Popmusik RHEINPFALZ Plus Artikel Simply Red in Mannheim: Simply gut

Er wolle ein großartiger Sänger werden, sagte vor Jahrzehnten der junge Mick Hucknall – und genau der ist er bis zum heutigen Ta
Er wolle ein großartiger Sänger werden, sagte vor Jahrzehnten der junge Mick Hucknall – und genau der ist er bis zum heutigen Tag.

Natürlich war die SAP-Arena zu Ehren von Simply Red rot angestrahlt. Innen feierte die britische Band um Mick Hucknall ihren 40. Geburtstag: mit einem tollen Popkonzert.

Mick Hucknall hatte allen Grund zur guten Laune. Als er superpünktlich um 21 Uhr die Bühne der Mannheimer SAP-Arena betrat, hatte sein Herzensverein Manchester United im heimischen Old Trafford gerade 4:2 gegen Brighton gewonnen – der dritte Sieg in Folge für die „Red Devils“, die Roten Teufel von England, die sich die Rekordmeisterschaft mit den Rivalen vom FC Liverpool teilen.

Genau wie die Fußballer seiner Heimatstadt befindet sich auch Hucknall in diesen Tagen auf einem Höhenflug: In diesem Herbst spielt er mit seiner siebenköpfigen, ausnahmslos aus fantastischen Musikern bestehenden Band Simply Red ausverkaufte Konzerte in ganz Europa und begeistert Menschen von Kopenhagen bis Krakau und von Hannover bis Mailand. Auch zu Hause in Manchester sind sie schon aufgetreten – dort, wo nicht vor 40, sondern vor bald 50 Jahren alles begonnen hat.

Der Welthit eines 18-Jährigen

Wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag hatte der jugendliche blasse Rotschopf, von allen nur Mick genannte Michael James Hucknall am 4. Juni 1976 das heute legendäre Konzert der Sex Pistols in der Lesser Free Trade Hall besucht, das als nicht weniger als der Urknall des britischen Punk gilt. Und zwar vor allem deswegen, weil fast alle der nur ungefähr 40 Besucher danach eigene Bands gründeten, die berühmt werden sollten: Morrissey (The Smiths) war da, Mark E. Smith (The Fall), Peter Hook und Bernard Sumner (Joy Division und später New Order). „Das kann ich auch“, dachte sich wohl Mick Hucknall und gründete mit einigen Mitstreitern die New Wave/Punk-Band The Frantic Elevators, die auch einige Singles veröffentlichte – darunter „Holding Back The Years“ , das als letzte von drei Zugaben den Abend in Mannheim nach knapp zwei Stunden fulminant beendete. Es war der zweite Song, den Hucknall überhaupt geschrieben hatte, wie er beim Konzert erzählte, mit gerade einmal 18 Jahren.

„Aber lasst uns am Anfang anfangen“, hatte er zum Beginn des Abends gesagt und seine deutlich erfolgreichere Karriere mit Simply Red gemeint. „Money’s Too Tight (To Mention“, die Coverversion eines Soul-Songs der amerikanischen Valentine Brothers, war 1985 die Debüt-Single der frisch gegründeten Simply Red und auf Anhieb erfolgreich. Es war, nach einem sehr smoothen und angejazzten Einstieg mit „Sad Old Red“ und „Jericho“, der dritte Song des Mannheimer Konzerts – und der Anlass für viele Besucherinnen und Besucher, sich von ihren Stühlen zu erheben und bis zum Ende des Abends stehen zu bleiben.

Eine Stimme zum Staunen

Auch wenn er auch als 65-Jähriger immer noch mehr den Charme eines Punks als das Charisma eines Sinatras versprüht, war das Konzert von Simply Red keines zum Ausflippen und zum wilden Tanzen, sondern zum gediegenen Mitwippen. Und zum Staunen. Über eine Stimme, die in all den Jahren nichts von ihrer Kraft und ihrer Eleganz verloren hat. Er wolle ein großartiger Sänger werden, einer der besten, hatte der junge Hucknall in einem zu Beginn des Konzerts eingespielten Filmchen vor Jahrzehnten gesagt. Genau so ist es gekommen. Und die Art, wie er diese Stimme einsetzte, in den Soul-Pop-Hits von „Stars“ bis „Fairground“ und von „For Your Babies“ und „It’s Only Love“ bis „If You Don’t Know Me By Now“, die war genau richtig: nie übertrieben, nie angeberisch. „Ich bin Mick und singe“, sagte er bei der Vorstellung der Band. Das muss dieses britische Understatement sein.

Samtige Saxofonklänge

Auf der mit Anekdötchen und ein wenig Namedropping gespickten Reise durch die Jahrzehnte ließ Hucknall vieles weg. Die fünf Jahre dauernde Trennungsphase von 2010 bis 2015 zum Beispiel. Auch die unglaublich lange Liste an Besetzungswechseln kann man, sollte man sich dafür interessieren, im Internet nachlesen. Der einzige Musiker, der seit 1986 ununterbrochen an Hucknalls Seite spielt, ist der Saxofonist Ian Kirkham – und der begeisterte den ganzen Abend über immer wieder mit wunderschönen, ausgefeilten Soli, makellos samtig und zum Dahinschmelzen schön.

Zum getragenen „You’ve Got It“ ließen, als ob wir den Advent übersprungen hätten und morgen schon Weihnachten wäre, die Scheinwerfer kleine Punkte auf der Leinwand tanzen wie Schneeflöckchen. Es war der Soundtrack zu einer winterlichen RomCom, deren Hauptrolle natürlich Hugh Grant spielen müsste. Doch, das muss man nach diesem wirklich schönen Abend in der SAP-Arena festhalten: Zwischen Mick Hucknall und seinem Publikum ist es: tatsächlich Liebe.

x