Festival des deutschen Films RHEINPFALZ Plus Artikel Rainer Bock im Interview: „Mir ist wichtig, was meine Figur denkt und fühlt“

In „Karla“ spielt Rainer Bock einen Richter, der in den 1960ern einen Prozess leitet, nachdem eine Zwölfjährige ihren Vater wege
In »Karla« spielt Rainer Bock einen Richter, der in den 1960ern einen Prozess leitet, nachdem eine Zwölfjährige ihren Vater wegen Missbrauchs angezeigt hatte.

Rainer Bock bekommt am 2. September den zweiten Schauspielpreis des 21. Festivals des deutschen Films. Vorab sprach der 71-Jährige mit Stefan Otto.

Sie kommen nicht das erste Mal zum Festival des deutschen Films. Kommen Sie gerne wieder?
Ja, total. Ich mag das sehr. Ich finde, Daniela und Michael Kötz machen das ganz ausgezeichnet und bieten den Künstlern und allen, die da mit den Filmen zu tun haben, ein gastfreundliches Haus. Was ich auch sehr mag, ist dieses große Publikumsinteresse, nicht nur in der Quantität, auch in der Qualität. Die Filmgespräche, hinterher in diesem kleineren Zelt, habe ich überwiegend als sehr interessiert, als fundiert und aufschlussreich empfunden.

Wenn Sie am 2. September nach Ludwigshafen kommen, ist das für Sie ein bisschen auch eine Rückkehr in die Zeit, als Sie in den 1980er und 1990er Jahren in Heidelberg und Mannheim am Theater waren?
Ja, ich habe auch Verwandte und noch Bekannte bis Freunde in der Gegend, die wahrscheinlich auch kommen.

Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Unterschiedliche, aber auch grandiose. Ich habe 1989 am Heidelberger Theater meine Frau kennengelernt, und wir sind uns weiterhin herzlich verbunden. Das habe ich Heidelberg zu verdanken und damit letztendlich auch unseren Sohn. Das hat ja alles miteinander zu tun.

Künstlerisch habe ich Heidelberg sehr genossen. Mannheim auch, nur war das damals ein bisschen schwieriger, weil das Haus gerade renoviert und umgebaut wurde. Das war nicht ganz einfach, andererseits eine spannende Herausforderung.

Haben Sie damals auch schon Ludwigshafen kennengelernt?
Nein, ich kannte Ludwigshafen überhaupt nicht. Wenn ich da diese qualmenden Schlote gesehen habe, dachte ich auch, ich weiß nicht, ob ich diese Stadt jetzt unbedingt kennenlernen muss. Das fand ich nicht so anziehend. Ich habe es dann bei Mannheim belassen. Deswegen war ich völlig überrascht vom Ludwigshafener Filmfestival. Ich fand das fantastisch da unter den Platanen am Rheinufer. Ich habe noch dunkel in Erinnerung, dass es am Anfang in der Branche so ein bisschen belächelt wurde, und mittlerweile reißt sich die Branche darum, da zu sein.

Es fällt auch in Ihre Heidelberger Zeit, dass Sie zum ersten Mal vor der Kamera standen: in einer Folge von „Der Landarzt“.
Du lieber Gott! Das kam damals irgendwie so zu mir und da habe ich das gemacht. Aber das kann man nicht den Beginn einer Karriere nennen, ich war ja noch nicht mal in einer Agentur zu der Zeit. Ich habe während meiner Theaterzeit ganz wenig gedreht, weil ich dachte, die Kamera und ich, das wird kein Liebespaar werden. Damit war ich aber ganz entspannt, weil ich am Theater wirklich glücklich war und auch meinen Lebensunterhalt durchaus verdient habe.

In Heidelberg kommen keine Caster oder Filmregisseure und gucken sich die Schauspieler an. Wenn man in München am Residenztheater spielt, schon. Da ist es dann vielleicht etwas einfacher, durch die Arbeit auf der Bühne auf sich aufmerksam zu machen. Das war 2003 bei Jo Baier und „Stauffenberg“ der Fall, das war wirklich ein tolles Projekt damals, und dann hat Matti Geschonneck wiederum „Stauffenberg“ gesehen und mich für einen seiner Krimis besetzt. Mein filmisches Coming-Out war aber letztendlich „Das weiße Band“, 2009. Das war eine Produktion, die weltweit gesehen wurde. Danach kamen einfach so viele Anfragen, dass ich mich für Bühne oder Film entscheiden musste. Deshalb bin ich 2011 nicht mehr in ein festes Ensemble gegangen und habe gesagt, ich will mal versuchen, ob das klappt. Das war beruflich die beste Entscheidung, die ich bisher getroffen habe.

Jetzt werden Sie mit dem Preis für Schauspielkunst ausgezeichnet. Sehen Sie Ihr Spiel eher als Kunst oder als Handwerk?
Es bedarf eines gewissen Handwerks, diese Kunst auszuüben, aber natürlich empfinde ich uns Schauspieler und Schauspielerinnen als Künstler.

„Karla“ entwickelt ja seine Kraft aus der Ruhe. Wie gelingt es Ihnen eigentlich, selbst in so ruhigen Szenen so eine Kraft zu entwickeln, dass Ihre Darstellung so intensiv wirkt und man Ihnen sehr gerne zusieht?
Das müssen Sie sich fragen! Ich habe doch kein Kochrezept, wie ich meinen Beruf ausübe. Ich versuche generell, meine Figuren, die ich spiele, sehr ernst zu nehmen, auch die komischen Rollen. Diese Ernsthaftigkeit ist vielleicht das, was Sie dann als so eine aktive Spannung und Präsenz empfinden. Dass es mir nicht egal ist, was ich da spiele, sondern, dass es mir wichtig ist, was meine Figur denkt und fühlt.

Wie haben Sie selbst die Zeit erlebt, in der „Karla“ spielt? Die frühen 1960er Jahre und die Männer wie Richter Lamy, den sie verkörpern?
Das war eine weltkriegstraumatisierte Gesellschaft. Der Wiederaufbau nach dem Krieg war vielleicht viel zu rasch verlaufen, weil Amerika daran interessiert war, mit Deutschland ein mitteleuropäisches Bollwerk gegen den Bolschewismus zu haben. Das war ja nicht reine Menschenliebe, dass sie in Deutschland Wiederaufbauhilfe geleistet oder in Berlin die Luftbrücke eingerichtet haben, das waren ja handfeste politische Interessen. Dass das so rasend schnell ging, war den Menschen auch nicht ganz unlieb, weil Verdrängen dann besser war als Auseinandersetzen. Das hat natürlich zur Folge gehabt, dass diese Prozesse dann eigentlich erst durch die Studentenbewegung Ende der 60er Jahre wieder in die Gänge gekommen sind. Insofern war das eine Gesellschaft, die es nicht gewohnt war, viele Fragen zu stellen, auch nicht im zwischenmenschlichen oder persönlichen Bereich. Man hat Vieles gar nicht angesprochen, das war nicht erlernt.

Ich selbst hatte das Glück, das empfinde ich bis heute so, ein humanistisches Gymnasium besuchen zu dürfen, wo diese Form der Auseinandersetzung mit Literatur, mit Politik und Geschichte und so weiter durchaus stattfand. Auch in meinem Elternhaus wurde viel, gerade über politische Themen gesprochen. Ich komme aus einem erzsozialdemokratischen Haushalt, das hat mich natürlich auch mit geprägt.

Ist es Ihnen ein persönliches Anliegen, mit „Karla“ auf Kindesmissbrauch aufmerksam zu machen und dagegen einzutreten?
Ja, selbstverständlich. Ich halte Kindesmissbrauch für das schlimmste Verbrechen, das ein Mensch einem anderen Menschen antun kann. Und erst recht, wenn man selber Kinder hat, geht dieses Thema emotional natürlich sehr nahe. Aber mir sind alle brisanten gesellschaftlichen Themen ein innerliches Anliegen. Da fand ich dieses Drehbuch durchaus angemessen. Ich finde, gerade weil die Geschichte auf dieser historischen Folie stattfindet, ist es noch mal spannend, sie zu erzählen.

Zur Person: Rainer Bock

1954 in Kiel geboren, besuchte Rainer Bock eine private Schauspielschule in seiner Heimatstadt. 1982 hatte er sein Debüt am Theater Kiel und war von 1988 bis 1992 im Ensemble des Theaters Heidelberg und von 1992 bis 1995 am Mannheimer Nationaltheater. Witere Stationen waren das Staatstheater Stuttgart und das Bayerische Staatsschauspiel, bevor er seit 2008 vermehrt in Film und Fernsehen zu sehen ist. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Das weiße Band“, „Atlas“, „Nordholm“, „Solo für Weiss“ sowie internationale Produktionen wie „Inglourious Basterds“, „Gefährten“ und „Better Call Saul“.

Zum Film: „Karla“

Zu Ehren des – neben Uwe Ochsenknecht – neuen Preisträgers für Schauspielkunst zeigt das Festival des deutschen Films das Gerichtsdrama „Karla“ genau einen Monat vor seinem Kinostart. Tatsächlich ist der berührend eindringliche Film ein neuerlicher Beleg von Rainer Bocks hoher Kunst, dargebracht an der Seite von Kollegen, die die ihre beweisen.

Elise Krieps, die Tochter der Schauspielerin Vicky Krieps, spielt in ihrem Debüt sehenswert die Titel- und die eigentliche Hauptrolle: die zwölfjährige Karla Ebel, die auf der Flucht vor ihrem Vater ihre Familie verlässt und sehr zielstrebig den Beistand der Justiz sucht. „Bitte, Sie müssen mir helfen“, sagt sie und findet im München des Jahres 1962 Gehör bei dem Richter Friedrich Lamy (Rainer Bock). „Du willst deinen eigenen Vater anzeigen?“, staunt er, als er ihr Anliegen erfährt und sie berichtet, dieser habe sie über Jahre sexuell missbraucht. Dabei zeigt Karla sich nicht in der Lage, den Tathergang „vollumfänglich“ zu schildern, wie es eine Anklage normalerweise erforderte. Auch die vorausgesetzte medizinisch-gynäkologische Untersuchung vermag sie nicht über sich ergehen zu lassen.

Lamys Sekretärin (Imogen Kogge) redet ihm gut zu und gegen seine Zweifel an, angesichts der Aussichtslosigkeit dieses ungewöhnlichen Falles, in dem keine Beweise vorliegen und am Ende wohl Aussage gegen Aussage stehen wird. Erst im Finale des so konzentrierten wie intensiven Dramas kommt es zur Gerichtsverhandlung mit Karlas Eltern Karl (Torben Liebrecht) und Viktoria (Katharina Schüttler). Bis dahin entwickelt das auf wahren Begebenheiten beruhende Debüt von Christina Tournatzés ganz aus der Ruhe seine große Kraft.

Termine

„Karla“ läuft in Ludwigshafen am 2. September, 18 Uhr (im Anschluss an die Preisverleihung); 3. September, 21 Uhr; 4. September, 18 Uhr; 7. September, 12 Uhr, Details unter www.fflu.de

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