Essay RHEINPFALZ Plus Artikel Softie, Macho, Held – die Krise der Männlichkeit

Käfigkampf als Metapher für den Überlebenskampf: Mixed-Martial-Arts-Idol Conor McGregor.
Käfigkampf als Metapher für den Überlebenskampf: Mixed-Martial-Arts-Idol Conor McGregor.

Männer von heute sollen alles sein, sie stecken aber vor allem in der Krise, wie geht es weiter?

Vielleicht ein Buch des Moments, „Mann gegen Mann. Von alten und neuen Tugenden“ von Matthias Politycki ist vor kurzem erschienen. „Weiberroman“ hieß dagegen eines der früheren, launigen Erfolgsbücher des Siebzigjährigen, das sich um das serielle Liebesleben eines liederlichen Germanistikstudenten dreht. Das Buch ist gleichzeitig ein humoriges Sittengemälde der 1970er- und 1980er-Jahre. Und eine Vermessung von Polityckis eigener, inzwischen abgeschriebenen Boomer-Generation, an der sich sofort Debatten entzündeten. Aber auch jetzt, mit seinem Männerbuch, und obwohl sich das Feuilleton zurückhält, hat der in Karlsruhe geborene Wahl-Wiener Politycki wieder einen Punkt. Denn es geht darin, wenn auch etwas aufgepfropft, um eine veritable Identitätskrise.

Mann weiß ja gar nicht mehr, wer er sein soll, sanft, fürsorglich und bereit für die Elternzeit, gleichzeitig kriegstüchtig und
Mann weiß ja gar nicht mehr, wer er sein soll, sanft, fürsorglich und bereit für die Elternzeit, gleichzeitig kriegstüchtig und wehrhaft – Symbolbild.

Borges und die anderen

„Wir brauchen Männer, die sich klassischer Rollenmuster erinnern und dennoch die neuen Interpretationen ihrer Geschlechterrolle nicht preisgeben“, schreibt Politycki, während er im Folgenden hauptsächlich den argentinischen Vorzeige-Intellektuellen Jorge Luis Borges als üblen Gesinnungsmacho entlarvt. Und tatsächlich bewegt sich Politycki mit seiner appellativen Forderung nach einem „neuen alten Mann“ in der Schnittmenge, an der die halbe Welt gerade laboriert. Und mit der sich beispielsweise in Norwegen eine eigene Kommission beschäftigt, die die Herausforderung für Jungen und Männer in einer sich veränderten Gesellschaft untersucht.

Hoffnungsloser Fall

Mann weiß ja gar nicht mehr, wer er sein soll, sanft, fürsorglich und bereit für die Elternzeit, gleichzeitig kriegstüchtig und wehrhaft auf der Straße, um seine Familie und Werte zu beschützen. Softie und Macho in einem, oder wie Politycki schreibt, Männlichkeit „hat für mich viel mit Potenzialität zu tun“. Mann müsse nicht immer Mann sein. Man sollte es nur jederzeit können. Leichter gesagt, als getan, die plötzliche Kippbewegung wirkt auf beiden Seiten erst einmal so verwirrend wie die Welt.

Auf der einen Seite Trump und seine „Make men great again“-Bewegung. Auf der anderen die jahrzehntelang eingeübten Muster der Testosteronbändigung. Da der real existierende oder drohende Krieg, der den „ganzen Mann“ erfordert, dort das „emphatische Männchen“ (Politycki), den die Debatten um toxische Männlichkeit und darüber, was der Mann alles nicht sein soll, übrig gelassen haben. Da MMA, der zur Metapher verklärte, brutale Käfigkampf im Oktagon mit Metallzaun, der in den USA ungemein populär ist – und dem neben Tech-Milliardären wie Elon Musk und Marc Zuckerberg auch der US-Präsident als Fan anhängt. Dort das Achtsamkeitsseminar, dessen Apologeten auf dem steil absteigenden Ast sind. Und jetzt geht es plötzlich darum, die Leerstelle dazwischen zu finden.

 Stilprägend: der ukrainische Präsident Selenskyi.
Stilprägend: der ukrainische Präsident Selenskyi.

Vor allem junge Männer sind sichtlich davon überfordert zwischen den Extremen ihre Mitte zu ergründen – während der alte weiße Mann als Inkarnation all dessen, was schiefgelaufen ist, sowieso als hoffnungsloser Fall gilt. Kann aber gut sein, dass die Gesamtgesellschaft an den Symptomen der Überforderung leidet.

Falsche Ideale

So tendieren junge Männer zwischen 16 und 28 auf der Suche nach Orientierung auffällig oft nach extrem rechts. Vielleicht im Sinn des AfD-Bundestagsabgeordneten und fast schon Star der sozialen Medien, Maximilian Krah, der in einem TikTok propagierte: „Echte Männer sind rechts, echte Männer haben Ideale, echte Männer sind Patrioten, dann klappt es auch mit der Freundin.“

Ob das stimmt, sei erst einmal dahingestellt, zumal junge Frauen sich verstärkt Richtung Die Linke mit ihrem Role Model Heidi Reichinnek orientieren. Derweil haben ihre männlichen Pendants Philip Amthor. Aber Krah bespielt schon ein existierendes Unbehagen. Ein Gutteil insbesondere junger Männer fühlt sich abgehängt.

Die Einsamkeitsepidemie

Jungs schneiden in der Schule schlechter ab, scheitern öfter bei der Berufswahl, gelten generell und von Anfang an als Fehler im System. Männern, hat die Wissenschaft herausgefunden, wird weniger Mitgefühl entgegengebracht. Dazu das Phänomen, das als „Male Loneliness Epidemic“ firmiert, das wachsende Gefühl der Einsamkeit, das Männer über die romantische Beziehung hinaus befällt. Einsame Männer aber, das legt die Forschung nahe, werden öfter suchtkrank und sind anfälliger für Verschwörungstheorien und religiöse oder eben politische Radikalisierungen.

Es ist paradox, aber in einer Umfrage aus dem Jahr 2022 geben 62 Prozent der befragten Frauen unter 30 an, sie wünschten sich ein „klassisches Familienmodell“ – mit Kindern, einem Mann als Hauptverdiener und der Frau, die daheimbleibt. Aber das Drittel junger Männer, das seinerseits einem klassischen Männerbild anhängt, fühlt sich nachweislich frustriert, weil das Gefühl kursiert, ihre Werte und Überzeugungen hätten keinen Platz mehr in der Gesellschaft.

Das Ideal der weiblichen Traditionalistinnen sind sogenannte Tradwifes, die sich im Internet als treusorgende Hausfrauen inszenieren. Auf der anderen, männlichen Seite beherrscht der US-Amerikaner Andrew Tate das Feld, er ist einer der am häufigsten gegoogelten Menschen der Welt. Ein wegen Vergewaltigung, Menschenhandels und der Bildung einer kriminellen Organisation angeklagter ehemaliger Kickboxer, der behauptet, Frauen seien nur durch Gewalt zu kontrollierendes Eigentum des Mannes.

Geht es so auch? Elon Musk mit Kettensäge.
Geht es so auch? Elon Musk mit Kettensäge.

Tragischer Held

Das Ziel müsste sein, schleunigst sehr viel bessere Vorbilder zu etablieren. Lehrer, Kindergärtner, Mentoren, Väter, die die alten und neuen Tugenden vorleben – solche, wie Respekt und Toleranz, Verantwortungsbewusstsein und Standfestigkeit. Solche die emphatisch sind – und „based“, wie es in einem vielbeachteten TikTok-Video von Simon Rubbert heißt, einem Aktivisten der Jungen Union Nordrhein-Westfalen.

„Based“ wie selbstbewusst und meinungsfest. „Schau keine Videos von Maximilian Krah“, sagt Rubbert in dem Post, „wähle nicht die AfD, geh raus an die frische Luft. Steh zu dir. Sei selbstbewusst. Und vor allem: Lass dir nicht einreden, dass du rassistisch hart und rechtsradikal zu sein hast“. Bedeutet auch: Nur Mut, virtus im Lateinischen, stammt im Übrigen von vir, Mann. Mut, der zum Kämpfen genauso gehört, wie dazu, auch einmal zu weinen, wenn es einem dazu drängt. Einen Mut, den für die Heidelberger Schriftstellerin Jagoda Marinic der ukrainische Staatschef Wolodomir Selenskyj verkörpert, der tragische Held, der sich sein Heldentum nicht selbst gewählt hat.

„Selenskis besonnene Mischung aus unbedingtem Verteidigungswillen, Demut und seiner rhetorischen Begabung, die Gewalt zu erklären wird die künftige Vorstellung von Männlichkeit maßgeblich prägen“, jedenfalls schreibt Marinic in einem Essay in der „Süddeutschen Zeitung“. Mann wird sehen, ob sie recht hat.

Lesezeichen

Matthias Politycki: „Mann gegen Mann. Von alten und neuen Tugenden“; Hoffmann und Campe, Hamburg, 260 Seiten, 24 Euro.

Beste Freunde: Donald Trump bei einer Kampfsportveranstaltung mit dem Präsidenten der Organisation UFC, Dana White.
Beste Freunde: Donald Trump bei einer Kampfsportveranstaltung mit dem Präsidenten der Organisation UFC, Dana White.
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