Stadtplanung RHEINPFALZ Plus Artikel Stress in der City: Stichworte zur Entwicklung des Urbanen in und nach der Pandemie

Die neue Sicht auf die Stadt: Bleiben wir dauerhaft im Homeoffice, verändern wir das Urbane.
Die neue Sicht auf die Stadt: Bleiben wir dauerhaft im Homeoffice, verändern wir das Urbane.

Die Stadt ist wie wir durch die Pandemie im Ausnahmezustand. Eine Erfahrung zwischen Bedrohung und Utopie. Was heißt das für die Entwicklung des Urbanen? Patrouillieren bald Roboterhunde? Zieht eine Schlosserei in den Feinkostladen? Bleiben alle weg? Ein paar Stichworte dazu, wie es weitergehen könnte.

Digitalisierung/Smart City

Im Paris, London, Berlin des 19. Jahrhunderts wurden Cholera und Tuberkulose besiegt – durch Abstandsregeln unter anderem. Jetzt, in der Pandemie, grassiert die Idee, die Stadt zur abwehrbereiten Smart City durchzudigitalisieren. In Singapur patrouillierte im vergangenen Sommer ein Schäferhund-großer „Robo-Dog“ mit Namen Spot durch die Parks der Stadt und scannte die Umgebung mit Blick auf die Abstandswahrung. Delinquenten, die sich zu nahe kamen, wies der High-Tech-Anstands-Wauwau per Audiobotschaft zurecht. Andernorts wird über die Installation von Überwachungstechnik in – zum Beispiel – Straßenlaternen nachgedacht. Darüber, dass in Fahrstühlen, U-Bahnen, Einkaufszentren en passant Fieber gemessen wird. Dass Abfallkörbe via Bluetooth übermitteln, wer ein toxisches Taschentuch hinterlässt. Leitbild dieses technisch-effizienten Kontrollwahns ist die Stadt als Hygiene-Hochburg. Machbar wäre das. Wünschenswert bei aller Liebe zum Infektionsschutz eher nicht.

Die Stadt der Viertelstunde

Hendrik Petrus Berlage (1856 bis 1934) gilt als Vater der niederländischen Architektur. Schon um 1900 herum erprobte er das Konzept des Dorfes in der Stadt. Ziel: Gemeinschafts- und Geborgenheitsproduktion. In seiner Nachfolge schrieb die kanadisch-amerikanische Autorin Jane Jacobs (1916 bis 2006) ihr Hauptwerk „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ (1961). Es ist ein Manifest für das vitale Stadtquartier, ungeplant, kleinteilig, an der Nachbarschaft orientiert. Inzwischen werden entsprechende Ideen etwa von Stefano Boeri recycelt. Einem italienischen Architekten, der mit begrünten Hochhäusern bekannt geworden ist. Ihm schwebt ein „Archipel von Stadtvierteln“ als Ideal-Planziel vor – statt großer Plätze, zentraler Markthallen und Bahnhöfe. In den niederländischen Städten Utrecht und Groningen ist das teilweise schon Realität. In Frankreich arbeitet der Sorbonne-Professor Carlos Moreno unter der Überschrift „Chrono-Urbanismus“ an vergleichbaren Konzepten, wie sich aus Schlafsiedlungen und Arbeitsghettos wieder Quartiere gestalten lassen, überschaubar und Nutzungs-zusammenhängend. Mit Kitas, Schulen, Läden, Gewerben, kleinen Fabriken. Die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat sie programmatisch aufgegriffen. Mit dem Slogan „la ville du quart d’heure“ (Die Stadt der Viertelstunde) sicherte sie sich ihre Wiederwahl. Gemeint ist eine dezentrale Stadtorganisation, so dass alles, was man zum normalen Alltagsleben braucht, in 15 Minuten mit dem Fahrrad erreichbar ist. Einkaufsoptionen gehören dazu, ärztliche Versorgung, Schule, Arbeit, Freizeit, Sport, Kultur. In Zukunft aber auch temporäre Isolationsräume und mobile Teststationen. Effekt, so wird mehr Bodenhaftung erzeugt, Verwurzelung, mehr Müßiggang, weniger Sehnsuchtshetze, weniger Bewegung. Heißt auch, das Virus hat es schwerer, sich zu verbreiten. Problem: soziale Ungerechtigkeit. Noch wichtiger wird, in welchem Viertel man wohnt. Außerdem verliert die Stadt so auch viel von dem, was sie ausmacht: Diversität, Milieumischung, Überraschungsqualität, Freiraum.

Architektur als Städtebau

„Wohnungsbau muss – wenn wir eine zivilisierte demokratische Gesellschaft bleiben wollen – wieder Städtebau werden“, sagt der Professor für Architekturgeschichte Wolfgang Sonne. Wie das aussieht, zeigt vorbildhaft ein Gemeinschaftswohnprojekt im Riesenformat in Zürich. Die Stadt hat es durch Vergabe des Baugrundstücks ermöglicht. Die „Kalkbreite“ ist eine Stadt in der Stadt: mit Restaurants, Bars, Kino, Kita. Sogar ein Geburtshaus gibt es. Ein kühnes Nutzungskonzept. Kleinteilige Gewerbe- und Geschäftsräume mit Arbeitsplätzen für 200 Personen sind gekoppelt mit 7500 Quadratmetern Wohnfläche für 250 Einwohner und dazu noch 600 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche. Erklärtes Ziel: einen Mikrokosmos aus unterschiedlichen Milieus, Nationalitäten, Altersgruppen, Haushaltskonstellationen zusammenzubringen. Neben Wohnungen mit zwei bis fünf Zimmern für „traditionelle“ Familien gibt es welche mit bis zu 17 Zimmern für Wohngemeinschaften. Dazu Studios für Singles, die als „Cluster“ angeordnet sind, zumietbare Räume, die über die gesamte Anlage verteilt sind. Und ein Superhaushalt von 20 unabhängigen Wohnungen, deren Bewohner sich gemeinsam eine Küche mit Koch teilen können. Wer will hier eigentlich noch weg?

Gerechte Mobilitätswende

Mailand zum Beispiel hat im Corona-Sommer 2020 22 Kilometer neue Fahrradwege gebaut. Die – weil flach – dafür ideale Stadt setzt gerade Maßstäbe nicht nur für Italien. Vom Zentrum Richtung Norden führt jetzt eine „Maxipiste“ für Fahrräder. Auf einem Teilstück sind dafür den Autofahrern zwei Fahrbahnen weggenommen worden – zugunsten von Fahrradfahrer/innen und Fußgänger/innen. Außerdem bleibt so Platz für die Außentische der Gastronomie. An Ampeln warten Fahrradfahrer/innen vorn. Der Staat sponsert die Anschaffung der Vehikel mit 500 Euro. Auch in Frankreich schießt der Staat 50 Euro für die Reparatur von Fahrrädern zu. Paris sponsert den Bau von Stellplätzen. In Hamburg wird über „Protected Bike Lanes“ nachgedacht, mit vor dem Autoverkehr schützenden Pollern. Dass das Fahrradfahren in der Pandemie noch einmal mehr forciert wird, hängt auch damit zusammen, dass sich nur so der aus Ansteckungsangst vermehrte Autoverkehr zurückdrängen lässt. Denn, wer es sich leisten kann, verzichtet jetzt darauf, Busse und Bahnen zu benutzen, die in Normalzeiten als ökologische Hoffnungsträger der Mobilitätswende firmieren – weg vom automobilen Individualverkehr. A la longue aber dürfte sowieso nur ein Verbundsystem aus Individualverkehr, ÖPNV und Angeboten wie E-Rollern und Leihrädern weiter und zu einer neuen Normalität führen. Denn in der Generalabkehr vom Individualverkehr sind Gerechtigkeitsfallen eingebaut. So hat Journalistin Teresa Bücker zuletzt in einem Artikel für die „Süddeutsche Zeitung“ darauf hingewiesen, dass Frauen als immer noch Hauptakteure der Kindererziehung, Hausarbeit und Pflege stärker auf das Auto angewiesen seien als Männer, die aus Bequemlichkeitsgründen zur Arbeit führen. Dito schlecht bezahlte Pflege- und andere systemrelevante Arbeitskräfte, die sich zentrumsnahe Mieten nicht leisten könnten. Dazu kommt, durchschnittlich 42 Prozent der Verkehrswege werden zu Fuß zurückgelegt. Vor allem von älteren Leuten. Notgedrungen auch von ärmeren. Denn die Kosten für den ÖPNV sind in der Vergangenheit um ein Vielfaches gestiegen.

Innovationsfeld Innenstadt

Die Innenstädte müssen gerettet werden. Darüber herrscht große Einigkeit zwischen Einzelhandelsverbänden, Immobilienwirtschaft, Städtetag, Parteien. Nur wie? Und wie schnell? Und so, wie sie nie waren? Die Pandemie hat die Dringlichkeit noch einmal verschärft. Geschäfte, ohnehin durch den Onlinehandel bedroht, gehen pleite, Kaufhäuser schließen, in der Stadt sind statt Kunden Lieferfahrzeuge unterwegs. Die Parkhäuser leer. Die Büros, verwaist. Die Menschen im Homeoffice. Unternehmen denken darüber nach, ihre Büroflächen zu reduzieren. Leerstand expandiert. Möglicherweise fallen die Immobilienpreise. Vielleicht liegt in dem allen eine Chance. Jetzt kommt es auf neue Nutzungskonzepte an. Die Grünen etwa schlagen vor, Ex-Kaufhäuser mit Steuermitteln zu städtischen Produktivorten zu entwickeln und weiter zu veräußern. Eine Idee ist es auch, den Leerstand mit Hybriden aus Gemeinschaftsbüros (Co-Working-Spaces) und Gastronomie zu füllen. Andere wollen Parkhäuser zu Nachbarschaftsprojekten und zur urbanen Spielwiese umfunktionieren, zu öffentlichem Raum. Wie viel Bedarf dafür besteht, wurde während der Pandemie überdeutlich.

Manche meinen, die Öde schaffe einen kreativen Experimentalraum wie damals in dem Teil des wiedervereinigten Ost-Berlins, der jetzt als Berlin-Mitte reüssiert. Andere fürchten, dass statt der Läden, Clubs, Kinos und Kneipen doch wieder nur Starbucks & Co einziehen, die großen Player. Und statt der kleinen Theater bleiben die städtischen Bühnen. „Mieten runter, Menschen rein“, fordert zum Beispiel der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy. In einem auf der Seite des Bunds deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) veröffentlichten Podcast war sich der Funktionär schnell mit BDA-Präsidentin Susanne Wartzeck einig: Was es braucht, sind mehr Begegnungsstätten, weniger Parkplätze, mehr „Stadtverwaldung“, Toiletten. Auch die Rückkehr von nicht nur romantischen Gewerbe wäre unbedingt eine Möglichkeit, die City neu zu beleben. Warum soll nicht eine Schlosserei in den Hinterhof eines Feinkostladens neben einen schallgeschützten Co-Working-Space ziehen. Auf dem Dach des Hauses eine begrünte Partyzone für alle. Allerdings müssten dafür die Bestimmungen neu gedacht werden. Vielleicht genügt es fürs Erste auch, das in den 1970er-Jahren reformierte Städtebaugesetz produktiv anzuwenden.

Stadt und Land im Fluss

Die Pandemie hat das Stadtumland aufgewertet. Als Rückzugsgebiet. Als Homeoffice-Basis, von der aus man seltener ins städtische Büro fährt. Auch in einem Danach könnte das Stadtumland die City entlasten, auch was die Miet- und Immobilienpreise betrifft. Beide könnten profitieren. Voraussetzungen: Eine gute Infrastruktur. Die Verkehrsverbindung muss gut sein, wenn man sie braucht, Funklöcher darf es keine mehr geben. Und einen alten Fehler sollten die Kommunen draußen nicht begehen und einfach neues Bauland ausweisen. Es ist wieder ein anderes Thema, aber die Zersiedlung ginge einfach weiter.

So besser nicht: Stadtplanung in Ludwighafen. Der Berliner Platz sieht seit Jahren so aus.
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Vorbildliches Züricher Stadtquartier Kalkbreite.
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