Kultur und Gesundheit
Rock und Oper gegen Depressionen: Das Kaiserslauter Pilotprojekt „Kultur auf Rezept“
Schon ein Kerl von einem Mann. Ein Typ mit Glatze, langem ZZ-Top-Bart, schwarzem Ohrring, schwarzer Biker-Kluft, schwarzem Lonsdale-Shirt. Ein Kraft- und Kampfsportler. Nennen wir ihn W. – sehr ungern möchte er mit vollem Namen in der Zeitung erscheinen. W., der in einem Vorort lebt, ist bei einem in Kaiserslautern gestarteten, bundesweit einmaligen Pilotprojekt so etwas wie Patient Nr. eins.
„Kultur auf Rezept“ wird von der Stadt organisiert und von der Bundeskulturstiftung und dem Landeskulturministerium finanziert. Unter anderem die Weltgesundheitsorganisation hat die Heilkraft von Kultur nachgewiesen. W., der Pionier, hat Depressionen. Die Krankheit wird nach wie vor oft tabuisiert. Statistisch aber geht jeder fünfte Arztbesuch auf psychosomatische Ursachen zurück. Wir treffen W. im Büro von Dr. med. Janina Geib, Chefärztin der Klinik für Psychosomatik im Westpfalzklinikum in Kaiserslautern.
Geib strahlt beruhigende Wärme aus. Sie leitet auch eine Machbarkeitsstudie, die die Wirksamkeit des „Kultur-auf-Rezept“-Konzepts bei ihren Patientinnen und Patienten untersucht. In der Stadt ist man schon länger mit dem Thema beschäftigt.
Das Museum Pfalzgalerie laboriert unter der Ägide seines Direktors Steffen Egle an der sogenannten „Healing Culture“. Und Egle ist – wie der Direktor des Kulturreferats der Stadt, Christoph Dammann – Gründungsmitglied der 2023 in Kaiserslautern entstandenen Initiative „Healing Culture Network“, in der Bildhauer, Ärztinnen, Klinikclowns, Architektinnen, Theatermacher, Designer und Menschen mit allgemeinem Interesse an der Schnittstelle von Kunst, Gesundheit und Gesellschaft arbeiten. Kulturmann Christoph Dammann war es auch, der das auf 50 teilnehmende Kranke beschränkte Pilotprojekt initiiert hat, an dem W. als Erster mitmacht.
Zweimal war W. schon mit Rezept in der Kammgarn. Im Büro von Chefärztin Janina Geib ergänzt er mit seiner Breitbeinigkeit die Markanz seiner Erscheinung. Dass der 61-Jährige die meiste Zeit als vergrübeltes Häufchen Elend zu Hause sitzt, würde man kaum glauben.
Er erzählt, dass ihn „ein schlimmes Ereignis“ vor einem Jahr aus der Bahn geworfen habe. Die Stimme stockt. Konkreter kann W. sichtlich nicht werden. Aber wenn er davon erzählt, wie er auf Rezept bei dem Comedy-Format „Nightwash“ war, hellt sich seine Stimmung auf.
"Hätte ich die Karten nicht bekommen – ganz offiziell auf Rezept - wäre ich an diesem Abend nicht aus dem Haus gegangen. "
W. ist gelernter Koch, gelernter Heizungsbauer, Lkw-Fahrer mit Herzblut. Seinen Traumjob kann er seit „dem Ereignis“ – seiner posttraumatischen Belastungsstörung – nicht mehr ausüben. Auch die Motorradtouren lässt er bleiben. Die Freunde von früher trifft er sehr selten bis nie. Kaum geht er zum Einkaufen hinaus. Es bleiben noch seine Eltern, die er mitversorgt. Ansonsten lässt er oft die Vorhänge in seinem Haus zu.
Beim nächsten Mal eine Metal-Opera-Band
Janina Geib nickt. Sie kennt das, dass Patienten wie W. sich komplett zurückziehen. Er erzählt vom ausschließlichen Gedankenkreisen. W. sagt, hätte er die Karten nicht bekommen – ganz offiziell auf Rezept, wie Sumatriptan gegen Migräne –, wäre er auch an diesem Abend nicht aus dem Haus gegangen. Stattdessen wurde es bei „Nightwash“ dann doch lustig für ihn. Das erste Mal seit Langem wieder, erzählt W.. Der zweite Kulturtrip auf Rezept, der Auftritt der Pink-Floyd-Coverband Pulse, sei regelrecht „fesselnd“ für ihn gewesen.
Er habe einen Bekannten getroffen – nach 20 Jahren wieder. Plötzlich sei die Angst vor einer größeren Menschenmenge wie weg gewesen. Die Welt drehte sich für den Moment weiter. Janina Geib, seine Ärztin, spricht vom Aufscheinen der Hoffnung, dass es „wieder gut werden kann“, dass sich etwas verändert. W. davon, wie es war, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die etwas erlebt. Wie erholsam es sich anfühlte, dass nicht nur „die Sache“ eine Rolle spielte. Was er aber wichtig findet: dass ihm bei der Auswahl dessen, wo er hingehen will, die sogenannte „Link-Workerin“ Sabrina Roth zur Seite stand.
Roth ist selbst eine kulturelle Größe in der Region – eine Sängerin, Gesangspädagogin, Stimmtherapeutin, unter anderem. Das Angebot, aus dem sie auswählt, ist groß. Die Geschmäcker sind verschieden. Viele Kaiserslauterer Institutionen sind beteiligt. Und andererseits, so erzählt Chefärztin Janina Geib, seien unter den bisher 25 mitmachenden Patientinnen und Patienten auch einige, die noch nie eine Kulturveranstaltung besucht hätten. W. glaubt derweil, eine Operette hätte ihm vielleicht nicht so richtig weitergeholfen.
Fünf Rezept-Veranstaltungen in drei Monaten hat er frei. Am Ende des Projekts wird Bilanz gezogen. Vielleicht wird sich eine Art Selbsthilfegruppe gründen, hofft Janina Geib. W. will sich beim nächsten Mal in der Kammgarn das CD-Release-Konzert der Metal-Opera-Band Dyspiria ansehen – ein opulentes Fantasy-Spektakel, wenn das Ankündigungsvideo im Netz zutrifft.
Chefärztin Janina Geib wünscht sich „Kultur auf Rezept“ als Pflichtleistung der Krankenkassen.
Der Eintritt kostet rund 30 Euro, so viel wie eine Großpackung Ibuprofen. Die Band verspricht auf ihrer Netzseite, dass am 20. Februar die „Erlösung beginnt“. „Sei Zeuge, wenn das Licht zurückkehrt“. Aber wenn das wohl auch ganz im Sinn der Medizinerin Janina Geib wäre: Ihr würde vorerst genügen, wenn W.s Erfahrung und das Pilotprojekt die Gesundheitspolitik neu beleuchten würden. Am besten so, dass die Kultur auf Rezept zu einer vom Gesetzgeber bestimmten Pflichtleistung der Krankenkassen wird.
Info
Noch sind Plätze frei. Wer von seinem Hausarzt oder seinem Psychotherapeuten eine Überweisung wegen einer leichten Depression bekommt, kann sich bei Frau Dr. med. Janina Geib anmelden, Klinik für Psychosomatik, Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern, Hellmut-Hartert-Str. 1, 67655 Kaiserslautern, Telefon: 0631-2032734, Email: jgeib@westpfalz-klinikum.de.