DESIGN Rock den Rollator: Neue Siebensachen für alte Leute
Wer im Netz den Endlos-Bildlauf abwärts bei der Eingabe des Geburtsdatums kennt, spürt den Herzstich auch – wenn einen im Nachrichtenverlauf eskalierend Treppenlifterwerbung erreicht. Wer nur einen Daumen einsetzt beim Simsen, das heißt, wer überhaupt noch simst, ist betroffen, alt halt, mehr oder weniger. Das Problem steht im Personalausweis unter Date of Birth. Ersatzweise ist es anhand knackig-knackender Knieschmerzen zu identifizieren, an deren näher rückenden Horizont ein letztgültiges Demütigungsgefährt dräut. Der Rollator, wie kaum etwas sonst die Insigne der ungewollten Entschleunigung und ins Randständige abgedrängten Beteiligung am öffentlichen Leben – als sperriges Hindernis. Das heißt, wenn man im Status der Angewiesenheit auf die Gehhilfe daran noch Teilnahmelust verspürt.
Rund drei Millionen Menschen in Deutschland müssen auf das auf seine Funktion zurückgeworfene Hilfsgerät zurückgreifen, vorausgesetzt ihr Bewegungsdrang ist noch virulent. Tendenz steigend. Warum aber, fragt sich der Mensch, ist das Ding dann, wie so vieles, was das Älterwerden begleitet und bekleidet, so unsagbar hässlich? Denn, dass das ästhetische Umfeld des schleichenden Uhrablaufs so ist, wie es ist, dürfte mit ein Grund dafür sein, warum kaum je ein Positivbild der finalen Jahre existiert. Dafür aber viele Beispiele für den paradoxen, öfter dramatisch scheiternden Versuch der Vielen, einerseits alt zu werden, aber es nicht zu sein. Und trotzdem kommt, schon gefühlt mit Ü-60 etc. augenscheinlich nur noch Funktionskleidung in Frage, in Rentnerbeige. Oder knallfarbene Steppjacken im Partnerlook, uniforme On-Cloud-Sneaker, weil sie doch so bequem sind, Trekkingsandalen als offensichtlicher Ausdruck einer Selbstaufgabe. Heißt, die Dinge, die ältere, ach was, alte Menschen so haben (müssen) stellen in ihrer Ausgestaltung oft eine subtile Form der Altersdiskriminierung dar.
„Pimp my Rollator“ hieß deshalb ein Workshop bei der noch bis Sonntag laufenden Hamburger „Social Design Week“, der die Gegenbewegung antrat – weg vom Siebensachen-Stigma der frühen Geburt. Das Plakatmotiv dazu zeigt einen grellbunt camouflierten Gehwagen mit angehängten Fuchsschwanz – das Ganze wohl mehr als ironische Volte gedacht. Dabei liegt das wahre Gute, zumindest in Hamburg, nah.
74-jährige Hoffnungsdame
Elke Jensen heißt die Hoffnungsdame, ein 74-jährige Start-up-Gründerin. In einem Video auf ihrer Netzseite fungiert sie als ihre eigene Werbefigur für ihren CityCaddy, ein funktional-formschönes Zwischending zwischen Rollator, Abstützgerät, Shopper und Golfwagen. Die zugehörigen Taschen lassen sich je nach Nutzung austauschen. Alles ist recycelbar,
Die Gehhilfe sieht, statt nach Altenheim nach Bugaboo aus, einem Kinderwagen, mit dem Hipster um die Alster stolzieren. Und so ist Elke Jensen zu sehen wie sie ihren CityCaddy leichthändig über eine sanft ansteigende Treppe zieht als wär’s ein schnittiger Hacken-911er. Lässig stützt sich auf den Griff ab, der wirkt wie das Lenkrad eines Formeleins-Rennwagens. Dann schiebt sie ihre Mobilitätsassistenz über den Asphalt. Ein paar Handgriffe genügen. Das Teil mobilisiert nicht nur, sondern, anders als die üblichen, die Versehrtheit fokussierenden Vehikel, soll es, wie sie selbst sagt, „motivieren“. Die Hanseatin jedenfalls ist für ihre – zugegeben, schon teurere Erfindung – mehrfach ausgezeichnet worden. Ein Indiz, dass mit der boomenden Greisen-Gesellschaft höhere Ansprüche grassieren.
Wie kann es auch sein, dass Leute, die sich ihr Leben lang für formschöne Dinge interessiert haben, mit Erhalt des Rentenbescheids schlagartig ihren geschmacklichen Radius verengen. Auffällig ist es schon, dass es etwa beim jüngsten Nachwuchswettbewerb (!) um den Rimowa-Designpreis drei Entwürfe ins Finale der letzten sieben geschafft haben, deren Adressaten mehrheitlich ins langsam Taperige tendieren dürften.
Die Unterarmstütze „Standalone“ von Tom Kempter und Niels Cremer von der Bauhaus-Uni Weimar etwa, nennen wir sie Krücke. Fast könnte es sich um eine Skulptur von Isa Genzken handeln. Sie kann – wie der englische Name andeutet –, wenn es sein muss, auch für sich stehen. Dazu ein sanft leuchtendes, digitales Objekt, eine Art futuristisches Auge auf einem Marmorsockel von Sophie Ludwig von der Hochschule Pforzheim, das sich auffällig ins Interieur einfügt.
Mit „Memento“ lassen sich Erinnerungen speichern und in Form von Fotos, bewegten Bildern oder Musik wiedergeben. Derweil ist Compath, von Jonas Krämer von der Folkwang Universität der Künste in Essen eine lebenspraktische, mobile Gedächtnisstütze. Früher sah so ein Discman aus, potenzielle Nutzerinnen und Nutzer erinnern sich vielleicht. Dieses Teil dagegen ist als frühzeitige Unterstützung in den Stadien der Demenz einsetzbar. Ein intuitives Gerät, das Anleitungen gibt und Erinnerungslücken füllt. Im Notfall holt es auch Hilfe. An die Designpolizei ist dabei allerdings (noch) nicht gedacht.