72. Berlinale
Starke Frauenfilme aus Mexiko, den USA und Deutschland im Bärenrennen
Durch die Bäume rauscht der Wind, ein Arbeiter bekämpft mit einer Sense Wildwuchs, eine Frau beobachtet ihn durch die Scheibe ihres einst mondänen, nun verfallenden Hauses, im Hintergrund bricht stumm Gewalt aus. Die Welt wird unscharf. Das Publikum rätselt, was geschieht. Und wird die folgenden zwei Stunden in dieser geheimnisvollen Welt, die Natalia López Gallardo mit „Robe Of Gems“ entwirft, detektivisch Fährten folgen, ein Puzzle zusammensetzen wollen.
Moralischer Verfall in Mexiko
Zur Wegweiserin wird die Figur einer Polizistin, die sich fragt, ob ihr halbwüchsiger Sohn dunklen Geschäften nachgeht. Die Wahrscheinlichkeit ist groß: In diesem Landstrich im Norden Mexikos ist jeder ein potenzieller Feind, selbst seines Nachbarn. Menschen verschwinden, vor allem Frauen. Kinderspiele werden ernst. „Robe Of Gems“ folgt allerlei Figuren, meist weiblichen, und porträtiert eine Gesellschaft im Zerfall. Isabel, die Hauserbin, fühlt sich Mann und Kindern fremd und sucht nach Sinn. Sie will bei der Suche nach der verschwundenen Schwester ihrer indigenen Hausangestellten Maria helfen, begibt sich aber – bewusst – selbst in Gefahr. Und Maria weiß mehr als gedacht.
Von einer Dorfgemeinschaft, der jeglicher Gemeinschaftsgedanke abhanden gekommen ist, handelt dieser berauschende Debütfilm, der auf wahren Begebenheiten beruht. Die kolumbianisch-mexikanische Regisseurin Natalia López Gallardo lässt bewusst vieles offen, erklärt nicht, sondern arbeitet mit Unschärfen, Spiegelungen, Zeitlupen, Geräuschen, Wasser- und Feuersymbolik. Um ihren Figuren gerecht zu werden, keinen falschen Ton zuzulassen, habe sie auf lange Dialoge verzichtet, sagt die Regisseurin.
Robe Of Gems“ zeigt, welche Kraft gesellschaftlich engagiertes Kino entfalten kann, wenn es nicht auf Didaktik setzt. Natalia Lopez Gallardo ist eine vielversprechende neue Regiestimme, ein Bär wäre hoch verdient.
Blick nach Indonesien
In eine für Westeuropäer weitgehend fremde Welt lässt auch der indonesische Wettbewerbsfilm „Nana“ eintauchen: Kamila Andini blickt zurück auf die sundanesische Gesellschaft der 1960er. Im Mittelpunkt: Nana, die einst vor einer Zwangsehe und politischen Extremisten floh, die ihren Vater köpften. 15 Jahre später scheint sie sich arrangiert zu haben in der neuen Ehe. Sie darf die Geschäfte ihres Mannes mit leiten, doch ist sie in den Augen vieler nicht standesgemäß genug. Als dann die Geliebte ihres Mannes mit einzieht, fällt es ihr immer schwerer, das Gesicht zu wahren.
Die Schrecken des Suhartu-Regimes bilden hier nur einen subtilen Hintergrund, doch sind wohl die Andeutungen schon mutig. „Wir können immer noch nicht offen über diese Zeit sprechen“, sagt Kamila Andini im Pressegespräch über die Massaker von 1965/66.
Frauen, die anderen Frauen helfen
Zurück in die 1960er führt auch der einzige große US-Film im Wettbewerb: „Call Jane“ von Phyllis Nagy mit Sigourney Weaver in einer Paraderolle porträtiert Aktivistinnen, die in Chicago dafür sorgten, dass ungewollt Schwangere an einem sicheren Ort abtreiben können. Zentrale Figur: die Hausfrau Joy, die wegen einer Krankheit selbst abtreiben lassen musste, um nicht zu sterben. Der Film ist zwar konventionell erzählt, berührt aber durch das Thema, beschönigt gerade zu Beginn nichts und lebt von der großartigen Leistung von Elizabeth Banks als sich emanzipierende Joy.
Weibliche Gewalt
Auch das in der Schweiz spielenden Familiendrama „La Ligne“ von Ursula Meier erzählt von einer Befreiung von sich selbst. Ihre Hauptfigur Margaret, eine Musikerin Ende 20, hat ein Gewaltproblem. Sie wird stets höchst aggressiv, wenn sie Ungerechtigkeiten wahrzunehmen scheint. Als sie ihre zwölfjährige Schwester vor dem Spott der Mutter schützen will, kommt es zum Eklat. Ein Kontaktverbot zur Mutter ist die Folge, 100 Meter Abstand muss Margaret fortan zum Haus halten: den Radius markiert die kleine Schwester auf Geheiß der Mutter mit blauer Farbe: auch ein passender Kommentar zur Coronazeit.
Um die Abnabelung dreier Töchter von einer viel zu egoistischen, kühlen Mutter, geht es Meier. Allerdings wirkt der Film doch zu überzeichnet, insbesondere Valeria Bruni Tedeschi in der Bösewichtsrolle überzeugt nicht.
Die Löwenmutter
Eine überaus liebende, engagierte Mutter porträtiert dagegen Andreas Dresen in „Rabye Kurnaz gegen George W. Bush“: Die als Komikerin bekannte Meltem Kaptan verkörpert die Mutter von Murat Kurnaz, der über viereinhalb Jahre in Guantanamo festgehalten wurde. Mit Hilfe eines Menschenrechtsanwalts (Alexander Scheer) hatte sie den Kampf gegen Windmühlen aufgenommen. Kaptan zeichnet sie als pragmatische, laute, gutherzige Frau, die versucht, alles mit Humor zu meistern – Lieblingsspruch: „Geht’s noch!“. Allerdings fehlt es dem Film an Dramaturgie, und Kaptans Spiel dann doch an Variation.
Sophie Rois verzaubert
Ganz zauberhaft, schwungvoll und stimmig romantisch ist dagegen der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag. „A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe“ heißt passend spielerisch dieser kluge Film von Nicolette Krebitz, der von der Annäherung der nicht mehr allzu gefragten Schauspielerin Anna (Sophie Rois) und dem Gymnasiasten Adrian (Milan Herms) erzählt, der bei ihr Sprechunterricht nimmt. Um Geschlechterrollen geht es Krebitz vor allem, um die Frage, warum Frauen stets über ihren Körper und ihre Attraktivität definiert werden. Und darum, warum jungen Männer versprochen wird, ihnen gehöre die Welt.
Sophie Rois, die sonst so angriffslustige Volksbühnen-Größe, verleiht ihrer Anna eine charmante Unberechenbarkeit, auch Udo Kier als ihr verständnisvoller Nachbar, Freund und Vermieter spielt mit und gegen sein Image an. Und Kinodebütant Milan Herms verblüfft mit Vielschichtigkeit. Nicolette Krebitz erzählt eben nicht nur die Geschichte einer schier unmöglichen Liebe mit gut 40 Jahren Altersunterschied, sondern entwirft ein Plädoyer dafür, mit Erwartungen zu brechen. Die zweite Filmhälfte mit einer an die Côte D’Azur führenden Bonnie & Clyde-Note fällt zwar etwas ab gegenüber dem wunderbar erfrischenden Auftakt, dennoch ist „A E I O U“ die bislang beste Regiearbeit von Nicolette Krebitz, die sonst deutlich verkünstelter inszeniert.
Lachen mit Emma Thompson
Ebenfalls um das sonst nicht nur im Kino selten thematisierte Begehren einer Frau über 60 geht es in dem in der Reihe „Special“ gezeigten Film „Good Luck To You, Leo Grande“. Emma Thompson spielt eine pensionierte Lehrerin, die ihren ersten Orgasmus erleben möchte – mit einem Sexarbeiter. Und lernt dabei, sich ihrem Körper zu stellen, wie unvollkommen er auch wirken mag. „Es war meine bisher härteste Rolle“, erzählt Emma Thompson, gekleidet in stolzes Glitzerpink, beim Pressetermin ansteckend überschwänglich. Sie springt auf, scherzt über britische Prüderie, posiert mit Fans, freut sich, „echte Menschen“ als Gegenüber zu haben. Und empfiehlt jedem, die Schlussszene des Films nachzuspielen: sich nackt vor einen Spiegel stellen und genau hinzuschauen, ohne sich zu bewegen.