Essay
Schnee ist Hoffnung: Warum uns die Mini-Eiszeit jetzt gerade recht kommt
Im Lockdown noch der Flockdown. Ausgebremst wegen Eis und Schnee. Wäre es nicht so ernst, fast wäre es schön. Immerhin beherrschen uns für ein paar Tage andere, zur Chaoslage gejazzte Gegenwartsbeschreibungen. Es schneit. Es ist eisig. Im Winter, wirklich? Minus fünf Grad. Auch mal minus zehn. Endlich wieder herkömmliche Probleme, nicht nur Pandemie.
Alte zumal für den, der mit der good old Bahn fährt. Der witterungsbedingte Zugausfall ist wieder da, die Umleitung über Fulda, der Halt in Kassel fällt aus, dann doch nicht. Die Reservierungen falsch, das Bordbistro heute nur mit eingeschränktem Angebot. Auf Gleis eins parkt ein Aufenthaltszug, den Eiskristalle überziehen. Die Schaffnerin teilt Fahrgastrechteformulare aus, ausgestellt für zwei Stunden Verspätung. Die Bahn redet vom Wetter. Wir regen uns auf. Beinahe herrscht wieder präcoronale Normalität.
Schnee, das bedeutet plötzlich auch die Hoffnung, dass es wieder so werde, wie es nie war. Herrlich, die Kinder schultern den Schlitten, ziehen los. Wir denken: Wie wir früher – immer. Nur, dass sie um Mund und Nase einen seltsamen Kälteschutz tragen.
Winter ist immer, wie schön
Komisch, aber trotz gegenteiliger Empirie ist fast für jeden von uns die Jahreszeit jetzt mit blaugefrorenen Lippen und einer Art Wintersport verbunden. Mit schrumpeligen Äpfeln, die auf dem Ofen vor sich hin brutzeln. Immer Schnee. Festgefroren sitzt ein kalter Winter in der Wohlfühlversion im Kollektiv-Hirn einer jeden Generation. Auch wenn die wahren Eiszeiten länger zurückliegen: Mentalitätsgeschichtlich kommen wir aus kälteren Gefilden. Kann sein, dass uns pandemisch Aufgerauhten das jetzt wärmt.
Tatsächlich überliefert ist der letzte große Frost ja zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert. Die Periode wird von den Klimahistorikern als „kleine Eiszeit“ rekonstruiert. Die absolut tiefste Temperatur in einem Februar in der Pfalz indes wurde am 12. Februar 1929 gemessen. Minus 25,6 Grad auf der Kalmit, Minus 27,2 Grad in Limburgerhof.
Das Wintergefühl
Damals war der Rhein letztmals richtig zugefroren. Zur Erinnerung: Im Rekordwinter 1962/63 herrschten an 61 Tagen in ganz Deutschland Minustemperaturen. Es mag jetzt kalt sein, elf Grad minus in der Nacht zum Samstag. Aber in der uns prägenden Literatur und der Kunst herrschen immerzu eisige Temperaturen. Dieses Wintergefühl, bei dem ein Himmel hoch jauchzend in zu Tode betrübt kippen kann.
Vielleicht weht uns deshalb mit jedem kleineren Schneechaos, und diesmal eben ganz besonders, auch ein nur zwischenzeitlich verdrängtes Gefühl an. Weil? Auf den Urbildern unseres kulturellen Gedächtnisses fallen Flocken. In der Literatur lauter Winterreisen. Und überall im Windschatten der Polarluft auftretende Ambivalenzen.
Tolstoi, Hölderlin, Goethe
Tolstois Held Pierre, der sich (in „Krieg und Frieden“) nach seinem gewonnenen Duell im Schnee verliert. Hölderlins „Weh mir, wo nehm ich, wenn/ Es Winter ist, die Blumen, und wo/ Den Sonnenschein/ Und Schatten der Erde? Die Mauern stehn/ Sprachlos und kalt, im Winde.“ Goethe, der in seiner Novelle „Der Mann von fünfzig Jahren“ das Eislaufen feiert. „Sämtliche Glieder scheinen gelenker zu werden und jedes Verwenden der Kraft neue Kräfte zu erzeugen, so dass zuletzt eine selig bewegte Ruhe über uns kommt, in der wir uns zu wiegen immerfort gelockt sind.“
Bei Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) bewegen viele Schneebilder sich nah am Exitus, gerne sind bei dem großen Früh-Romantiker Friedhöfe weiß gepudert. Sein „Eismeer“ wirkt wie eine Totenlandschaft. Der große Spät-Romantiker Joseph Beuys (1921 bis 1986) indes erklärt seine Vorliebe für die Materialien Filz und Fett mit einer Errettung aus Eiseskälte. Die Legende geht so, dass er nach dem Absturz einer Stuka, in der er als Funker und Bordschütze wirkte, 1944 auf der Krim, von Tataren „acht Tage lang aufopfernd“ mit Tierfett gesalbt und in Filz gewickelt, vorm Erfrieren bewahrt worden sei.
Erholung in Eis und Schnee
Mit seiner Geschichte bespielt Beuys im Übrigen eine kulturgeschichtliche Erfahrung. Denn immer wieder brachten Schneemassen und Minustemperaturen Ungemach und gleichzeitig das Beste des Menschen zum Vorschein. Wobei, dass wir im Winter fast automatisch alle enger zusammenrücken, ist diesmal epidemiologisch unmöglich.
Die leise Ahnung davon, mitten im Leben vom Tod umfangen zu sein, die wir sonst, eingeschlossen von Eis und Schnee erleben, ist ständig anwesend – laut jetzt, Pandemie-bedingt, in den tagtäglichen Todeszahlen.
Alles anders, alles neu
Anders schauen wir jetzt nach draußen, wehmütig auch, weil uns DAMALS nur die Kälte ins Homeoffice trieb. Auf einmal betrachten wir auch auf das bekannteste Winterbild der Welt wieder neu. Pieter Bruegel der Ältere hat es 1565 geschaffen.
Zu sehen sind Heimkehrer, die nicht sehr erfolgreich gewesen sind. Sie bringen kaum etwas mit von der Jagd. Einer trägt einen Hasen geschultert. Es wird wohl Hunger herrschen. Aber die Jäger blicken vom Hügel herab auf eine fröhliche Gesellschaft beim Eisstockschießen. Schlittschuhläufer ziehen ihre Bahnen. Die Bauern haben im Winter wenig zu essen, aber viel Zeit für Geselligkeit. Ach.