Pfälzer Begegnungen
Senioren auf Zeitreise mit Manfred Mühlbeyer
„Ich habe so viel Glück gehabt im Leben, ich möchte einfach etwas davon zurück- und weitergeben.“ Manfred Mühlbeyer hält kurz inne und blickt in die Runde. Der Speisesaal der RH Seniorenresidenz Haus Josef in Ramstein-Miesenbach füllt sich nach und nach mit Bewohnerinnen und Bewohnern, die sich teils an ihren angestammten Plätzen am Tisch niederlassen, teils Stühle zurechtrücken oder ihre Rollstühle in den Gängen so platzieren, dass sie einen guten Blick auf das Vortragspult haben.
Der Buch-, Bühnen- und Filmautor aus Freinsheim stöpselt letzte Kabel ein, checkt das Mikro. Gleich wird er sein betagtes Publikum mit auf Zeitreise nehmen. Denn was er zurückgeben möchte, sind schöne Erinnerungen. Oder besser gesagt „Unterhaltsame Erinnerungen“, wie sein Programm heißt.
Anker im Meer des Vergessens
Dafür begibt sich der 71-Jährige, der zeitlebens im Film- und Showgeschäft – vor allem dahinter – im Einsatz gewesen ist, als Moderator auch mal vor die Kulissen. Bei seinen großen Shows schrieb er Konzept und Skript, nach dem meist prominente Profis durch das Programm führten. „Ich bin kein Moderator“, sagt er. „Aber wenn ich selbst moderiere, kann ich auf die Bedürfnisse der Gäste vor Ort reagieren“, begründet er seinen persönlichen Einsatz in Seniorenheimen. Das Publikum setze sich immer unterschiedlich zusammen. „Ich lasse mich gerne überraschen, welche und wie viele Menschen dabei sind, und ziehe dann das Passende aus der Schublade.“ Auf Gage verzichtet er, berechnet sich je nach Fahrtzeit höchstens mal eine Aufwandsentschädigung. „Es gibt mir viel, die Rührung zu sehen, wenn die Seniorinnen und Senioren mit mir in Erinnerungen schwelgen können“, sagt er. Vor allem Demenzpatienten könnten von seinen Shows profitieren, hat er festgestellt. Nostalgie als Anker im Meer des Vergessens.
Nostalgische Zeitreise-Shows sind seit vielen Jahren ein Schwerpunkt im Wirken des rührigen Kurators im Unruhestand. „Einfach spielen“ hieß sein erstes Programm, mit dem er im ganzen Land – von Hamburg bis München – unterwegs war. Das passende Spielzeug aus der eigenen umfangreichen Sammlung hatte er dabei stets im Gepäck. „Aber heute möchte ich nicht mehr so weit fahren, nur noch so weit, dass ich abends wieder im eigenen Bett schlafen kann“, berichtet er schmunzelnd.
„Zeitfenster“ mit Blick in die Zukunft
Trotzdem ist er gerade dabei, das Konzept in die Zukunft zu führen. Im „Zeitfenster“ eröffnet er Einblicke in die Weltgeschichte, rückt besondere Ereignisse, Entdeckungen und Erfindungen verschiedener Epochen in den Blickpunkt. „Ich habe erst mal ein Zeitfenster mit Zinnfiguren und entsprechendem Hintergrund gebaut, um eine Übersicht zu bekommen“, erörtert Mühlbeyer. „Das hilft mir, um ein Konzept zu erstellen und dann Moderationstexte zu schreiben“. Und dann kommt ganz nostalgiefrei auch bei ihm die KI ins Spiel – beziehungsweise bei seinen Söhnen, die sich damit bestens auskennen: „Patrick ist als gelernter Medien-Gestalter angestellt, und Marcel erweiterte nach seinem BWL- und Marketing-Studium das von mir gegründete Show-Service-Center von der Event- zur Medien-Agentur.“
Auf den Erfolg des „Media Service Centers“ als Zweig der „Show Service Center Mühlbeyer GmbH“ ist der Senior besonders stolz: Gerade habe Marcel den „Radio-Regenbogen-Award“ mit prominenten Preisträgen wie Tokio Hotel, Mark Forster und Michael Mittermeier visuell inszeniert, erzählt er. „Wir arbeiten gerne zusammen und ergänzen uns hervorragend“,schwärmt der Vater.
Weniger Technik 3.0, dafür umso mehr Herzblut steckt in den kurzweiligen und nahbaren Auftritten, die Mühlbeyer durch die Seniorenheime der Pfalz führen. In Ramstein-Miesenbach sind inzwischen gut fünf Dutzend Zuschauerinnen und Zuschauer zusammengekommen. Leere Kuchenteller werden abgeräumt, es wird noch mal ein Glas Wasser nachgeschenkt, während Melodien von Schlagern wie „Ich zähle täglich meine Sorgen“ und „Dich erkenn’ ich mit verbundenen Augen“ auf das Programm einstimmen. Ganz ohne Technik geht es allerdings auch hier nicht: Manfred Mühlbeyer wirft den Beamer an, der Bilder und Filmsequenzen auf eine weiße Wand werfen wird, und begrüßt seine Gäste herzlich. Dann stellt er sich vor, skizziert seinen Lebenslauf mit launigen Worten: „Ich habe eine Kaufmannslehre abgeschlossen. Die hat mir auch nicht geschadet“, verrät der Event-Manger – und hat die ersten Lacher auf seiner Seite.
Und schon nimmt er alle mit zurück in die Wirtschaftswunderzeit: Der Beamer spult Filmsequenzen mit bekannten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, Schlagerstars und Werbespots der 50er Jahre ab. Mühlbeyer hat dazu passende Anekdoten aus dem eigenen Erleben parat. Dekadenweise geht es weiter über die 60er, 70er und 80er Jahre bis hinein in die jüngere Vergangenheit. Das Publikum wird zunächst ganz still, verfolgt gebannt die Bilderfolgen: Toast Hawaii, Wienerwald-Händl, Schneewittchensarg, Neckermann-Katalog, Kennedys Mauergruß, Fix und Foxi, Petticoat und Hula-Hoop-Reifen, Peter Kraus und Margarinefiguren, autofreie Sonntage, Discofieber und Trimm-Dich-Männchen, aber auch epochale Hits und Kleidermode – die Erinnerungen wirken belebend.
Nachhaltigkeit mit Nostalgiefaktor
Bald tauen die Seniorinnen und Senioren auf. Manche schmunzeln, andere lachen laut und herzlich. Mit jeder Sequenz wird die Stimmung lockerer. Mühlbeyer bringt etwa seinen alten Schulranzen ins Gespräch, für ihn ein Symbol wahrhafter Nachhaltigkeit. „Damals musste man als Kind auf seine Sachen gut aufpassen“, plaudert er aus dem Nähkästchen. „Mein unverwüstlicher Schulranzen hatte mich neun Schuljahre – inklusive zweier Kurzschuljahre – begleitet, und als ich dann die Lehre antrat, wurden die Schulterriemen an der Rückseite entfernt und eine Handschlaufe angebracht. Statt Büchern und Schreibmäppchen wurden Frühstück und Mittagessen eingepackt.“
Nicht zuletzt kommt das alte Wählscheiben-Telefon in einer Anekdote Mühlbeyers zu Ehren: „Mein Schulfreund, dessen Eltern ein Büro mit gleich zwei Telefonen hatten, war genau wie ich stets zu Streichen bereit. Wenn seine Eltern beruflich unterwegs waren, nutzten wir die Gelegenheit und wählten die Telefonnummern von zwei Leuten, die nicht gerade Freunde waren, an den unterschiedlichen Telefonen. Dann hielten wir beide Hörer umgekehrt aneinander und amüsierten uns köstlich, wenn sich die beiden stritten, wer wen angerufen hatte.“
Wie im Flug ist die Zeit vergangen – nicht nur auf dem Weg durch die Jahrzehnte. Nach etwas mehr als einer Stunde kommt Mühlbeyer zum Ende seines Vortrags. Als er mit dem Abbauen beginnt, bittet ihn eine Dame im Rollstuhl zu sich. Den Tränen nah drückt sie seine Hand, bedankt sich für die Erinnerungen, die sie für den Moment die Gegenwart vergessen ließen. „Die ,Zeitreise’ mit Manfred Mühlbeyer war für die Bewohner ein besonders schönes Erlebnis“, bestätigt die stellvertretende Leiterin des Betreuungsteams im RH-Seniorenzentrum Haus Josef, Steffanie Claus.
Mit viel Humor und Einfühlungsvermögen habe er Erinnerungen aus vergangenen Zeiten lebendig gemacht „und uns zum Lachen, Staunen und Erzählen gebracht. Viele von uns fühlten sich in ihre Jugend zurückversetzt und konnten persönliche Geschichten teilen“, ergänzt sie. „Die Veranstaltung war nicht nur unterhaltsam, sondern auch verbindend, wir haben uns gesehen, gehört und wertgeschätzt gefühlt. Eine rundum gelungene Zeitreise, die uns noch lange in guter Erinnerung bleiben wird.“
Rückmeldungen wie diese sind es, die Manfred Mühlbeyer darin bestärken, seine „Unterhaltsamen Erinnerungen“ weiter in die Seniorenheime zu tragen, auch wenn er dafür seine Zeit opfert. Allzu gerne schwelgt auch er in Erinnerungen an ein reiches, buntes Leben mit illustren Begegnungen und unvergesslichen Erfahrungen. Während er sie teilt, spiegelt sich ein Stück seines Glücks in den Gesichtern seiner Gäste – und strahlt auf ihn zurück.
Zur Person
Er ist Buch-, Film- und Bühnen-Autor, und der Zeitgeist ist ihm wohlvertraut: Seit Anfang der 1970er Jahre beschäftigt Manfred Mühlbeyer sich mit Zeitgeschichte, wobei ihn die Sparte Unterhaltung in den Bann schlug. Schon als Kind wurde er – nicht immer zur Freude seiner Eltern – liebend gerne kreativ, indem er beispielsweise Dioramen für seine Tierfigürchen aus Möbeln und Küchenutensilien gestaltete, was keinen geringen Aufwand erforderte, wenn diese wieder ihrer eigentlichen Nutzung zugeführt wurden. Auf Familienfeiern trat er mit kleinen Zeitreiseshows auf, für die er sich allerhand Überraschungen einfallen ließ, teils ganz auf die jeweiligen Jubilare zugeschnitten.
Später wurde aus dem Spaß Ernst und Manfred Mühlbeyer zum Veranstaltungsprofi. Seit Mitte der 1970er Jahre konzipierte er nicht ausschließlich, aber immer wieder Bühnen- und Jubiläumsveranstaltungen unter dem Motto „Zeitreise“. Mehr als 5000 Moderationstexte und Drehbücher hat er für solche Anlässe geschrieben, auch für Marken wie beispielsweise ABB, BASF, Citroën und Dunlop sowie für „50 Jahre Lufthansa“ oder „100 Jahre Renault“ in Deutschland. Unter den Moderatorinnen und Moderatoren, die durch seine Show führten, waren aus dem Fernsehen bekannte Prominente wie „Mister Tagesschau“ Jan Hofer oder Petra Gerster (ZDF) sowie „Lotto-Fee“ Karin Tietze-Ludwig. Dem Fernsehen blieb er auch durch das Konzeptionieren von Produktionen mit der versteckten Kamera wie der Reihe „Schmunzelclip“ (HR) treu. Auch durch die Puppen-Show „Hurra Deutschland“ (WDR) wurde seine Arbeit vielen bekannt, sein Name blieb freilich im Hintergrund. Er schätze jedoch vor allem die Arbeit auf der Live-Bühne, sagt er, „denn hier bekommt man die Reaktion des Publikums sofort“.
Bis heute sammelt der Freinsheimer begeistert Spielzeug und Accessoires aus früheren Jahrzehnten, gilt vielen gar als Spielzeugpapst und Experte alter Modelleisenbahnen. Seit Mitte der 1990er Jahre organisiert und inszeniert Mühlbeyer zudem Sonderausstellungen, darunter waren bislang beispielsweise eine Beatles-Schau und Ausstellungen wie „Spielzeugwelt des 20. Jahrhunderts“, „Dinge, die die Welt nicht braucht“, „Spielzeugwelt der Wirtschaftswunderzeit“ sowie die Wanderausstellung „Zeitgeist der BRD“ anlässlich von Jubiläen der Bundesrepublik Deutschland. Sein Fachwissen um historisches Spielzeug fand Einzug in seinen Dokumentarfilm „Spielzeugwelt der Wirtschaftswunderzeit“, der in fast allen ARD-Programmen ausgestrahlt wurde. Objekte aus seiner Sammlung nimmt er auch mit auf seine Tour durch Pfälzer Seniorenheime mit dem Programm „Unterhaltsame Erinnerungen“.
Kontakt: 06353 1847, www.zeitgeistshow.de
