Mythos Alltag
Volkswagen schafft die Handschaltung ab, was hat das zu bedeuten?
Volkswagen hat das Ende des Abendlandes angekündigt. Nicht ganz halt. Aber nach der konzerneigenen Currywurst in der Kantine will das Unternehmen jetzt auch das Schaltgetriebe abschaffen. Noch so eine Insignie einer verblassenden, handfest händisch gelebten Gegenwart. Bis 2030 gilt das für alle Modelle, ab 2023 für Passat und Tiguan. VW, Hallo, der Mainstream-Automobilproduzent?! Der/Die sich in die Defensive gedrängte Kern-Konservative (Wahlkampf-Modell Laschet) müsste angesichts der „Neuerung“ eigentlich hochtourig im Leerlauf drehen. Wahlweise Automatikstellung: D. Tatsächlich aber kann es sehr gut sein, dass de facto auch geistig-moralische Handschalter längst umgestiegen sind auf die Getriebeart, bei der in Permanenz Freiheitsrechte für beide Hände bestehen.
Frau kuppelt sanft-souverän
Während auf den Straßen unter den Autos noch immer fast 72 Prozent Schaltwagen unterwegs sind, haben sich schleichend die Vorlieben verschoben. Ob nur zufällig parallel zum Bedeutungsverlust der zu 20-Prozent-plus-X-geschrumpften Volksparteien, wissen vielleicht Soziologen. Aber Vorsicht:
Kaum ein Phänomen leidet dermaßen an Fehlannahmen wie der Getriebe-Handbetrieb. Hieß es nicht einmal: Automatik? Was für Frauen! Feixend stand Mann noch vor Kurzem in seinem toxischen Unterbewusstsein am Steilanstieg der Parkhausausfahrt auf der Bremse, vorsorglich im Rückwärtsgang, die Autobetreiberin im Geiste vor einem war zum Halten geraten. In realiter aber fuhr die Vorderfrau im Falle des Falls sanft-souverän kuppelnd an, während dahinter hektische Rührbewegungen einzusetzen begannen.
Kein Wunder eigentlich, wie die Statistiken stabil ausweisen, ist der Anteil der Frauen, die beim Autoneukauf ein Automatikgetriebe wählen, fünfmal geringer. Und nicht, weil sie so mutig sind, mutmaßlich. Auch eine Intensivbefragung meiner Kollegin ergab: Sie findet Nichtschaltgetriebe, Zitat, „ganz schlimm“, „gefährlich geradezu“ wegen durch die geringere Konzentration verursachte höhere Unfallgefallgefahr, wie sie sagt. Auch fahre, wer automatisch unterwegs ist, automatisch schneller, auch so eine These, die dem Klischee vom sportlicheren Naturell des Selbstschalters widerspricht.
Die Sache mit dem Zwischengas
Eine Verweiblichung der Gesellschaft jedenfalls kann es also schon mal nicht sein, warum laut Automobil Treuhand eine Mehrheit (56 Prozent) der Neuwagen inzwischen mit Automatikgetriebe ausgeliefert wird. Eher eine Anpassungsleistung, die mit Alltagsgewohnheiten zu tun hat. Unter den an Fürsorge gewöhnten 25- bis 34-Jährigen geben so nur noch 33 Prozent an, dass sie lieber selbst Hand anlegen. Der höchste Anteil derjenigen, die ein selbstverschuldetes Abwürgen ihres Fortkommens riskieren, findet sich unter analog groß gewordenen 45- bis 54-Jährigen. Die Älteren, vielleicht noch mit Erinnerung an bis ins Jahr 1964 übliche, unsynchronisierte Schaltgetriebe, die Zwischengas erforderten, schätzen die Hand- und Linksfuß-Entlastung des Automatikgetriebes dann schon wieder mehr.
Das Leben in der Hand
Zudem spricht der Nachfrage-Angebots-Zusammenhang eine eindeutige Sprache. Von 5838 vorhanden Modellen, hat der Marktanalyst Jato ausgerechnet, sind jetzt schon lediglich 1870 mit Handschaltung verfügbar. E-Autos haben zurzeit alle Automatik. Und wenn es irgendwann vielleicht doch noch selbstfahrende Autos geben sollte, wird die Praxis, der Fuß drückt im richtigen Moment (7000 Touren) die Kupplung, die rechte Hand bringt den Schalthebel in Position, endgültig wie eine ferne Erinnerung erscheinen. Ähnlich dem Einziehen des Papiers in die Schreibmaschine, oder dem Anzeigen des Spurwechsels mit einem mechanischen Klappblinker. Wozu ein Handschaltgetriebe wirklich gut ist, lässt sich ja mittlerweile nur schwer erschließen. Wo doch gleichzeitig Stabilitätsprogramme, Antiblockiersysteme, Spurhalter, die Traktionskontrolle, Einparkhilfe, Klimaanlage, Sitzheizung freudig akzeptiert werden. Wo doch viele Autos mit Automatik inzwischen mehrere Schalt-Varianten von umweltfreundlich, über normal bis sportiv vorhalten und im Durchschnitt sparsamer sind. Und so viel mehr kosten sie auch nicht.
Bleibt höchstens das Gefühl, mit dem Schaltknüppel auch sein Leben in der Hand zu behalten. Das Schalten, ein letzter Rest Kontrolle in der durchelektronisierten Welt, eine leise Spur noch der Nichtentfremdung von den Dingen, ein bisschen, Achtung Wortspiel, Nichtentkupplung vom Sinnlichen (phallischer Schalthebel) und eine kleine Auszeit aus der klinischen still rasenden Hochgeschwindigkeitswelt. Liebe romantische Schaltfans, ihr müsst jetzt ganz stark sein. Oder euch ein Lastenfahrrad kaufen. Mit sieben Gängen.