Mannheim
Schauspielstar Barbara Auer als Vorleserin
Puh, schon auch hart, so ein Rilke-Abend mit mutig beseelten Schaukelpferden und „Oh weh“ vor vermutlich Nicht-Nur-Germanistik-Publikum. Die Absage des nerdigen Grazer Junggenies und Büchnerpreisträgers Clemens J. Setz – was soll man sagen? Fluch und Segen.
Jedenfalls war die umfassend hochinformierte lesen.hören-Festivalchefin und Kerr-Preis-gekrönte Literaturkritikerin Insa Wilke an diesem Dienstagabend eingesprungen. Blieb ja auch noch die Allererste-Liga-Schauspielerin Barbara Auer für den Vorlesepart. Die Veranstaltung: restlos ausverkauft. Wilke also schickte ein Vorschusslob an das Herausforderungen feiernde Mannheimer Publikum voran. Und Auer betrat die Bühne als Anti-Diva, mit der Lesebrille auf. Schon ging’s los mit den literarischen Vivisektionen des „Einsamkeis-Santa-Claus“, wie Dichterkollege W. H. Auden Rainer Maria Rilke einst beschrieb. Bald hatte man vergessen, dass man Auer aus Filmen wie „Am Ende der Nacht“ oder „Innere Sicherheit“ kennt.
Vor 150 Jahren geboren, im Dezember vor 100 Jahren gestorben: Der Dichter galt Zeitgenossen als quasi heiligenartige Figur, „vom Literaturbetrieb losgekoppelt“, wie es in „Rainer Maria Rilke. 100 Seiten“, dem jüngst erschienenen Buch von Clemens J. Setz, heißt. Ein Mann, schon zu Lebzeiten historisch, jämmerlich allein als Kind, dingverliebt und so empfindlich, dass ihn Urteile anderer jahrelang beschäftigten.
Der „größte Dichter kindlichen Erlebens“ – als Vater einer Tochter aber ein Totalausfall. Seinen Panther aus dem Pariser Jardin des Plantes, dem es „als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt“ gebe, kannte früher jedes Kind.
Im Buch von Setz ist das Vorbild des Tiers übrigens abgebildet, auf einer zeitgenössischen Postkarte: tatsächlich ein bedauernswert dreinschauendes, flirrend geflecktes Exemplar. In Mannheim las Auer derweil Rilkes böse Bedichtung der Papageien, die „wiegen und schläfern und äugen / spielen mit dunkelen Zungen, die gerne lögen, / zerstreut an den Fußfesselringen. Warten auf Zeugen.“ Als Kontrastprogramm wurde Stefan Georges vergleichsweise allzu liebliche Vogelschau vorgeführt. So lief es dahin auf leisen Abwegen. Insa Wilke folgte den mit Clemens J. Setz abgesprochenen Spuren und zog ihrerseits erhellende, seminarwürdige Vergleiche.
Rilke und Setz, zwei Nerds? Als Einschätzung erschien ihr das dann doch entschieden zu wenig. Dafür ergeben sich für sie andere Parallelen – wie die zwischen dem Helden von „Monde vor der Landung“, dem Roman von Setz, und Rilkes Malte Laurids Brigge, der entsetzt und verstört durch Paris irrt. „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier“, trug Barbara Auer heilsam unpathetisch alsdann aus Rilkes (Brigges) „Aufzeichnungen“ vor.
Dazu hatte seine „Erblindende“ ihren Auftritt: „auf ihren hellen Augen, die sich freuten, war Licht von außen, wie auf einem Teich“. Noch einmal durfte der Dichter sich fragen, was wohl passieren würde, wenn man mit dem Stift eines Phonographen über die Schädelnaht eines Menschen führe. „Was würde geschehen? – Ein Ton müsste entstehen, eine Ton-Folge, (eine) Musik…“, Rilke nennt es Ur-Geräusch. Gerne folgte man ihm, Wilke und Auer sodann in das Wachspuppenkabinett der Lotte Pritzel.
„Sind wir nicht wunderliche Geschöpfe“, heißt es dort in reinster Prosa über die Puppenliebe, „dass wir uns gehen und anleiten lassen, unsere erste Neigung dort anzulegen, wo sie aussichtlos bleibt?“. Und schließlich durften die „Duineser Elegien“ nicht fehlen: Rilkes existenzielle, aus Angst, Verlust- und Endlichkeitserfahrung entstandene Gedichtmusik. Die fünfte Elegie wurde vorgetragen, inspiriert durch Picassos Gemälde „Les Saltimbanques“ (Die Gaukler). Rilke, der kurze Zeit Assistent des Bildhauers Auguste Rodin war, kannte es ziemlich gut.
Der „welke, faltige Stemmer“ kommt darin vor, „der alte, der nur noch trommelte, eingegangen in seiner gewaltigen Haut, als hätte sie früher zwei Männer enthalten“. Oder der „junge, der Mann, als wär er der Sohn eines Nackens und einer Nonne: prall und strammig, erfüllt mit Muskeln und Einfalt“. Metaphern für Liebende – und für die Vergeblichkeit.
Zum Schluss war man feierlich erschöpft. Das sei so schwer gewesen, hörte man Barbara Auer sagen – für sie auch. Aber alle seien im Saal geblieben. Sie schien beeindruckt. Blieb noch das Schlusswort von Insa Wilke: „Wie schön, dass wir gerade in diesen Zeiten die Schönheit haben.“ Viel Applaus.
Lesezeichen
Clemens J. Setz: „Rainer Maria Rilke. 100 Seiten“; Reclam, Ditzingen; 12 Euro.