Corona-Folgen
Spaßmacher im Krisengebiet: Was Bernhard Weller unterwegs in der Kreativszene erlebt hat
Bernhard Weller ist Spaßmacher von Beruf und vor dem Herrn. Der Spitz beim Pfälzer Duo Spitz und Stumpf. Zurzeit allerdings treibt den Neustadter eher der Ernst der Lage um. Weller ist jetzt Lobbyist gewissermaßen. Einer in Wanderschuhen. Vor einiger Zeit jedenfalls hat der erfolgreiche Auftrittskünstler ein Dossier verfasst, einen Erzählband mit informativen Absichten eigentlich. „Bernhard läuft. Ein Weg für die Kultur“ ist der Titel des Werks, das die Gemütslage von seinesgleichen thematisiert. Es gibt Auskunft darüber, wie es Malerinnen, Schauspielerinnen, Songwritern, Feuerakrobatinnen, Comedians, Privattheaterleiterinnen, Lyrikern, Sängern jetzt geht, Sie wissen schon, zum zweiten Mal von einem Lockdown stillgelegt. Es ist eine Art mentaler Reisebericht geworden.
260 Kilometer ist der Nebenerwerbs-Wanderreiseleiter dafür unterwegs gewesen. Zu Fuß, ein Projektstipendium aus dem Landes-Topf „Im Fokus – 6 Punkte für die Kultur“ hat ihn auf den Weg gebracht. 13 Tage lang ist er auf Achse gewesen. Von Wissembourg nach Petersbächel, Schwanheim, Annweiler, Landau, Neustadt, Harxheim, Alzey, Udenheim Hahnheim, Köngernheim, Oppenheim, Nierstein. Von Wellers „Weg für die Kultur“ haben wir gleich am Anfang schon berichtet. Seine letzte Etappe und das Ziel war die Hauptstadt Mainz. Wir wollten von ihm wissen, was dabei herausgekommen ist.
Er wisse gar nicht mehr, sagt er im Rückblick und am Telefon wie es am Ziel aussah. Im Saal in der Mainzer Staatskanzlei, in dem er Malu Dreyer wie von Anfang an beabsichtigt, seine gesammelten Eindrücke übergab. Anscheinend war Weller „fokussiert“ wie ein Fußballer im Kabinengang. Die Ministerpräsidentin höchstselbst saß da, tatsächlich, erzählt er, die eigentliche Adressatin seiner Mission in gewissem Sinn. Er hatte mit einer Assistentin gerechnet.
Dicke Bretter
Auf Abstand zugewandt sei die Ministerin bei der Begegnung gewesen, trotz oder weil gerade Wahlkampf ist, aber immerhin. Eine halbe Stunde hatte Weller Zeit, sein Anliegen vorzubringen. Sein Dossier, das uns vorliegt, ist 60 Seiten lang.
18 Menschen hat er dafür auf seiner Reise befragt, die der momentane Stillstand verbindet, die finanziellen Engstpässe – und die Kunst. Die Frage, wie sie weitermachen sollen? Er hat alles aufgeschrieben und Geschichten im Duktus eines Erlebnisberichts daraus gestrickt. Sehr konzentriert, sagt Weller, habe die Politikerin ihn angehört. Der 19. „Fall“, der sich durch seine Dokumentation paust, ist er selbst.
Von „dicken Brettern“, die im Fall der Kunst in der coronalen Zeit zu „bohren“ seien, habe Dreyer gesprochen, sagt er. Weller derweil hat ihr als Ergebnis seiner Feldforschung ein „bedingungslosen Grundeinkommen“ für die, die Kunst schaffen, vorgeschlagen – vergeblich. Ein Austausch von unterschiedlichen Ausgangspunkten offenbar. Und trotzdem ein Erfolg, wenn man ihm so zuhört.
Allein in Schwanheim
Dreyers schwer realisierbaren Plan ist es, hat er herausgehört, die soloselbstständigen Künstlerinnen und Künstler, wenn irgendwie möglich, in die Arbeitslosenversicherung zu integrieren. Es würde verhindern, dass die Künstlerinnen und Künstler im erneuten Krisenfall gleich aus allen Wolken fallen würden. Er erzählte ihr beim Gespräch, was ihm wichtig war, auch von der „seelischen Pein“, die viele Kreative in der Pandemie erfasst hat, notgedrungen. Und vom Frust, als nicht „systemrelevant“ zu gelten. Oder sowieso außen vor zu sein.
So, wie Harald Beckers, ein in Düsseldorf studierter Künstler, der in Schwanheim ziemlich verlassen vor sich hin arbeitet und existiert. Oder der – wie die Ministerpräsidentin – an Multipler Sklerose erkrankte Künstler Sven Schmalberg aus Hahnheim, der sagt: „Oftmals denke ich, ich mache mir die Mühe umsonst.“
Sie fühlen sich gerade alle sehr allein gelassen, die Kunstschaffenden, deren Ertrag vor allem auch aus Resonanz besteht, Ausstellungen oder Applaus. Stattdessen müssen sie nun vorrangig über Geld reden. Von Leuten wie Hedda Brockmeyer erzählt Weller im gelenkigen Ton. Die Gründerin und Chefin des Neustadter „Theaters in der Kurve“ hat, nachdem der zweite Lockdown verkündet war, ein Leintuch rausgehängt, auf dem stand: „Geschlossen wegen Berufsverbot“. Seither lebt sie statt ihren Theaterenthusiasmus mehr oder weniger ihre „schlechte Laune“ aus. Die Angst, „nach all den Anstrengungen“ wieder „von vorne“ anfangen zu müssen, lässt sie schlecht schlafen. An somatischem Schwindel leidet sie auch. Eine Bekannte, Buchautorin in dem Feld, habe einen entsprechenden Test mit ihr gemacht. „Fühlen Sie sich abgeschnitten von der Welt?“. Hedda Brockmeyer antwortete ohne Umschweife – „Ja!“
Der Musiker Jeremias Holtz, Teil des Singer-Songwriter-Duos Barnickel & Wood sagte ihm, Weller, als sie sich in Neustadt-Hambach trafen, er träume oft, als Seiltänzer vor einem jähen, unüberwindbaren Abgrund zu stehen. Werner Schüssler, Chorleiter, Stimmbildner, Sänger und Gitarrist aus dem rheinhessischen Udenheim, sagte, er sei eigentlich immer frohgemut. Der Lockdown aber sei „der größte Rückschlag in meinem Leben“.
Absturzgefahr
Viele empfinden jetzt so, wie die Schauspielerin Leni Bohrmann aus Lachen-Speyerdorf. Corona habe sie „irgendwie komplett ausgehebelt“, erzählte sie dem Kulturwanderer aufgewühlt. Mit dem Niersteiner Eckard Meier-Wölfe ging Weller durch die Wingerte, als der Künstler zu ihm meinte: „Ich kenne viele, die verzweifelt sind.“
Bernhard Weller erzählt, es sei schon schwierig gewesen, Kolleginnen und Kollegen zu finden, die er besuchen konnte. Die Szene, so sein Eindruck, sei kaum vernetzt. Lauter Einzelkämpfer, die plötzlich ein gemeinsames Interesse verbindet. Manchmal traf er auf Menschen wie den Chef der Bühne „Boulevardtheater Deidesheim“, Boris Stijela, der trotz – zwangsweise – leerem Haus und Spielverbot einen hartleibigen Pragmatismus pflegt. „Wir tun alle so“, sagt Stijeka in dem Dossier, „als wäre alles normal. Du arbeitest in der Krise weiter, sonst stürzt du ab!“ Und: „Wir sind bereit. Wir können jederzeit loslegen.“ Öfter begegneten Weller Kolleginnen und Kollegen mit geballten Fäusten in den Taschen.
„Teile! Streue! Spare!“
„Ich bin wütend auf die Politik“, sagte Weller zum Beispiel der Harxheimer Reinhard Geller, der trotz multiplen Talenten als Maler, Tonmeister und Videokünstler gerade ziemlich leer ausgeht. Den Rest habe ihm das Ausfüllen von Antragsformularen gegeben.
Geller ist auch Vorsitzender des Kunstvereins Donnersbergkreis. Für ein dreiteiliges Street-art-Projekt des Vereins, so seine Geschichte, mussten gleich drei verschiedene Anträge gestellt werden, bei drei verschiedenen Stellen. Nur einer davon ist bewilligt worden. Damit war das ganze Projekt dann tot. „Teile! Streue! Spare!“, nennt er die Methode, mit der das Land – seiner Meinung nach – das Geld zurückhalte. Bei vielen jedenfalls sitzt der Missmut über das kryptische „Antragslatein“, wie Theaterleiterin Hedda Brockmeyer das nennt, tief.
Gerry Jansen, dem das professionelle „Gerry Jansen Theater“ in Alzey gehört, musste mehr als 120 Seiten Papier zusammensuchen und kopieren, um die Grundsicherung für sich, seine Frau und die beiden Kinder zu beantragen. 1450 Euro im Monat. Normalerweise öffnet sein Theater 150 Tage im Jahr. Alle Abstands- und Hygienemaßnahmen hat er nach dem ersten Lockdown eingehalten. Nun fragt er sich, „wie soll das weitergehen“? Null Umsatz, „aber die Miete und die Fixkosten laufen weiter“. Auch Petra Quednau sagte Bernhard Weller, als der sie in Köngernheim besuchte, sie halte die Hilfe, die es gibt, für den fatal berühmten Tropfen auf den heißen Stein. Für einen „Rohrkrepierer“ , ihr Originalton.
In normalen Zeiten jedenfalls ist Quednau als Feuerwerk- und Tanzakrobatin mit ihren aufwendigen Shows gut gebucht. Und nun? Als erstes ging ihr vergangenes Jahr ein Auftrag in China flöten, wo sie bei einer Lichtermesse auftreten sollte. Jetzt probt sie nur, um fit zu bleiben.
Mime in der Nervenklinik
380 Euro im Monat, sagt sie, sollte es als Ausgleich dafür geben, was ihr jetzt gezwungenermaßen alles entgeht. De facto aber, kann sie davon gerade mal „drei Feuerwerkskörper“ kaufen. Petra Quednau hat sich, wie sie Bernhard Weller erzählte, jetzt einen Job gesucht. Als Kinderbetreuerin im Krankenhaus. Es macht ihr Freude, aber der Effekt sei, dass ihr die „Überbrückungshilfe II“ gestrichen worden sei. Es ist verzwickt.
Schauspielerin Leni Bohrmann meint mit süffisantem Unterton, sie habe Glück, ihr Mann habe als Friedhofsgärtner einen festen Job. Petra Würth, Autorin, Coachin, die Frau des Holzkünstlers Erwin Würth aus Petersbächel, hält sich und ihre Familie unter anderem als Trauerrednerin über Wasser. Wie sie, hat Bernhard Weller auf seiner Tour eruiert, suchen jetzt einige, die sonst solo Kunst schaffen, nach bodenständigen Alternativen. Wie der Landauer Musiker Benjamin Penna, der halbtags als Pflegehelfer arbeitet – im Wartestand, bis es weitergeht. Oder Robin Sun, der Freinsheimer Gewinner des Deutschen Pop-Preises, richtet inzwischen, statt vor großem Publikum aufzutreten, mit seiner neu belebten Agentur wieder Regalfluchten in Baumärkten ein. So werkeln alle vor sich hin.
Für einen so naheliegenden wie ungewöhnlichen Job hat sich derweil der Alzeyer Theaterleiter Gerry Jansen entschieden. Vor angehenden Psychiatern der Nervenklinik in Alzey mimt er als Teil des Ausbildungswesen Menschen, die psychisch krank sind. Sarkastisch ausgedrückt, ist dabei die Pandemiesituation endlich einmal ein Vorteil für ihn. „Tiefe Depression“ zumindest, so hat er es Bernhard Weller geschildert, müsse er in seiner neuen Rolle „nicht spielen.“