Mythos Alltag
Trolle sind die besseren Menschen: Was wir von den Mumins lernen sollten
Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ hat den niedlichen, wie kleine Nilpferde aussehenden Trollen der finnlandschwedischen Autorin Tove Janssen gerade eine dreiseitige Reportage gewidmet. In München ist aktuell im Literaturhaus eine Ausstellung über die 1914 geborene und 2001 gestorbene Autorin und ihr Fabelreich der Mumins zu sehen. Und Socken, Tassen, Teelichter, Handtücher oder Schreibmäppchen mit Mumin-Figuren darauf sind gerade absolut angesagt. Im Internet kann dann eine Tasse mit dem Motiv „Snow Blizzard“ auch schon einmal schlappe 39 Euro kosten.
Es gibt ja Zeichentrickheldinnen und -helden aus der eigenen Kindheit, die mittlerweile vielleicht nicht völlig vergessen, aber doch zumindest abgetaucht sind. Manchen begegnet man ja dann zusammen mit den eigenen Kindern wieder, zum Beispiel Nils Holgersson. Aber Wickie, Biene Maja und andere Figuren sind nur noch eine ferne Erinnerung, die man vielleicht bei Youtube wiederentdecken und von denen jedoch zumindest die Titelmelodie weiterlebt. Was im Falle von Biene Maja natürlich auch das Verdienst des 2019 verstorbenen Karel Gott ist.
Die Mumins aus dem Mumin-Tal, mit Papa und Mama Mumin, Schnüfel oder auch die kleine My, sind der Fantasie ihrer Autorin entsprungen, als die Welt im tiefsten Dunkel lag, während des Zweiten Weltkriegs, als Finnland sich des Angriffs der Sowjetunion erwehren musste und Hitler-Deutschland die ganze Welt anzündete. Die Trolle waren für Tove Janssen sicherlich auch eine Flucht aus dieser grausamen Realität, waren ein Lichtblick, den sie auch ihren jungen Leserinnen und Lesern spenden wollte.
Da ist natürlich zunächst einmal das niedliche Aussehen dieser Fabelwesen, die ihre Heimat dort haben, wo kein Mensch je einen Fuß hingesetzt hat, weshalb wohl auch Mumin zu Beginn der ersten Folge der Zeichentrickserie feststellen darf: „Das Leben ist wunderbar!“ Die großen Kulleraugen der Mumins, ihre knuddelig-knuffige Gestalt, wirken wie ein Kindchenschema. Man will sie in den Arm nehmen, will mir ihnen kuscheln. Dieses niedliche Aussehen der Comicfiguren ist auch ein Grund dafür, dass die Mumins gerade in Japan besonders viele Fans haben, und zwar weniger unter Kindern als unter Erwachsenen. Diese pilgern regelrecht nach Finnland und machen sich auf Spurensuche nach den Trollen.
Dabei ist das Mumin-Tal durchaus keine Idylle. Es gibt Probleme, auch mit anderen Bewohnern. Auch sind die Trolle durchaus großen Gefahren ausgesetzt, nicht nur in dem dunklen Wald, in dem sie den Vater suchen müssen, sondern auch durch einen Kometen, der ihre ganze Existenz bedroht. Doch man regelt das, vor allem die Mutter ist durch einen unerschütterlichen Optimismus gekennzeichnet. Diese Mutter ist ohnehin die liebenswerteste Person im ganzen Mumin-Universum. Sie trägt zwar meist eine Schürze, ist auch für das Essen im blauen Mumin-Haus zuständig. Aber ein Hausmütterchen ist sie nicht, im Gegenteil. Sie schützt und behütet die Familie, hat aber auch für andere ein offenes Herz. Sie ist, vielleicht gerade weil sie ein Mumin ist, die größte Humanistin im Tal.
Tove Janssen hat in der Lebensgemeinschaft ihrer Trolle, in der Gesellschaft der unterschiedlichsten Charaktere, die in dem Tal leben, eine Art Ideal gezeichnet. So könnte menschliches Zusammenleben eben auch funktionieren. Man nimmt Rücksicht aufeinander, gönnt dem anderen etwas, hilft jenen, die in Not sind und geht auch auf Fremde, auf Andersaussehende, vermeintlich merkwürdige oder vielleicht sogar gefährlich Lebewesen zu. Im Tal sind alle irgendwie gleich, und die Tür zum Mumin-Haus steht jederzeit offen. Jeder, wirklich jeder ist willkommen. Vor allem jene, die in Not sind und Hilfe suchen.
Man erkennt die Parallelen, die manche Mumin-Freunde hier ziehen wollen. Da ist nicht nur die Bedrohung durch eine Welt, die durch den sich nähernden Kometen dem Untergang geweiht ist. Die Mumins stehen für Toleranz und Hilfsbereitschaft, für Werte, die in unserer Gesellschaft so schmerzlich vermisst werden. So fern und so abgeschottet sie auch in ihrem Tal leben, sie sind das, was wir weltoffen nennen. Eine Eigenschaft, die in rechten Kreisen nur Hohngelächter hervorruft. Weltoffenheit ist der Leibhaftige persönlich für alle nationalistischen Parteien dieser Welt.
Der „Spiegel“ macht die Mumins jetzt sogar zum „nordischen Resilienzbotschafter“, womit er den knuffigen kleinen Wesen vielleicht dann doch etwas zu viel zumutet. Das muss diese finnischen Trolle überfordern, deren Wertesystem und Zusammenleben ja nicht zuletzt nur deshalb so gut funktioniert, weil wir Menschen darin gar keine Rolle spielen. Hier ist das Mumintal dann eben doch ein unerreichbarer Sehnsuchtsort, von dem wir aber immerhin träumen können. Und auch ziemlich viel lernen.