Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Völlig losgelöst: Gespräch mit der Analog-Astronautin Annika Mehlis

Annika Mehlis nach einem erfolreichen simulierten Einsatz.
Annika Mehlis nach einem erfolreichen simulierten Einsatz.

Was es braucht, um im Weltall bei künftigen Weltraum-Missionen zu bestehen, testet die 44-jährige Anika Mehlis in der Wüste Israels und den Bergen Armeniens.

Wie kamen Sie als dreifache Mutter und leitende Angestellte im kommunalen Gesundheitsamt dazu, sich beim Österreichischen Weltraum Forum als Analog-Astronautin zu bewerben?
Das war 2018 in einer Phase, als ich zwar gut beschäftigt war, aber nach Wachstum und Neuem suchte. In der Tageszeitung fand ich eine Annonce des Österreichischen Weltraum Forums und recherchierte, was eine Analog-Astronautin macht. Sofort war ich Feuer und Flamme und bewarb mich, ohne mir große Hoffnungen auf Erfolg zu machen. Umso schöner, dass es tatsächlich klappte und sich für mich eine neue Welt öffnete.

Dabei ist die Tätigkeit als Analog-Astronautin ehrenamtlich…
Richtig, das Österreichische Weltraum Forum ist ein eingetragener Verein, nur Reisekosten und Unterkunft werden erstattet. Statt monetärer Aspekte sind Erlebnisse und Kontakte attraktiv. Analog-Astronautin ist kein bezahlter Job, sondern eine freiwillige Tätigkeit, die weit über den Hobby-Charakter hinausgeht.

Was genau macht eine Analog-Astronautin?
Der Begriff ist in Analogie zu dem zu sehen, was Astronaut:innen im All tun. Unter kontrollierten Bedingungen auf der Erde werden Technologien, Arbeitsabläufe und Teaminteraktionen getestet und Weltraummissionen simuliert. Fehlerquellen sollen schnell und frühzeitig aufgespürt und ausgeschlossen werden. Analog-Astronauten tragen dazu bei, im Team die perfekten Voraussetzungen und Reaktionsoptionen für den Einsatz im All zu entwickeln. Damit es nicht heißt: „Houston, wir haben ein Problem!“

Gesteinsproben nehmen, Pflanzen züchten und erforschen, auf engstem Raum mit Menschen im marsähnlichen Habitat zusammenleben – was haben Sie bei Ihren ersten beiden Feldmissionen physisch, psychisch und menschlich erlebt?
Körperlich war die Arbeit mit den Raumanzug-Simulatoren mit Helm und Atemgerät am anstrengendsten. Im Habitat lebt man völlig isoliert, man darf nur im 52 Kilo schweren Raumanzug-Simulator nach draußen gehen. Selbst wenn man trainiert ist, schlaucht es, mehrere Stunden in der Wüste zu arbeiten. Es ist heiß, man schwitzt, man bekommt Muskelkater und Druckstellen. Aufgrund der Extrembedingungen kann man nur für wenige Stunden draußen bleiben, um Proben zu nehmen, mit Technologien zu interagieren und Roboter zu benutzen. Das Leben in der Isolation und nur mit wenig Wasser zu duschen machte mir dagegen weniger aus. Bei einem längeren Zeitraum wäre das sicherlich extremer.

Wie gingen Sie mit dem psychischen Druck um?
Es war spannend, sich selbst dabei zu beobachten, wie man trotz wenig Schlaf mit Verantwortung und Stresssituationen umgeht. Als Team waren wir gezielt ausgewählt worden, gut vorbereitet und kannten uns gut. Im Feldversuch wurde beispielsweise die zeitverzögerte Kommunikation mit der Erde simuliert, es gab nur Chats und E-Mails mit Videobotschaften. Ansonsten war man abgeschnitten vom restlichen Leben. Aber bei nonverbaler Kommunikation fehlen kleine Gesten oder das menschliche Miteinander. War das witzig gemeint? Ist man sauer auf uns? Es entwickelt sich ein Wir-gegen-die-anderen-Gefühl. Der menschliche Faktor ist bei Missionen entscheidend. Man versucht, das Fehlen von direkter Kommunikation zu kompensieren, um für Missionen, die viele Jahre von der Erde weg sein werden, optimale Bedingungen zu schaffen und potentielle Problemquellen zu minimieren. Technik lässt sich gut und sicher gestalten, aber wie die menschliche Psyche reagiert, bleibt trotz aller Tests und Vorbereitungen ein unkalkulierbares Risiko.

Statt im Weltraum testen Sie in der Wüste Israels oder in den Bergen Armeniens unter Extrembedingungen bemannte Expeditionen ins All. Wie lauft ein solches Testszenario ab?
Für jede Mission gibt es einen Plan, wer wann welches Experiment durchführt. Wenn man für einen Außeneinsatz eingeteilt ist, dauert es zwei bis drei Stunden, um den Raumanzug anzulegen. Dann geht es nach draußen, beispielsweise um Gesteinsproben zu nehmen. Wenn ein simulierter oder echter Notruf eintritt, muss man sofort reagieren. Man ist ständig mit der Erdstation per Chat im Austausch. Nach mehreren Stunden kehrt man zurück ins Habitat, wo der Anzug abgelegt wird. Testergebnisse werden dokumentiert und Fragebögen ausgefüllt. Darüber hinaus wartet der Haushalt im Habitat, man repariert Sachen und bereitet die Einsätze für den nächsten Tag vor. Auch im Habitat werden parallele Experimente durchgeführt. Manchmal passiert etwas Unvorhergesehenes, medizinische Notfälle und Abläufe werden trainiert, bis jeder Handgriff sitzt. Alle Daten werden an Wissenschaftler übergeben, um die Ergebnisse für alle großen Weltraumorganisationen transparent zu machen. Das heißt: Analog-Astronaut:innen liefern kleine Puzzleteile, die für die Entwicklung zukünftiger Weltraummissionen wichtig sind.

Was waren die größten Highlights Ihrer beiden bisherigen Expeditionen?
Bei der ersten Mission war es überwältigend, als ich erstmals mit dem Raumanzug-Simulator nach draußen ging. Mitten im Ramon-Krater in der Wüste Negev, dessen rote Wüstenlandschaft der Marslandschaft ähnelt. Als ich im Anzug diese karge Landschaft sah, ohne menschliche Spuren, konnte ich mich gut in das Gefühl hineinversetzen, wie es sein könnte, wenn Menschen einen Fuß auf den Mars setzen. Ein absoluter Gänsehautmoment. Bei der zweiten Mission in Armenien gab es ein schweres Unwetter, das Habitat war überschwemmt und ich musste als Kommandantin entscheiden, dass wir evakuieren. Bei beiden Missionen zeigte sich, wie wichtig der menschliche Faktor ist. Teamwork ist entscheidend, jeder Mensch trägt seinen Teil zum Erfolg bei. Jeder hat einen anderen Blickwinkel und andere Fähigkeiten, die in der Summe eine Mission erfolgreich machen. Es ist ein Gewinn, diesen Teamspirit mitzuerleben und in sein eigenes familiäres und berufliches Leben zu integrieren.

Im Buch schildern Sie auch seelische Tiefpunkte und psychische Belastungen während der Missionen – dachten Sie nie ans Aussteigen?
Nein, ans Aussteigen dachte ich keine Sekunde. Ich wusste vorher, dass ich Extremerfahrungen machen würde – und ein Teil von mir stand neben mir und fand es spannend. Zum einen war es herausfordernd, dass die Familie zu Hause ist und das Leben ohne mich weitergeht. Beispielsweise hatte meine jüngste Tochter während der ersten Mission Geburtstag, was an diesem Tag bitter für mich war. Zum anderen schlaucht es, wenn die Einsätze anstrengend sind und man übermüdet ist. Da vergießt man auch Tränen. Zum Glück halfen das Team und die eigene Resilienz. Tatsächlich am schwierigsten für mich war der Transfer zurück ins Leben. Als die Mission vorbei und ich wieder zu Hause war, herrschte wieder Alltag. Es fühlte sich so an, als sei man von einer Krankheit genesen. Der Übergang von einer Lebensrealität in die andere war schwierig, vor allem nach der ersten Mission.

Was vermisst man in der Isolation eines Habitats am meisten?
Dank der kollektiven Corona-Erfahrung weiß jeder, wie es sich anfühlt, einige Wochen festzusitzen und auf Dinge verzichten zu müssen. Manchmal vermisst man Sachen, von denen man es nicht gedacht hätte. Ich selbst merkte es in dem Moment, als sich nach vier Wochen wieder die Tür des Habitats öffnete und ich nach draußen ging. Wie sehr hatte ich es vermisst, Sonne und Wind auf der Haut zu spüren und mich frei bewegen zu können. Damit hatte ich nicht gerechnet, während mir klar war, dass ich meine geliebten Menschen vermissen werde.

Was war es für ein Gefühl, nach einer einmonatigen Mission zu Ehemann, Lebenspartner und Töchtern zurückzukehren – sind Trennungsschmerz und Sehnsucht in einer polyamoren Beziehung, in der Sie leben, noch größer?
Ich glaube, Gefühle sind unabhängig von der Beziehungsform, in der man lebt. Es ist egal, ob man einen oder acht Menschen vermisst. Mir half es, zu wissen, dass alle zu Hause sind und sich gegenseitig unterstützen. Natürlich ging es mir nah, dass meine jüngste Tochter ohne mich ihren Geburtstag feiern musste. Gleichzeitig war ich während der Mission so eingespannt und beschäftigt, dass ich nur abends Sehnsucht nach den Partnern und Kindern hatte. Es ist leichter, wenn die Mission von vornherein auf einen Monat begrenzt ist. Als junges Mädchen war ich ein Jahr lang im Ausland – das war emotional eine andere Dimension. Jeder geht anders mit Heimweh um. Für mich ist es gut zu wissen, dass ich vier Wochen von der Familie getrennt sein kann, ohne zu leiden.

Im Reisebericht „Wo die Zukunft die Raumfahrt beginnt“ schildern Sie den Alltag einer Analog-Astronautin mit Trainings, Tests, Operationen und täglichen Befragungen – wie fanden Sie noch Zeit, Notizen fürs Buch zu machen?
Während der Missionen habe ich jeden Abend, teilweise erst um Mitternacht, nach Hause gemailt. Dabei schilderte ich, was ich am Tag gemacht und welche Eindrücke ich gesammelt hatte. Das war eine gute Basis für das Buch. Eine weitere Quelle waren zahlreiche Missionsberichte. Darüber hinaus gab es zwischen den Missionen Phasen, in denen ich Luft hatte. Natürlich habe ich meine normalen Berufe als systemische Beraterin, Heilpraktikerin und Podcasterin, aber für das Buch habe ich das Pensum etwas zurückgefahren.

Eine Landung von Menschen auf dem Mars könnte 2039 Realität werden. Ist es Ihr Traum, selbst zum Mars oder einem anderen Planeten zu fliegen?
Zum Glück ist diese Frage nur hypothetisch, da die Technologie noch nicht reif ist. Wenn es in 15 oder 20 Jahren so weit sein sollte, fragen Sie mich gerne noch einmal (lacht). Wenn ich mich auf den Mars beamen könnte, wäre ich sofort dabei. Als Biologin und Analog-Astronautin wäre es ein Traum, dabei sein zu dürfen, wenn Menschheitsgeschichte geschrieben wird. Abschreckend ist, dass eine Marsmissionen ungefähr zwei Jahre lang dauert. Stand heute wäre ich nicht bereit, morgen zum Mars aufzubrechen – dafür mag ich mein Leben zu sehr. Wenn es in 20 Jahren tatsächlich so weit sein sollte, werde ich wohl vor dem Bildschirm sitzen und zusehen, wie der erste Mensch den Mars betritt. Es wird ein großartiges Gefühl sein, zu wissen, dass vielleicht ein Teil vom Raumanzug von unserer Mission mitentwickelt wurde oder ich verstehe, warum ein bestimmter Arbeitsablauf so gemacht wird. Natürlich würde ich jederzeit für einen Forschungsaufenthalt auf die Internationale Raumstation oder ins All fliegen – vielleicht findet sich ja ein Milliardär, der das finanziert (lacht).

Annika Mehlis.
Annika Mehlis.

Zur Person

Anika Mehlis, Jahrgang 1981, ist Biologin, Umweltingenieurin und promovierte Gesundheitswissenschaftlerin. 2018 wurde sie vom Österreichischen Weltraum Forum als Analog-Astronautin ausgewählt und ausgebildet. Sie nahm 2021 und 2024 an simulierten Mars-Missionen in der Negev-Wüste in Israel sowie in Armenien teil, 2025 leitete sie als Director of Operations das Kontrollzentrum in Wien bei der „World’s Biggest Analog“. Mehlis lebt gemeinsam mit Ehemann, Partner und sechs Töchtern in Sachsen in einer polyamoren Beziehung. Sie arbeitet als systemische Beraterin, Therapeutin und Dozentin. In ihrem ersten Buch „Wo die Zukunft der Raumfahrt beginnt“ (Knesebeck, 2025, 304 Seiten, 22 Euro) schildert sie ihre Erlebnisse als Analog-Astronautin.

Mehlis im Einsatz.
Mehlis im Einsatz.
x