Pirmasens
Völlig Dada? Der Aktivist Gilbert Kallenborn fordert, den Ball-Preis abzuschaffen
Er nennt sich selbst „Kampfjude“. Gilbert Kallenborn aus Dillingen (Saar) war früher Energieanlagenbauer. Jetzt ist der 68-jährige Rentner – und „antifaschistischer Aktivist“ in Vollzeit, 24/7. Seinen einsamen Kampf gegen das Schlechte in der Welt führt er schon seit 30 Jahren. Als Don Quijote, der statt gegen Windmühlen mit Paragrafen kämpft. Fast täglich gehen Schreiben raus und Mails, Petitionen, Eingaben, Widersprüche gegen Behörden, Klagen. Immer mit der identischen Aufforderung.
„Ich bitte um Eingangsbestätigung“, heißt es dann, wenn der juristische Autodidakt über noch eine seiner Einreichungen informiert. Gegen Kruzifixe in Gerichten, ein AfD-Plakat, dagegen, dass Facebook eine Putin-Collage von ihm gelöscht hat. Oder dafür, dass Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht nach dem Anschlag von 2019 wegen mangelnden Schutzes der Synagoge in Halle verurteilt wird.
Bei den Linken raus, im Fall Kollegah erfolgreich
Oft klagt er vergebens, wie gegen seinen Ausschluss aus der Partei der Linken. Manchmal gewinnt er, wie damals, als er vor dem Landgericht Saarbrücken erwirkt hat, dass die Veranstalter eines Konzerts von Kollegah einschreiten müssen, falls der Rapper die unwürdige Liedzeile „Mein Körper ist definierter als von Auschwitz-Insassen“ zum Besten geben will.
Vor Gericht vertritt Kallenborn sich in der Regel selbst. Expertise in Sachen Justiz hat er. Mit 18 stand er wegen eines mit Kumpels verübten Banküberfalls vor dem Kadi. Die Beute sollte als Kapital für eine Kommune in Kanada dienen. Kallenborn kam lediglich für viereinhalb Jahre in den Knast.
Im Knast und im Kibbuz
Fünf Jahre hat der hagere Saarländer in Israel in einem Kibbuz gelebt. Vorher ist er zum Judentum übergetreten. Einen „deutschen Juden“, so nennt er sich. Er trägt sein Haar immer noch mit Zopf gebunden. In der Leipziger Volkszeitung ist er zuletzt zum „Nachgeborenen von Holocaustüberlebenden“ erklärt worden. Wenn man es so will, hat es Kallenborn weit gebracht.
Der „Spiegel“ hat ihn porträtiert, als kauzigen Wurzeldemokraten, der sich im Straßennamenkampf befindet. Wo er auftritt, macht er gewisse Furore, zuletzt unter anderem mit der Klage gegen ukrainische Schüler, die in Leipzig-Meuselwitz den Arm zum Hitlergruß reckten und von der Schule flogen.
In der Pfalz weltberühmt
In der Pfalz ist er wegen seines Einsatzes gegen die „Nazi-Glocke“ von Herxheim am Berg weltberühmt. Aufschrift: „Alles fürs Vaterland – Adolf Hitler“. Gegen die Entscheidung des Gemeinderates, die Glocke hängen zu lassen, ging Kallenborn einmal mehr vor Gericht. Er nannte sie mit der Bitte um Eingangsbestätigung „eine Verspottung und Verhöhnung der Opfer des Hitlerregimes und des Holocausts“. Die Prozesse vor dem Verwaltungsgericht Neustadt und dem Oberverwaltungsgericht in Koblenz verlor er. Auch seine Klage auf Unterlassung gegen den Bürgermeister Georg Welker (parteilos) blieb erfolglos.
Dass die Glocke, ein „Anstoß zur Versöhnung“ und „Mahnmal gegen Gewalt und Unrecht“ sei, darf Welker weiter behaupten. Der Satz, „ich höre die Opfer, das waren deutsche Bürger, nicht nur die jüdischen“, dagegen, geäußert in der Fernsehsendung „Kontraste“ wurde ihm mit der Androhung eines Ordnungsgelds in Höhe von 250.000 Euro vom Amtsgericht Bad Dürkheim untersagt. Auf Antrag von Kallenborn selbstredend. Sein Argument. Welker würde zwischen deutschen und jüdischen Bürgern „selektieren“.
Petition gegen den Ball-Preis
Allerdings musste der Aktivist – ungewöhnlich – trotz seines Siegs die Gerichtskosten zahlen, wegen des ausgebliebenen Versuchs, die Sache außergerichtlich zu lösen. Sein neuer pfälzischer Fall hat ihn bisher nur die Ressource Zeit gekostet, die er sich gerne nimmt. Dafür sind die Aussichten auf Erfolg auch allein schon aufgrund der Zuständigkeiten – sehr bescheiden.
Kallenborn hat eine Petition „zur vollständigen Abschaffung des Hugo-Ball-Preises in RLP wegen antisemitischen und rassistischen Elementen in seinem Werk“ an den Petitionsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags geschickt. „Sehr geehrter Herr Kallenborn, hiermit bestätige ich Ihnen den Eingang dieser Mail“, antwortet ihm am 7. Januar Laura Scheide, die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro von Josef Winkler ist. Der Landeschef der Grünen sitzt in dem Gremium, das sich mit den Bürgereingaben beschäftigt und im weitreichendsten Fall Regierungsmitglieder einbestellt.
Petition, das Wort stammt aus dem Lateinischen, petere, und heißt so viel wie „bitten“ oder „ersuchen“. Es kann auch petohostem bedeuten, „ich greife den Feind an“. Kallenborn fordert in seiner Petition in Verkennung einiger Tatsachen den Hugo-Ball-Preis „nicht nur temporär abzusagen“, sondern „insgesamt vollständig abzuschaffen“.
Aufschlussreiche Fehlinterpretationen
Hintergrund ist, dass die den Preis vergebende Stadt Pirmasens die am 5. März geplante Verleihung an die international behymnete Künstlerin Hito Steyerl abgesagt hat. Auf ihre Anregung hin – und wegen antisemitischer Stellen und Aussagen, die der Weltkunststar im Werk des Pirmasenser Moderne-Erfinders Hugo Ball entdeckt hat. Der Fachwelt zumindest sind sie schon lange bekannt. Auch hat der Dada-Gründer sie später abgeschwächt, oder mit Bedauern zurückgenommen, was am kommenden Montag von einem hochkarätig besetzten Podium diskutiert wird. Die Frage, ob Ball ein Antisemit war und vielleicht sogar als Namensgeber eines Preises ungeeignet ist. Ergebnis, offen. Derweil ist für den selbsternannten „Kampfjuden“ Kallenborn das Urteil schon gefällt.
„Steyerl“, heißt es in seiner Petition, „hat sich gegen die Verleihung des Hugo-Ball-Preises ausgesprochen, weil dessen Werk antisemitische und rassistische Elemente inne wohnen“. Dass er antisemitisch und rassistisch dabei beides falsch schreibt – „antisemitsch und rassistisch“ – ist geschenkt. Schwieriger sind seine Interpretationen. So lautet seine abschließende Analyse, „besser“ als mit der Absage, könne man „den real bei Hugo Ball vorhandenen Antisemitismus und Rassismus staatlich, politisch und amtlich, wie auch moralisch als real evident bestätigen“. Was wiederum bestätigt, wie schief und schlecht die gut gemeinte städtische Symbolpolitik ankommen kann.