Emy-Roeder-Preis RHEINPFALZ Plus Artikel Schnaps ist Kunst: Die Wettbewerbsschau um den Emy-Roeder-Preis in Ludwigshafen

Wie die Gesichtserkennungssoftware uns wahrnimmt: Arbeit von Roeder-Preis-Gewinner Tobias Becker.
Wie die Gesichtserkennungssoftware uns wahrnimmt: Arbeit von Roeder-Preis-Gewinner Tobias Becker.

Zeichnen mit Blitzen. Fotos machen von Gesichtserkennungssoftware. Die Oma auf ein Rembrandt-Gemälde bringen. Was kann die junge Kunst? Im Kunstverein ist es zu erleben.

Der Super-8-Film-Projektor rattert. Was er an die Wand wirft, nervt, das heißt: normalerweise. Was läuft? Das kreiselnde Symbol von Youtube, das immer dann auftaucht, wenn im Netz ein Video hochlädt, stoppt, hängt. Endlos dreht sich das Ding. Ein schönes Bild für die vergehende, auch vergeudete Zeit ist die Installation. Dass auch die digitale Gegenwart zeitlose Enttäuschungen bereithält. „On hold“ heißt das Werk – auf Deutsch: in der Warteschleife –, für das der Frankfurter Tobias Becker aus Püttlingen, Saarland, den rheinland-pfälzischen Emy-Roeder-Preis für junge Kunst gewonnen hat. Zudem für ein Werk, das erhellt, wie die an Flughäfen, Plätzen oder in Videospielen eingesetzte Gesichtserkennungssoftware tickt. Und uns wahrnimmt. Das Gesicht nur ein Schemen. Reduziert auf Striche und Balken, die der 1991 geborene Becker vom Bildschirm eines Tablets aus auf unbelichtetem Fotopapier verewigt hat. Das Ergebnis wiederum sieht Weise so aus, als sei’s eine Porträtskizze des russischen Expressionisten Alexej Jawlensky, der 1941 in Wiesbaden gestorben ist. Zu einer Zeit, als sich der Ton- gerade gegenüber dem Stummfilm durchgesetzt hatte. Die Verweise von alt auf neu, analog auf digital und jeweils umgekehrt, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, sind die Zentralthemen der Wettbewerbsschau für Künstler/innen unter 36, für die 16 von 56 Bewerber/innen ausgesucht worden sind. Valentina Jaffé aus Bad Dürkheim ist darunter, Björn Kühn aus Ludwigshafen, Paul Schuseil aus Speyer und Tugbu Simsek aus Grünstadt, vier Pfälzer. Aber auch Naehoon Huh, Yeonho Jang und Hyunju Oh, die aus Südkorea stammen. Die niedrigschwellige Landeskind-Definition macht es möglich.

Der eingeschlafene Denker

Nur eine „klassische“ Malerin hat es mit Aneta Kajzer aus Kattowitz in die Auswahl geschafft. Typischer ist, wie Elini Wittbrodt zeichnet. Mit Hilfe der Lichtreflexe ihres Smartphones und lichtempfindlichem Papier. Die Ausnahme sind auch zwei Schmunzel-Arbeiten aus Bronze von Paul Schuseil. Eine heißt ein „Denker – eingeschlafen“, eine Prothese, mit deren Hilfe jeder Blödian die entsprechende Haltung einnehmen kann. Oder die still-konzentrierte Video-Recherche von Silke Schönfeld über eine rechtsextreme „Bürgerinitiative“, die vom Verfassungsschutz als „Verdachtsfall“ geführt wird.

13 Frauen sind unter den Finalist/innen, drei Männer. In der Jury ist die Mann-Frau-Relation sieben zu zwei gewesen. Kann gut sein, dass sich bei der Werkauswahl der Juror/innen, die meisten etwas älter, deren Vorliebe für Hybrid-Kunstwerke aus Gewesenem und Gegenwärtigen durchgepaust hat. Die biografische Erfahrung der bis Mitte der 1960er-Jahre geborenen etwa, die noch mit der Schreibmaschine geschrieben haben. Naehoon Huh hat mit so einem Teil eine Performance bestritten, deren Relikte im Kunstverein zu besichtigen sind. Ein Haufen mit geschreddertem Papier liegt vor einem Schreibtisch. Darauf eine Schreibmaschine, ein Blatt Papier eingespannt, das direkt in einen Aktenvernichter lappt. Es heißt, Huh habe willkürliche Buchstabenfolgen hinterlassen. Es könnte aber auch eine Geheimsprache gewesen sein.

Das Henne-Ei-Problem

Es ist das alte Henne-Ei-Problem. Was war zuerst da? Die junge Kunst? Oder die Jury-Präferenzen? Jedenfalls spielt auch ein Werk der Förderpreisträgerin Theresa Lawrenz aus Mainz mit dem Motiv des Überkommenen. Eine kleine Mauer aus gegossenen Betonelementen, ausgespart einige Hohlräume, in denen in Vakuum verpackte Fundstücke stecken, konservierte Schuttfragmente von Baustellen. „Hold in trust“ (etwas treuhänderisch bewahren), ihr Werk ist im Abriss-seligen Ludwigshafen bestens postiert. Auch sonst so sieht man in der Schau viele Referenzen.

Die Oma im Rembrandt-Gemälde

Auf dem Video der Mainzerin Leonie Licht schaut sich ihre Großmutter Kathrin langsam um. Ihr Kopf ist in Rembrandts Porträt der Margaretha de Geer geschnitten, das um das Jahr 1661 herum entstand. Bedeutet, sie hält die Oma unbedingt für kanonisierungswürdig. Oder sich – augenzwinkernd – für eine Art Rembrandt. Oder beides. Kathrin Nicklas (Konstanz) stellt eine traditionell konstruierte Druckmaschine mit Holzrahmen aus. Tugbu Simsek nutzt zum Zeichnen eines niedlich-kindlichen Kreidehunds eine Riesenschultafel, wie sie, bevor es White-Boards gab, in der Schule hing. Nicht alles ist so aus der Zeit gefallen wie das traditionelle Schieferteil. So sind in Björn Kühns 2,50 Meter hoher Styroporsäule in Glaskörper abgefüllte Obstbrände eingelassen. Und herausnehmbare Büchlein mit Abschriften mittelalterlicher Anleitungen zu deren Herstellung. Schnaps ist Schnaps. Und Kunst ist Kunst. Dieses Mal gilt das nicht.

Die Ausstellung

Bis 8. November .
Ausblick: Werke von Naehoon und der Grünstadterin Tugba Simsek in der Kunstvereins-ausstellung.
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Konservierungs-Aufforderung: Werk mit Betonplatten und Baustellen-Abfall. Theresa Lawrenz hat dafür den Förderpreis gewonnen.
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Einzige „klassische “ Malerei: „Badman und Boy“ von Aneta Kajzer.
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