinfonieorchester verschwinden könnte, sondern vielleicht gleich ein ganzer Sender – sollte man sich unbotmäßig zeigen?
Das sind nur einige Fragen, die einem so durch den Kopf gehen, wenn man im leider nicht sonderlich gut besuchten Mannheimer Rosengarten sitzt und der Radio Philharmonie zuhört. Die wichtigste allerdings ist: Wo ist eigentlich Kai Gniffke? Weiß der Mann überhaupt, was er da zerstört, wenn er seinen Willen bekommt? Oder ist er schon musikalisch ausgelastet, wenn er den deutschen Beitrag zum ESC am nächsten Wochenende erkennt, wo er doch so stolz darauf ist, dass sein Sender dieses Mega-Ereignis erstmals übertragen wird. Und wer braucht auch schon Ferruccio Busoni, Alban Berg oder Johannes Brahms, wenn er Sarah Engels hat?
Ein mutiges Programm
Es ist ein mutiges Programm, welches das Orchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Josep Pons in Mannheim präsentiert: Denn neben der populären vierten Sinfonie von Brahms gibt es eben auch Busonis Tondichtung „Berceuse élégiaque“, die den Untertitel „Des Mannes Wiegenlied am Sarge einer Mutter“ trägt, und Bergs Violinkonzert. Auch dieses Konzert hat ein Motto (und einen tragischen Hintergrund): „Dem Andenken eines Engels“.
Das ist keine leichte Kost, zumal dann nicht, wenn Bergs Konzert wie am Samstag so intensiv, so berührend, so – trotz aller Atonalität der Zwölftontechnik – ins Herz schießend gespielt wird wie von Arabella Steinbacher. Doch dazu später. Hätte man jedenfalls die Chance gehabt, Kai Gniffke in der Pause zu treffen, hätte man wenigstens mal nachfragen können, ob er Versionen dieser Werke für Kammerorchester kenne. Gibt es natürlich nicht. Kümmert aber halt eben auch niemanden beim SWR, wo man mit Orchestervernichtung schon viel Erfahrungen gesammelt hat und deshalb auch in dieser Frage völlig schmerzfrei ist.
Kein Trost, nirgends
Nun aber wirklich zum Konzert. Josep Pons führt mit viel Übersicht durch das tieftraurige, in einem leisen Klageton gehaltene Werk von Busoni. Womit er zugleich auch die richtige emotionalen Knöpfe in uns für das Berg-Violinkonzert drückt. Was für ein epochales Werk moderner Musik! Wer glaubt, das Zwölftonmusik eine reine Kopfsache sei, der muss Berg hören, seine Opern „Woyzeck“ und „Lulu“ ebenso wie vor allem dieses Violinkonzert. Das ist zutiefst berührend, mehr noch. Es ist aufwühlend, aber eben vor allem deshalb, weil sowohl Arabella Steinbacher als auch Josep Pons am Pult der Radio Philharmonie die tragische Geschichte, die diesem Konzert eingeschrieben ist, fast schon körperlich spürbar machen. Es geht um die mit Berg eng befreundete junge Tochter von Alma Mahler aus ihrer Ehe mit Walter Gropius: Manon ist der Engel, dem dieses Konzert gewidmet ist. Sie lernen wir kennen. Und um sie trauern wir im zweiten Satz. Es kommt zur grausamen Tragödie, und Pons entfesselt die Kräfte des Orchesters. Nur um dann innezuhalten. Einen atemraubender Moment der Musikgeschichte. Es erklingt der Bach-Choral „Es ist genug“. Kein Trost, nirgends.
Aufatmen nach all dem Dunkel
Vielleicht doch. Bei Brahms. Zweite Konzerthälfte. Aufatmen nach all dem Dunkel, wenngleich auch in der Vierten nicht überall Licht ist. Aber da ist der Wille zur Gestaltung. Ist Energie. Und schließlich vielleicht sogar Triumph. Und das alles aus einem Motiv heraus entwickelt, das man eigentlich gar nicht als Thema bezeichnen kann. Brahms war das egal. Und Josep Pons sorgt zusammen mit dem Orchester dafür, dass die Energie dieses Werkes von den ersten Tönen an spürbar ist. Ja, es ist ein Ringen, ein Kämpfen, dem wir da zuhören dürfen. Und zwar auch noch in seiner vierten und letzten Sinfonie ein Ringen des Komponisten Brahms um Form und Aussage seiner Sinfonie. Was auch sollte nach Beethoven noch gesagt werden?
Nun, wir lernen: Sehr viel! Pons greift auch tief rein in die emotionale Farbpalette spätromantischer Sinfonik. Er reißt uns mit. Sorgt aber eben auch dafür, dass wir nie die Kontrolle verlieren. Denn die Struktur der Musik bleibt stets transparent. Man hört nicht nur Töne, sondern man erkennt mit den Ohren auch die Form. Den Weg eben, den Brahms beschreiten musste und beschritten hat, um nach Beethoven noch eine Sinfonie komponieren zu können.